Interview mit Vincent Muller: "Düsseldorf ist Teil unserer Familie"

Interview mit Vincent Muller: "Düsseldorf ist Teil unserer Familie"

Der französische Generalkonsul über die Wirkung der Tour de France, die Rolle von "Klein-Paris" am Rhein und die Chance, Europa noch einmal neu zu erfinden.

Für die guten Beziehungen zwischen Düsseldorf und Frankreich war 2017 ein besonderes Jahr. Stichwort: Grand Départ und Tour de France. Hand aufs Herz: Hat es Sie irritiert, dass ursprünglich nur eine denkbar knappe Mehrheit unter Einschluss der Rechtspopulisten dafür war?

Muller In der Demokratie entscheidet die Mehrheit. Und die war dafür. Ich bin aber sicher, dass auch diejenigen, die den Beschluss damals nicht mitgetragen haben, gute Freunde Frankreichs sind.

Obwohl sie sich mit der Genehmigung nachträglich entstandener Kosten erneut sehr schwergetan haben?

Muller. Diese Auseinandersetzung hat nichts mit der sportlichen oder politischen Bedeutung des Grand Départ zu tun. Die wirklich gute Zusammenarbeit zwischen der Region Düsseldorf und Frankreich wird dadurch nicht beeinflusst. Das Ganze war - trotz Regens - wegweisend für die Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen. So etwas misst man nicht nur an wirtschaftlichen Eckdaten, die übrigens ganz gut sind, sondern auch - und sogar zuerst - an der Begeisterung, die solch ein Ereignis auslöst.

Haben Sie mal mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die als damalige FDP-Fraktionschefin zu den Skeptikern zählte, oder anderen Gegnern über all das gesprochen?

Muller Das ist nicht meine Aufgabe, aber ich habe bei vielen öffentlichen Auftritten und bei privaten Meinungsaustauschen meine Position klar vorgetragen. Als Generalkonsul darf und möchte ich mich nicht in innere Angelegenheiten der Stadtverwaltung einmischen, weil ich hoffe, die Polemik hat nichts mit Frankreich zu tun.

Die Düsseldorfer sind stolz darauf, dass Napoleon von der Stadt als einem "Klein-Paris" gesprochen haben soll. Wissen die Pariser eigentlich, dass sie eine kleine Zwillingsschwester am Rhein haben?

Muller (schmunzelt) Also da muss man realistisch sein. Mit Metropolen wie Paris oder London sind Düsseldorf und Köln nicht vergleichbar. Bis zur Tour de France haben die Pariser sicher nicht sehr häufig über Düsseldorf gesprochen.

Und jetzt ist das anders?

Muller Gewiss! Die Tour de France ist ja eine "Perlenkette" von Etappen, und so wird der "Grand Départ" in einer Stadt mit der "Arrivée" auf der Champs-Elysées immer gemeinsam kommentiert. Dieses Radrennen gehört zur französischen Identität, aber wird auch drei Wochen lang in der ganzen Welt von Millionen Fernsehzuschauern verfolgt. Für meine Landsleute ist Düsseldorf jetzt eine Art "Familienmitglied" geworden.

Das Frankreich-Fest, die Französische Schule an der Graf-Recke-Straße und das Institut Français sind Säulen einer guten Partnerschaft...

Muller ... und die Unternehmen. Denken Sie nur an L'Oreal, das mit seiner neuen Firmenzentrale ein klares Bekenntnis zu Düsseldorf abgegeben hat.

Klingt gut. Aber gibt es auch einen Bereich, in dem noch Luft nach oben ist?

Muller Seit September bin ich auch Leiter des Institut français in Nordrhein-Westfalen, also der Kulturinstitute in Düsseldorf und in Köln. Gerne würde ich diese neue Rolle nutzen, um die sozialen und die künstlerischen Begegnungen zu intensivieren.

Was heißt das konkret?

Muller Wir sollten mehr junge Franzosen nach Düsseldorf holen und umgekehrt mehr Düsseldorfer nach Frankreich. Das betrifft nicht nur die Gymnasien, wo die Schüler das Abibac vorbereiten oder Französisch lernen, und die Hochschulen, sondern auch die berufliche Bildung. Schließlich gilt die duale Berufsausbildung in Deutschland als vorbildlich. Ferner wünsche ich mir, dass es in unseren Häusern über Europa und seine Zukunft einen offenen Dialog gibt. Das ist nicht nur ein Thema für die politischen Parteien, sondern für die ganze Gesellschaft, und hierzu können die frankophilen Vereine (wie der Deutsch-Französische Kreis) einen Beitrag leisten. Eine große Chance ist natürlich auch der Ausbau der Städtefreundschaft mit Toulouse.

