Kolumne Professor Kaiser: Düsseldorf - Hochburg für Anwälte

Kolumne Professor Kaiser: Düsseldorf - Hochburg für Anwälte

Die großen internationalen Anwaltsfirmen eröffnen bevorzugt in der NRW-Landeshauptstadt ihre Büros - ein Zeichen der wirtschaftlichen Stärke der Stadt. Denn die Juristen folgen ihren Mandanten.

Etwas verborgen vor der breiten Öffentlichkeit hat sich Düsseldorf zu einem Zentrum der großen, international tätigen Anwaltskanzleien entwickelt. Das hat sich fast schleichend vollzogen, auch deshalb, weil diese Kanzleien — oder besser: Anwaltsfirmen — keine öffentlich sichtbare Werbung betreiben und weil sie der merkwürdigen Gewohnheit folgen, die Eigennamen ihrer Gründer oder Partner unverbunden nebeneinander aufzureihen.

Sie können sich nicht vorstellen, dass diese Namen niemandem außer ein paar Eingeweihten etwas sagen. So stehen da oft drei, vier manchmal auch fünf Namen nebeneinander und sind als Reklameschild nur bedingt geeignet. Der Kenner kann daran manchmal Glanz und Elend der Firma ablesen, nämlich Gründung, Untergang, Einverleibung, Fusion oder einfach Erweiterung. Das ist für das Publikum oft schwierig zu behalten, aber es ist immer noch besser als die neuen Kunstnamen, immer noch besser, als wenn Karstadt plötzlich zu Arcandor wird, nur weil es dem gespreizten Geschmack eines Vorstandsvorsitzenden so gefällt.

Fast unbemerkt also ist Düsseldorf zu einem Ort geworden, wo sich die großen "Player" aus New York und London versammeln. Das verdient Aufmerksamkeit und verdient die Frage, warum das so gekommen ist.

Wenn New Yorker oder Londoner Anwaltsfirmen mit meist über tausend Anwälten und mit Standorten über die ganze Welt verstreut auf Deutschland blicken, dann sehen sie natürlich zuerst die viertgrößte Volkswirtschaft und die zweit-größte Exportnation der Welt. Dann sehen sie auch, dass von dem beachtlichen Bruttoinlandsprodukt der Dienstleistungssektor über siebzig Prozent und die Industrie doch knapp dreißig Prozent erarbeitet (die Landwirtschaft — der historischen Gerechtigkeit wegen genannt — ganze ein Prozent). Sie sehen, dass Deutschlands Trumpfkarte der Arbeitsmarkt ist: Während der Rezessionsjahre 2008/2009 stieg die Arbeitslosigkeit fast nicht an, im Gegensatz zu seinen Nachbarn.

Wenn dann die großen Anwaltsfirmen aus der angelsächsischen Welt in Deutschland ein Büro eröffnen wollen, dann fällt ihr Blick ganz automatisch auf Düsseldorf, vor allem, wenn die umgebende Rhein-Ruhr-Region darin eingeschlossen wird. Da leben auf engem Raum über 11 Millionen Menschen, verglichen mit 5,3 Millionen im Raum Frankfurt, 6 Millionen in Berlin, 4,2 Millionen im Hamburger Raum und 2,5 Millionen in München.

Und dann sticht Düsseldorf im engeren Sinne ins Auge. Beim Wachstum des Bruttoinlandsproduktes im Zeitraum von 1994-2008 steht Düsseldorf mit sagenhaften 41,5 Prozent an der Spitze — gefolgt von Frankfurt mit 41,1 Prozent, München mit 40,6 Prozent, Hamburg mit 38,6 Prozent. Von Köln mit 24,9 Prozent nicht zu reden.

Und was die Dichte der globalen Unternehmen in der Rhein-Ruhr-Region angeht, also Eon, Metro, Henkel, Vodafone, RWE, ThyssenKrupp, Bayer, Hochtief, da erwirtschaften die Menschen dieses Landstrichs mehr als doppelt so viel wie sein unmittelbarer Konkurrent München.

Das sind Stärken, auf die man hier nicht nur stolz sein darf, sondern die gepflegt und ausgebaut werden wollen. Es gilt der Satz: Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, trägt sie am falschen Körperteil.

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Die großen Wirtschafts-Anwaltskanzleien, die da auf Düsseldorf blicken, sind fast durchweg internationale Großkonzerne mit mehreren tausend Anwälten. Viele der führenden örtlichen Kanzleien haben sich mit englischen und amerikanischen Gesellschaften zusammengeschlossen, um auf diese Weise weltweit für ihre Klientel tätig sein zu können. Manchmal erkennt man den deutschen oder Düsseldorfer Anteil noch am Namensbestandteil der heutigen Firma wie zum Beispiel beim Marktführer Freshfields Bruckhaus Deringer. Die rühmenswerte Ausnahme, dass eine Düsseldorfer Anwaltsfirma es aus eigener Kraft an die Weltspitze geschafft hat und dort mithält, ist die Kanzlei Hengeler Müller.

