Interview mit dem französischen Generalkonsul: "Düsseldorf hat französische Atmosphäre"

Interview mit dem französischen Generalkonsul : "Düsseldorf hat französische Atmosphäre"

Michel Giacobbi vertritt als neuer Generalkonsul mehr als 19.000 Franzosen in ganz NRW. Zu Deutschland hat er eine ganz besondere Beziehung, ist in München geboren, hat in Bad Godesberg und in Berlin gelebt. Auch den Fall der Berliner Mauer hat der Diplomat miterlebt. In Düsseldorf will er die deutsch-französische Zusammenarbeit ausweiten.

Herr Giacobbi, Sie sind neuer Generalkonsul für Frankreich in Düsseldorf. Was war Ihr erster Eindruck?

Giacobbi Ich war vor mehr als 50 Jahren, als Kind, schon einmal in Düsseldorf. Nach all dieser Zeit hat sich die Stadt natürlich sehr verändert. Damals lag sie ja noch zum größten Teil in Trümmern. Düsseldorf ist sehr schön geworden, hat viel Vitalität. Die Leute hier sind angenehm und interessieren sich stark für das, was in Frankreich passiert. Deshalb ist es für mich komfortabel, hier zu leben und zu arbeiten.

Sie sprechen hervorragend Deutsch, haben auch eine besondere Verbindung zu Deutschland ...

Giacobbi Ich habe in der Schule nie Deutsch gelernt, bin aber in München geboren und habe als Kind in Bad Godesberg gelebt. Da habe ich Deutsch gelernt. Mein Vater war von 1955 bis 1959 Diplomat in Bonn. Ich selbst war als Diplomat von 1986 bis 1992 in Berlin stationiert; zunächst als Botschaftssekretär der französischen Botschaft bei der DDR, dann als stellvertretender politischer Berater der französischen Militärregierung in Berlin.

Sie waren also bei einem der wichtigsten historischen Ereignisse dabei?

Giacobbi Ja. In der Nacht, als die Mauer fiel, war ich nicht nur dort, ich hatte auch Bereitschaftsdienst.

Wie haben Sie es erlebt?

Giacobbi Es begann am Checkpoint Bornholmer Straße. Ich bekam erste Meldungen, dass sich dort DDR-Bürger versammelt hatten. Kurz vor Mitternacht hieß es, sie gehen rüber. Das war unglaublich!

In Frankreich war man über den Fall der Mauer und eine mögliche Wiedervereinigung zunächst nicht begeistert. Wie hat Paris reagiert?

Giacobbi (lacht) Das ist schwierig zu beantworten, weil ich ja in Berlin, nicht in Paris war. Uns war vor allem wichtig, dass das wiedervereinigte Deutschland die europäische Integration weiterhin vorantreibt.

In der aktuellen Euro-Krise wird viel über das deutsch-französische Verhältnis und Differenzen berichtet. Bewegt das die Franzosen in NRW?

Giacobbi Die hier leben, denken dasselbe wie die in Frankreich. Es gibt ein Wirtschafts- und Währungsproblem in Europa. Aber Frankreich und Deutschland haben schon oft verschiedene Standpunkte gehabt, und man hat am Ende immer einen Konsens gefunden. So wird es auch diesmal sein.

Waren Sie erleichtert, dass Kanzlerin Merkel und Präsident Hollande sich vor einigen Tagen endlich mit Küsschen begrüßt haben?

Giacobbi Das war süß, nicht wahr?

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit in NRW?

Giacobbi Sehr schöne. Wir lebten in einer Straße mit vielen anderen Diplomaten. Wir Kinder haben immer zusammen gespielt. Ich habe auch erlebt, wie in einem Winter der Rhein zugefroren ist und man über das Eis von einem zum anderen Ufer gehen konnte.

Was hat sich seitdem verändert?

Giacobbi Auf den Autobahnen gab es damals keine Staus und keine Tempobegrenzung (lacht). In der DDR sahen die Städte nach der Wende übrigens ähnlich aus wie in Deutschland in den 50er Jahren. Insofern war es für mich wie eine Reise in meine Vergangenheit.

Haben Sie bereits einen Lieblingsplatz in Düsseldorf?

Giacobbi Die Altstadt und die Innenstadt. Ich wohne derzeit noch in Grafenberg, möchte unbedingt ins Zentrum ziehen. Aber es ist nicht so einfach, eine passende möblierte Wohnung zu finden.

Oberbürgermeister Dirk Elbers haben Sie schon kennengelernt?

Giacobbi Wir haben uns getroffen, planen aber ein intensiveres Treffen, um darüber zu sprechen, wo Düsseldorf und Frankreich noch mehr zusammenarbeiten können.

Wird die seit langem geplante Städtepartnerschaft dabei Thema sein?

Giacobbi Eine Partnerschaft wäre schön. Aber die Beziehungen zwischen Toulouse und Düsseldorf sind bereits sehr eng, auch ohne Partnerschaft.

Heute beginnt in Düsseldorf das Frankreichfest. Gab es an Ihren bisherigen Stationen etwas Vergleichbares?

Giacobbi Nein, das ist eine glückliche Ausnahme. Es ist ein Ausdruck der engen Beziehungen zwischen Düsseldorf und Frankreich. Ich bin dem Oberbürgermeister auch sehr dankbar, dass er für den Empfang zu unserem Nationalfeiertag und das Frankreichfest den Innenhof seines Rathauses öffnet.

Was werden Ihre persönlichen Höhepunkte bei dem Frankreichfest sein?

Giacobbi Ich sitze in der Jury zur Oldtimer-Rallye. Darauf bin ich sehr gespannt.

Welches Auto fahren Sie selbst?

Giacobbi Privat einen BMW (lacht).

Also gelebte deutsch-französische Freundschaft! Nicht nur zum Frankreichfest, auch sonst hält sich Düsseldorf für sehr französisch. Zu Recht?

Giacobbi Auf jeden Fall. Die Menschen hier sind sehr nach Frankreich orientiert. Die Stadt auch. Wenn ich beispielsweise über die Kö flaniere, sehe ich dieselben Modemarken wie in Paris. Düsseldorf hat eine französische Atmosphäre, ist mediterran — im guten Sinne.

Die Französische Schule in Düsseldorf hat großen Zulauf. Sie ist ein Erfolgsmodell, aber auch Opfer ihres Erfolgs. Denn der Erweiterungsbau wird nicht reichen. Wie geht es weiter?

Giacobbi Der Neubau ist eine erste Etappe, wir möchten gerne mehr machen, aber es ist eine Frage des Geldes.

Denken Sie an Public-Private Partnership oder wird das Paris finanzieren?

Giacobbi Es wird in der jetzigen Lage schwer sein, Geld aus Paris zu bekommen.

In Düsseldorf gibt es ein sehr wichtiges Ereignis, und das heißt Karneval. Sind Sie darauf vorbereitet? Wissen Sie schon, welches Kostüm sie Rosenmontag tragen werden?

Giacobbi Als Kind habe ich den rheinischen Karneval nie bewusst erlebt. Aber ich kenne den Karneval in Rio de Janeiro. An den habe ich sehr schöne Erinnerungen.

So viel sei verraten: In Düsseldorf ist er anders. Was ist mit Fußball? Sie werden in dieser Stadt in der kommenden Saison Erstliga-Spiele sehen können.

Giacobbi Anders als mein Vater bin ich kein großer Fußball-Fan. Aber ich verstehe die Leidenschaft dafür!

Matthias Beermann und Denisa Richters führten das Interview.

(RP/ila)