Analyse nach umstrittenen Wahlplakaten: Düsseldorf hat auch reiche Nachbarn

Analyse nach umstrittenen Wahlplakaten : Düsseldorf hat auch reiche Nachbarn

Nicht nur Düsseldorf bezeichnet sich selbst als "wirtschaftlich schuldenfrei". Neben Langenfeld, Monheim und dem Kreis Mettmann will Neuss noch im Mai schuldenfrei sein. Sind die Nachbarn so erfolgreich oder profitieren sie nur von der Landeshauptstadt?

Die jüngste Plakatkampagne der Düsseldorfer CDU erregte den Unmut einer ganzen Reihe von Nachbarstädten. Darauf zu lesen ist eine an die Sektorengrenzen Berlins erinnernde Warnung. "Sie verlassen den schuldenfreien Sektor"steht da. Das mag in Richtung Duisburg vielleicht stimmen. Doch in viele andere Richtungen ist es falsch. Denn Düsseldorfs Nachbarn sind gar nicht selten selbst schuldenfrei. Bei genauer Betrachtung scheint das Düsseldorfer Umland eine Insel der Glückseeligen zu sein.

Langenfeld ist schuldenfrei, Monheim seit drei Jahren auch, der Kreis Mettmann ebenfalls. Die große Mehrheit der NRW-Kommunen könnte von solchen Verhältnissen nur träumen. Viele leiden unter einer erdrückenden Schuldenlast, entsprechend millionenschweren Zinszahlungen, oder sie werden mit Nothaushalten saniert.

Doch woran liegt es nun, dass Düsseldorfs Speckgürtel so wohlhabend ist? Darüber lässt sich trefflich streiten. Denn entweder betreiben die Nachbarkommunen die richtige eigene Wirtschafts-Politik, oder sie profitieren einfach nur von der Nähe zur boomenden NRW-Landeshauptstadt? Suburbanisierung heißt es in der Geografie, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen, Funktionen oder eben auch Unternehmen (Gewerbeparks) sich nicht in den Metropolen, sondern im nahen Umland ansiedeln. Zwar ist das Phänomen der Stadtflucht - das in den 1970er und 1980er Jahren stark zu beobachten war, etwas abgeebbt. Dennoch gibt es vieles, was die Nachbargemeinden im Vergleich zu Düsseldorf attraktiver macht.

Botschaft auf Wahlplakaten

So ist es, trotz steigender Preise, immer noch deutlich günstiger, ein Haus in Neuss oder im Kreis Mettmann zu erwerben, als in Düsseldorf. Deshalb zieht gerade jene einkommensstarke Mittelschicht in den Speckgürtel. Einkommensteuer entrichten sie ebenfalls dort, obwohl sie typischerweise in Düsseldorf arbeiten. Ein zweites Phänomen ist, dass angesichts sehr hoher Grundstückspreise in Düsseldorf ein Mangel an Gewerbe- und Industrieflächen besteht.

Das macht das Umland attraktiv. Denn dort gibt es mehr Fläche für weniger Geld, bei vergleichbar guter Verkehrsanbindung sowie qualifizierten Arbeitskräften. Düsseldorf mit Flughafen, Kultur und Infrastruktur machen die Gegend attraktiv, die Gewerbesteuer aber fließt in die Nachbargemeinden, könnte man zugespitzt sagen. Schadet also der Speckgürtel der Landeshauptstadt wirtschaftlich, wie ein Parasit, der von seinem Wirt lebt? So einfach ist es nun auch nicht. Die Nachbarn haben sich ihr wirtschaftliches Wohl schon größten Teil selbst erarbeitet und dafür Respekt verdient. Jeder schuldenfreie Nachbar ist auf seinen ganz eigenen Wegen zum Ziel gelangt.

Langenfeld etwa hat mühsam gespart, das Hallenbad an einen Verein verkauft. Die Langenfelder erlebten dürre Jahre, bis die Schuldenuhr irgendwann die lang ersehnte "Null" anzeigte. Ganz anders in Monheim. Die Stadt war vor gar nicht allzu langer Zeit noch hoch verschuldet und im Haushaltssicherungskonzept. Dann senkte Monheim in mehreren Schritten die Gewerbesteuer radikal, was entsprechend viele Firmen in die Stadt lockte. Mit den Steuereinnahmen entschuldete sich die Kleinstadt, kaufte jüngst sogar seine Versorgungsbetriebe von Düsseldorf zurück. Der Kreis Mettmann wiederum verkaufte 2008 seinen 80-Millionen-Anteil an RWE und entschuldete sich praktisch von heute auf morgen.

Und noch komplizierter ist es in der Kreisstadt Neuss. Der dortige Bürgermeister Herbert Napp will seine Stadt am 24. Mai, einen Tag vor der Wahl, in die Schuldenfreiheit führen. Dazu nutzt er die Erlöse aus der Ansiedlung eines Möbelhauses. Allerdings hat die Neusser Variante der Schuldenfreiheit einen kleinen Haken. Die linksrheinischen Nachbarn lösen lediglich ihre Kassenkredite ab. Was nicht heißt, dass es keine weiteren Verbindlichkeiten mehr gibt.

(RP)
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