Düsseldorf: Interview mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Elisabeth Wilfart

Interview mit der Düsseldorfer Gleichstellungsbeauftragten : „Weibliche Vorbilder motivieren Frauen“

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt hat untersuchen lassen, welche Rolle Frauen im Rat spielen. Das Ergebnis: Frauen haben verhältnismäßig weniger Redeanteile als Männer.

Seit 2012 kümmert sich Elisabeth Wilfart bei der Stadt Düsseldorf um die Gleichstellung von Männern und Frauen – und scheut sich nicht vor harten Wahrheiten wie dieser: Frauen reden im Rat verhältnismäßig kürzer und seltener als Männer.

Wilfart wünscht sich deshalb neben einer Quote auch mehr weibliche Vorbilder in der Stadt. Und sie begrüßt, dass die Rheinbahn sich um mehr Fahrerinnen bemühen will.

Frau Wilfart, das Gleichstellungsbüro hat kürzlich gemessen, wie sich der Redeanteil von Männern und Frauen in den Ratssitzungen verteilt - mit deutlichem Ergebnis. Wie waren die Reaktionen?

Elisabeth Wilfart Ganz unterschiedlich. Mir ist wichtig, deutlich zu machen, dass die Intention keinesfalls war, den Frauen vorzuwerfen, dass sie zu wenig ans Redepult treten oder umgekehrt die Männer vorzuführen. Ich meine aber, dass man nicht nur über das Thema Gleichstellung reden sollte, sondern auch Daten und Fakten vorlegen und kritische Punkte benennen muss.

Der Frauenanteil im Stadtrat liegt knapp unter 40 Prozent. Die Messung zeigt ein Missverhältnis.

Wilfart Ja. Wir haben anhand der Sitzungen im Juni und Juli angeschaut, wie oft Männer und Frauen sich jeweils zu Wort melden und wie lange ihre Beiträge im Vergleich sind. In der Juni-Sitzung lag der Anteil der Frauen bei Redebeiträgen und der Länge jeweils in etwa bei einem Drittel. Im Juli haben Männer noch mehr der Gesamtredezeit eingenommen. Der Frauenanteil ist übrigens im Vergleich zu anderen Parlamenten gar nicht schlecht, der Frauenanteil im Landtag zum Beispiel liegt in der laufenden Wahlperiode gerade einmal bei 27 Prozent.

Wie kamen Sie überhaupt darauf, das zu untersuchen?

Wilfart Ich bin seit sechs Jahren wegen meiner Funktion im Rat dabei und beobachte natürlich die Kommunikation. Den Ausschlag gab, dass sich zwei Nachwuchskräfte für den Rat interessierten. Sie haben in den Sommerferien die Videoaufzeichnung, die im Internet abrufbar ist, ausgewertet.

Wie erklären Sie sich die Zahlen?

Wilfart Mir fällt auf, dass Frauen oft ans Redepult treten, um ihr Thema vorzustellen. Das tun die Männer auch, bei ihnen beobachte ich aber noch ein anderes Phänomen, das ich als „reflexhaftes Antworten“ bezeichnen möchte. Dabei geht es gar nicht so sehr um neue Argumente, sondern darum, sich und die eigene Position durch einen Redebeitrag sichtbar zu machen. Präsenz schafft Bedeutung.

Machen die Männer also etwas falsch?

Wilfart Nein, es geht nicht um falsch und richtig, sondern darum, eingeschliffene Gewohnheiten in der Kommunikation bewusst zu machen. Der Rat trifft schließlich Entscheidungen, die für Männer und Frauen wichtig sind, ob Straßenbau oder Kita-Plätze.

Man kann sich die Redeanteile aber vielleicht einfach dadurch erklären, dass drei der sechs Fraktionen von Männern geführt werden, darunter die größten: CDU und SPD. Dazu kommen zwei gemischte Doppelspitzen, nur die kleinste Fraktion Tierschutz/Freie Wähler hat eine weibliche Doppelspitze.

Wilfart Stimmt. Es geht auch um Führungskultur. Frauen sind unterrepräsentiert. Ich höre oft das Gegenargument, dass es in Deutschland eine Kanzlerin gibt. Man macht aber keine Marzipantorte, indem man einen Marmorkuchen backt und eine Marzipankugel auf die Spitze setzt. Natürlich geht die Gleichstellung nicht automatisch nach vorne, wenn eine Frau mehr an die Spitze rückt. Auch Männer können etwas tun. Wir haben übrigens auch eine Analyse mit der RP gemacht.

