Historisches Foto-Archiv digitalisiert An dieses Düsseldorf erinnert sich kaum noch jemand

Düsseldorf · Ist dort wirklich eine Straßenbahn gefahren? Gab es dieses Freibad tatsächlich? So sah es einmal auf der Königsallee aus? Die Digitalisierung einer der bedeutendsten Foto-Sammlungen Deutschlands fördert ganz neue Ansichten von Düsseldorf zutage – in toller Qualität.

An dieses historische Düsseldorf erinnert sich kaum noch jemand
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An dieses Düsseldorf erinnert sich kaum noch jemand

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Foto: www.grevenarchivdigital.de / Dr. Paul Wolff & Tritschler, Hist. Bildarchiv

Die große Gefahr ist, sich festzustöbern und ein bisschen die Welt um sich herum zu vergessen: Weit mehr als 1000 Aufnahmen aus einer der bedeutendsten Foto-Sammlungen Westdeutschlands eröffnen den Blick auf ein teilweise längst vergessenes Düsseldorf. Einige Motive kennt man freilich, andere scheinen einem beinahe unwirklich – etwa die Straßenbahnen, die einst tatsächlich in großer Zahl auf der Königsallee und am Corneliusplatz unterwegs waren, der Kunsthalle-Schriftzug an der Mühlenstraße in der Altstadt oder das gut besuchte Volksbad am Rheinufer in Oberkassel.

Zugängig werden sie durch ein ebenso aufwendiges wie aufregendes Projekt: Die Kölner „Irene und Sigurd Greven Stiftung“ digitalisiert aktuell die Fotografien der Agentur „Dr. Paul Wolff & Tritschler“, unterstützt von der NRW-Stiftung und der Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen. Paul Wolff (1887 – 1951) und Alfred Tritschler (1905 – 1970) betrieben einst eine der erfolgreichsten Fotoagenturen Europas; die rund 500.000 Originalnegative der Agentur befinden sich bis heute in Privatbesitz.

Rheinbahn in Düsseldorf wird 125 - historische Fotos
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Rheinbahn in Düsseldorf wird 125 - historische Fotos

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Foto: RHeinbahn/Rheinbahn

Das Ganze ist Teil eines größeren Gesamtprojektes: Die Stiftung erstellt ein digitales Bildarchiv für das Rheinland und Nordrhein-Westfalen und bietet Organisationen an, ihre Sammlungen professionell zu scannen und online zu zeigen; unter anderem hat das auch die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf bereits in Anspruch genommen. „Es schlummern viele Fotoschätze in alten Archiven, und vielen Organisationen ist es zu aufwendig, diese zu digitalisieren“, sagt der Vorstand der Stiftung, Damian van Melis. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, diese Schätze zu heben.“

Nun kommen also 40.000 Aufnahmen aus der Sammlung von Wolff & Tritschler dazu – alle aus Fotokampagnen zwischen 1928 und 1963. Wolff & Tritschler haben im Auftrag von Wirtschafts- und Industrieunternehmen fotografiert, aber auch für Städte, Kirchen sowie freischaffend. Die Bilder dokumentieren die Entwicklung der Region ebenso wie den Wandel der Bildsprache von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis in die junge Bundesrepublik. Mehr als 1000 Bilder zeigen Düsseldorf, von den 1920-ern bis zu den 1960-er Jahren.

Kioske auf der Kö in Düsseldorf - historische Bilder
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Kioske auf der Kö in Düsseldorf - historische Bilder

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Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Da sieht man radschlagende Kinder auf dem Gehweg der Königsallee – es ist der 28. August 1939, in wenigen Tagen wird der Zweite Weltkrieg beginnen, aber das Leben im Herzen Düsseldorfs geht zumindest nach außen hin seinen gewohnten Gang. Man müsse freilich wissen: Die Bilder der Agentur seien auch vom NS-Regime für Propaganda-Zwecke genutzt worden, sagt Dennis Janzen, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Greven-Stiftung. Die Edelmeile ist eines der meistfotografierten Düsseldorfer Motive der Sammlung, und den Bildern lassen sich viele Dinge entnehmen, die viele Düsseldorfer gar nicht mehr kennengelernt haben. Auf der Königsallee sind auf den 1950er-Jahre-Fotos noch Straßenbahnschienen und Bahnen zu sehen; bis 1955 existierte diese Strecke. Um die Ecke am Corneliusplatz herrschte ebenfalls reges Treiben beim Ein- und Aussteigen in die Bahnen, die laut Beschilderung (die Bilder sind scharf, die Schrift ist gut lesbar) von hier nach Benrath und Oberkassel fuhren. Sein Auto hat der Düsseldorfer offenbar schon in jenem Jahrzehnt gerne an der Kö vorgeführt; viele Gefährte sind dort geparkt, alle ordentlich rückwärts mit der Front zur Straße hin. Wenige hundert Meter weiter in der Altstadt sind die Verwüstungen des Krieges noch gut sichtbar. Ein Gebäude nahe dem damaligen Stadtsteueramt ist nur noch eine Ruine.

Wechsel auf die andere Rheinseite: Dort überrascht der Blick der Fotografen auf das damalige Volksbad in Oberkassel – im Sommer 1939 tummeln sich fröhlich badende Menschen im Wasser; offenbar ist das Schwimmen im Rhein damals noch ein beliebtes Vergnügen. Ein kleines Kind steht versonnen mit den Füßen im Wasser. Gebadet wird auch auf Farbfotos aus späteren Jahrzehnten, die das alte Schwimmbad am Rheinstadion in Stockum zeigen, wo die Badegäste das Geschehen im Becken von den großen Steinstufen aus beobachten. Und in Schwarz-Weiß nur halb so schön wären wohl auch die Bilder vom Gartencafé im Hotel Golzheim, auf denen die bunten Schirme sommerliche Wärme verbreiten.

Düsseldorf historisch - Schadowstraße und Gründgens-Platz
13 Bilder

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Foto: RP/RP Archive / Ulrich Horn

„Für diese Repro-Arbeit braucht man Profis, viel Erfahrung und die richtige Arbeitsumgebung“, betont van Melis: „Man muss das Handwerk haben und die Liebe dafür mitbringen.“ Die Partner, mit denen die Stiftung zusammenarbeite, gewährleisteten das. Weil nicht jahrzehntealte Abzüge, sondern Negative gescannt werden, ist zudem die Qualität deutlich besser als bei vielen anderen Bildern aus dieser Zeit. Hinzu komme, dass Wolff und Tritschler echte Pioniere mit der Leica waren und mit der Kamera Fotografien schufen, wie es viele Zeitgenossen gerade einmal mit Großkameras schafften.

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