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Was ist das nächste "trikolore" Ereignis, das ein Zeichen setzen kann für diesen europäischen Geist, den Sie vermitteln wollen?

Muller Der Grand Départ war etwas Besonderes und wird es vorerst auch bleiben. Wie Sie wissen, wird Staatspräsident Emmanuel Macron den Karlspreis am kommenden Fest Christi Himmelfahrt in Aachen erhalten. Zu einem der nächsten Höhepunkte könnte das Jacques-Offenbach-Jubiläum im Jahr 2019 werden. Der Musiker ist überhaupt ein gutes Beispiel für den regen Austausch zwischen dem Westen Deutschlands und Frankreich. Dass dieser Komponist in Köln geboren wurde, nehmen vielen Franzose gar nicht wahr...der "French Can-Can" hat eben deutsche Wurzeln!

Düsseldorf und das Rheinland fühlen sich Frankreich näher als andere Teile Deutschlands. Und das nicht nur im geografischen Sinne. Ist das mehr als nur ein Gefühl, mehr als eine charmante Koketterie?

Muller Hier "kreuzen" sich der Rhein und der Thalys! Kompliziert, ja feindschaftlich wurde es mit und nach der Reichsgründung 1870/71. Der Austausch war bis dahin rege und relativ einfach, wenn auch bereits nach 1814 die Grenzen unter Kontrolle standen. Um frei zu reisen, genügten im 18. Jahrhundert einige Goldmünzen und eine kleine Visitenkarte. Gerade die Rheinländer nahmen sehr bewusst wahr, wie man etwas weiter westlich lebte und dachte. Nicht von ungefähr fand Heinrich Heine in Paris seine neue, freie Heimat.

Sie sind Elsässer und stammen aus einer in Marlenheim bei Straßburg ansässigen Winzerfamilie. Kann das Elsass eine ähnliche Brückenbauer-Rolle nach Osten hin einnehmen wie das Rheinland nach Westen hin?

Muller Schön wär's, aber nüchtern betrachtet ist der Vergleich nicht ganz zutreffend. Das Elsass fühlt sich sehr "europäisch" und ist stolz auf die internationale Rolle von Straßburg, heutzutage wird Deutsch meistens als "Fremdsprache" gelernt (wie Französisch hier) und von der jungen Generation kaum noch als Teil ihres "Kulturerbes" verstanden... Goethe würde es vielleicht schwer haben, nur mit deutschen Gedichten zwischen Rhein und Vogesen eine "Friederike" zu finden...

Und das war einmal anders?

Muller Aber ja. Bis zum Schuleintritt mit sechs Jahren habe ich zuhause nur Elsässerdeutsch, also den mit dem Alemannischen in Baden eng verwandten Dialekt, gesprochen. Mein Großvater konnte kaum Französisch. Aber wir reden hier von den 60er Jahren. Das hat sich komplett verändert, mit sehr negativen Folgen für den regionalen Arbeitsmarkt übrigens.

Ihr Präsident Emmanuel Macron möchte Europa weiterentwickeln. Er will, dass aus der Währungsunion eine echte Wirtschaftsunion wird. Und dass es bald so etwas wie eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft gibt. Derweil fehlt Deutschland bis auf Weiteres eine stabile Regierungsmehrheit.

Muller Man muss eben der "Zeit Zeit lassen", hat François Mitterrand gesagt, aber in ein paar Monaten werden wir, da bin ich zuversichtlich, die Probleme überwunden haben. Wir brauchen eben Mut und Weitsicht! Die offenbar komplexen Gespräche passen zu dem, was wir gerne auch mal mit "Querelle d'Allemand" umschreiben, also zu einer Art von Streitigkeiten, die wir Franzosen manchmal mit ein wenig Verwunderung betrachten. Doch ich merke es schon: Die Bürger wollen die Reformen, und Ministerpräsident Armin Laschet hat sich auch als Befürworter der Vorschläge von Emmanuel Macron geäußert.

Was sind die nächsten Fortschritte in der deutsch-französischen Partnerschaft?

Muller Strategisch gesehen gab es 2016 zwei Erdbeben: den Brexit und die Wahl Trumps. Das zu Ende gehende Jahr sehe ich als eine Art demokratische Scharnierperiode zu neuen Weichenstellungen. Dabei denke ich besonders an die Wahlen in Deutschland und Frankreich. 2018 wird das Jahr der Debatte, 2019 - mit den Europa-Wahlen - dann das Jahr der Entscheidung.

Mit welchen Folgen?

Muller Ich bin von Natur aus Optimist. Wir werden weiter zusammenwachsen und uns "befruchten". Und Düsseldorf und das Rheinland werden dabei eine sehr wichtige und sichtbare Rolle spielen.

JÖRG JANSSEN FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)