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Düsseldorf: Ideenschmiede Mirevi bringt Goethe zum Leben

Serie Forschung in Düsseldorf : Wenn Goethe zum Avatar wird

Die Ideenschmiede Mirevi der Hochschule Düsseldorf mixt Realität und virtuelle Technik. Davon profitiert auch die Kultur. Das Labor arbeitet mit mehreren Kultureinrichtungen in Düsseldorf zusammen.

Willi erinnert sich genau: Er war gerade 18 Jahre alt, als er im letzten Kriegswinter zum Fronteinsatz in die Ardennen musste. Während er von damals erzählt, rieseln Schneeflocken auf ihn herab, knallen Geschosse, rauschen Panzerketten, Rauch vernebelt die Szenerie. Man kann sich Willi mithilfe virtueller Technik ins eigene Wohnzimmer oder in einen Klassenraum holen und dort seinen Sätzen lauschen. Dieser Zeitzeugenbericht der speziellen Art wurde möglich durch ein Projekt von Mirevi, einer Ideenschmiede der Hochschule Düsseldorf. Das interdisziplinäre Forscherteam mixt Realität und virtuelle Technik und sucht so neue Wege für die Wechselwirkung von Mensch und Computer – ein weites Feld.

Ein Hinterhof an der Ackerstraße, nur ein paar Schritte vom Worringer Platz entfernt. Ganz hinten, in einem unscheinbaren Gebäude ist die Zukunft zu Hause. In zwei Laboren arbeitet das Team von Christian Geiger (Professor für Mixed Reality und Visualisierung im Bereich Medien), zu dem neben Informatikern auch Designer, Medienexperten und Künstler zählen. Eine raumhohe Videowand vermittelt einen ersten Eindruck, was hier geschieht und zeigt, wie sich virtuelle Technik einsetzen lässt für ganz unterschiedliche Aspekte des Lebens – und für eine neue Erlebniswelt in Kunst, Medizin, Sport und vieles mehr.

Diese Möglichkeiten nutzen auch die Düsseldorfer Kulturinstitute für neue Konzepte – erst recht in den Zeiten des Corona-Stillstands, „der nun wie ein Beschleuniger wirkt, was die digitale Entwicklung betrifft“, meint Christian Geiger. So kooperiert das Mirevi-Team mit Kunstpalast und NRW-Forum, um mit virtuellen Mitteln das „Museum der Zukunft“ zu gestalten und mit Oper und dem Forum Freies Theater, um das „Digitale Foyer“ zu schaffen. Mit dem Aquazoo, damit kleine und große Abenteurer mithilfe digitaler Technologie die Unterwasserwelt erkunden können. Und für das Goethe-Museum wird aktuell an einem virtuellen Avatar des Dichters gearbeitet, für den die Lebendmaske Goethes eingescannt wurde. Ziel: eine mobile App als Museumsführer. „Unsere Partner brauchen dazu eine technische Expertise“, sagt Geiger, dessen Team wiederum mit zwei Firmen (Tennagels Medientechnik und dem 3D-Spezialisten Lavalabs Moving Images) kooperiert, die praktischerweise direkt nebenan ihren Sitz haben.

In Zusammenarbeit mit dem Uniklinikum entwickelte Marcel Tiator, Doktorand im Mirevi-Team, eine virtuelle Technik, damit sich Patienten vor ihrem Klinikaufenthalt schon mal ein Bild von einer Intensivstation machen können – ein Ort, den man ja sonst nicht einfach besichtigen kann. Dazu wurde die Klinikstation zunächst mithilfe von 3D-Scannern digitalisiert, bevor sein neues Verfahren zum Einsatz kam: Eine künstliche Intelligenz, die mit deutlich geringerem Aufwand als bisher virtuelle Türen öffnet, einen realistischen Einblick vermittelt und Patienten dadurch möglicherweise Ängste nimmt.

Ein anderes Projekt soll (nicht nur) in Zeiten von Homeoffice und virtuellen Konferenzen die Kommunikation der Teilnehmer erleichtern, auch dann, wenn sie dabei eine VR-Brille tragen, die einen Großteil des Gesichts verbirgt. Bisher war ein aufwändiger Prozess notwendig, das Gesicht hinter der Brille zu rekonstruieren, um die Mimik erkennen zu lassen. Philipp Ladwig und Alexander Pesch haben nun ein schnelles und kostengünstiges Verfahren entwickelt. Dabei lernt eine künstliche Intelligenz innerhalb von Stunden ein teils verdecktes Gesicht zu erkennen und ist in der Lage, es während einer Konferenz vollständig wiederzugeben – in Echtzeit.

Die neuen Verfahren aber weisen nicht nur in die Zukunft, sie können auch der Erinnerung auf die Sprünge helfen. So hat das Team den Designer Patrick Kruse unterstützt, in einem Park in Ratingen mithilfe einer Drohne Bilder von einer uralten, von Pilz befallenen Zeder aufzunehmen – am Abend vor der geplanten Fällung. In der virtuellen Realität lebt der mächtige Baum weiter, lässt sich interaktiv betrachten und beim (echten) Spaziergang durch den Park vergleichen mit dem neuen Baum, der an seiner Stelle gepflanzt wird.

Für den WDR entwickelten die Mirevi-Macher und Lavalabs die preisgekrönte „Kriegskinder-App“, auf der Willi von seinen Fronterlebnissen in den Ardennen erzählt, die Freundinnen von Anne Frank aus Tel Aviv und Amsterdam zu Wort kommen und sich Vera aus London an die Bombennächte erinnert. Dabei sehen die Zuschauer auf ihrem Smartphone oder Tablet die über 80-jährige Vera von heute, aber auch einen Kinderschatten, der sich durch die zerstörte Stadt bewegt. Eindrucksvolle Bilder, die jeden Geschichtsunterricht bereichern.

Die Vergangenheit hat übrigens auch im Zukunftslabor einen ganz realen Platz. Neben der großen Videowand macht sich ein altes Stehpult breit, darauf ein historisches Grammophon und ein Foto vom kompletten Team – abgezogen auf vergilbtem Papier. So viel Nostalgie muss sein.