Diese Verschmelzungsprozesse, manchmal auch regelrechte Übernahmen, haben auch dazu geführt, dass diese Kanzleien gesichtslos geworden sind. Da ist nur selten noch der eine oder andere führende Kopf in der Gesellschaft sichtbar wie etwa die beiden Düsseldorfer Stars Michael Hoffmann-Becking von der Kanzlei Hengeler Müller oder Georg Thoma von der Kanzlei Shearman & Sterling.

Wenn man feststellen will, ob eine Stadt oder Region wirtschaftlich stark ist und auch für die Zukunft Dynamik verheißt, fragt man also am besten danach, ob die Weltspitze der Anwaltskanzleien in dieser Stadt Büros hat oder nicht. Und ob die "Spieler" aus der Weltliga sich hier eher ansiedeln oder eher wegziehen. Und da ist Düsseldorf plötzlich ganz oben in Deutschland und spielt mit Frankfurt und München um den ersten Platz. Hamburg, Stuttgart, Berlin tummeln sich im Mittelfeld. Mehr noch: Von den 15 umsatzstärksten Kanzleien in Deutschland haben nur zwei kein Büro in Düsseldorf.

Wenn eine New Yorker Urgesteins-Institution wie White & Case in Düsseldorf ein Büro eröffnet, dann ist das ein weithin sichtbares Zeichen. Die globale Wirtschaftssozietät Mayer Brown wird 2012 ein neues Büro in Düsseldorf eröffnen, geleitet von Friedrich Merz. Die Pressemitteilung ist knapp und vernichtend für Berlin und Köln: "Das Frankfurter Büro als größte Einheit in Deutschland bleibt unverändert. Die kleineren Büros in Köln und Berlin werden nach Düsseldorf überführt."

Der Grund für diese Düsseldorf-Neigung ist offensichtlich. Die großen Kanzleien folgen ihren Mandanten. In Frankfurt ist das unbestrittene Finanzzentrum — und in Düsseldorf offensichtlich das industrielle. Die sogenannten weichen Faktoren wie Lebensqualität, Bildung, Kultur, Toleranz mögen auch eine Rolle spielen, aber da hat Düsseldorf nicht eigentlich einen Vorrang etwa vor Köln oder Hamburg. Ein eher härterer Faktor für Düsseldorf ist in diesem Zusammenhang das Oberlandesgericht. Nicht nur dass es bekannt ist für eine sehr gute Richterschaft, es hat sich eine weithin geachtete Spezialisierung erarbeitet für internationale Patent- und Kartellstreitigkeiten. Alle großen deutschen Kartellverfahren finden vor dem OLG Düsseldorf statt. Mehr noch: Der amerikanische Riese Apple streitet sich in Düsseldorf mit dem koreanischen Riesen Samsung um Patente am Tablet-Computer. Nebenbei: Es wäre eigentlich folgerichtig, wenn das in Bonn angesiedelte Bundeskartellamt nach Düsseldorf zöge.

Zu dieser Düsseldorf-Stärke im Wirtschaftsrecht kommt etwas hinzu, was die hiesigen Kanzleien zunehmend schätzen: die wachsende Kooperation mit der jungen und exzellenten Juristischen Fakultät der Universität. Als diese Fakultät vor 18 Jahren gegründet wurde, haben nur wenige das Potenzial gesehen. Die Düsseldorfer Juristen sind heute nicht nur bekannt für eine besonders intensive Bildung und Ausbildung ihrer Studenten, sie haben inzwischen eine regelrechte Plattform geschaffen für die Begegnung von Anwälten, Richtern, juristischen Führungskräften aus Unternehmen, Behörden und Gerichten. Die Universitätsjuristen haben die Chance genutzt, dass sie eine junge Gründung sind, dass sie keine Arroganzen und Verknöcherungen mit sich herumtragen, dass die meist jungen Ordinarien als Gesprächspartner gesucht sind — und dass sie auf diese Weise ihren Studenten neue Berufs- und Einstiegsmöglichkeiten verschaffen.

Es wird die Düsseldorfer Anwälte nicht nur freuen, dass sie in der Stadt mit der zweitgrößten "Anwaltsdichte" Deutschlands arbeiten. Nur Frankfurt hat noch einige mehr. Auch wird man sich natürlich fragen, ob das unbedingt zum Ruhm einer Stadt beiträgt. Aber, das jedenfalls steht fest, es ist ein extrem guter Indikator, ob eine Stadt wirtschaftlich gesund ist und ob man ihr eine gute Zukunft zutraut.

(RP)
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