Und was ist herausgekommen?

Wilfart Nur ein Viertel der Montagsinterviews im Jahr 2017 wurde mit Frauen geführt. Das ist sicher auch ein Spiegel davon, dass mehr Männer in Düsseldorf in wichtigen Positionen sind. Aber ich werbe dafür, nicht immer die Jungs zu nehmen, nur weil sie laut „hier“ schreien.

Was folgern Sie? Mehr Frauen-Quoten?

Wilfart Nicht nur. Ich fordere ein stärkeres Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Es wäre schön, wenn auch in Düsseldorf mehr weibliche Vorbilder sichtbar würden. Das motiviert andere Frauen. Ich erlebe durch meinen 20 Jahre alten Sohn, dass es in der Generation da voran geht. Dort gibt es viele selbstbewusste Frauen und auch Männer, denen eine Partnerschaft auf Augenhöhe wichtig ist.

Sie sind seit 2012 die städtische Gleichstellungsbeauftragte. Hat sich seitdem in der Stadtverwaltung etwas geändert?

Wilfart Ja. Der Anteil der weiblichen Amts- und Institutsleiter hat sich erheblich erhöht und liegt bei etwa 33 Prozent. Wir treffen mit jedem Amt und jedem Institut eine Zielvereinbarung zum Abbau von Unterrepräsentationen, zur Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf und zu Maßnahmen gegen Diskriminierung. Dadurch nehmen wir die Führungskräfte in die Pflicht. Natürlich muss jede Abteilung im Detail angeschaut werden, die Grundsituation im Aquazoo ist sicher anders als im Katasteramt.

Was passiert denn, wenn sich ein Amt nicht an die Vereinbarung hält?

Wilfart Das Gesetz sieht keine Sanktionen vor. Unsere Hauptaufgabe ist daher, ein Bewusstsein zu schaffen. Ich kann niemanden zwingen.

Nicht mal jeder zehnte Fahrer der Rheinbahn ist weiblich. Unternimmt das Unternehmen genugdagegen? Eigentlich fehlen ja Fahrer.

Wilfart Ich finde es gut, dass Arbeitsdirektor Klaus Klar das Thema jetzt angehen will. Bei allen Fahrbetrieben gibt es mehr Männer als Frauen, es gibt aber welche mit einem höheren Frauenanteil als die Düsseldorfer.

Was machen die anders?

Wilfart Die Arbeitgeberin muss gucken, wie sie den Einstieg erleichtern kann. Eine große Herausforderung ist sicher der Schichtdienst. Die Bremer Verkehrsbetriebe zum Beispiel praktizieren sehr erfolgreich ein Modell mit extrem flexiblen Arbeitszeiten. Natürlich geht es auch hier wieder um Vorbilder. Wenn so wenige Frauen in einem Bereich arbeiten, braucht man Eisbrecherinnen. Die Rheinbahn hat sogar eine Tradition als Arbeitgeberin für Frauen.

Woran denken Sie?

Wilfart Nach dem ersten Weltkrieg gab es Schaffnerinnen, damals wurde das Geld ja noch während der Fahrt eingesammelt. Wir sind auf historische Aufnahmen gestoßen, als wir mit dem Stadtarchiv die Ausstellung “Düsseldorferinnen. Frauen haben Recht(e)” vorbereitet haben, die am Dienstag im Rathaus eröffnet wird.

Was ist dort noch zu sehen?

Wilfart Wir zeigen, wie Frauen in den vergangenen hundert Jahren in Düsseldorf gelebt haben. Unter anderem haben wir für die Ausstellung nach allen Frauen gesucht, die im Stadtrat gesessen haben. Von vielen haben wir sogar ein Foto gefunden. Anlass ist das 100-jährige Bestehen des Frauenwahlrechts. Man muss sich vorstellen: Vor 100 Jahren hat man Frauen noch erklärt, sie hätten ein kleineres Gehirn und würden sich daher nur für die Rolle der tugendsamen Ehegattin eignen. Das ist eigentlich noch gar nicht so lange her.

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