Düsseldorf: Grandseigneur Michael Noack tritt ab

Ein ehrenvoller Abschied : Ein Grandseigneur tritt ab

Michael Noack bediente Romy Schneider, Udo Jürgens, Gabriele Henkel und Berthold Beitz. An Silvester nimmt er Abschied.

Jeder, der einmal im Victorian zu Gast war, kennt ihn: Michael Noack, ein Grandseigneur unter den Kellnern. Mit Grandezza bediente er Promis und Kö-Publikum. Und seinen Beruf hat er von der Pike auf gelernt. Mit 16 startete er seine Lehre zum Restaurantfachkaufmann im Schlosshotel Gehrhus in Berlin, dem heutigen Vier Jahreszeiten. „Damals nannte man die Ausbildung noch Kellner“, sagt Michael Noack mit seinem typischen Lächeln. Während seiner Lehre durfte er den Gast bedienen, der für ihn am eindringlichsten in Erinnerung blieb, der ihn am meisten fasziniert, noch heute: Romy Schneider. Sie wohnte während der Filmfestspiele in Berlin etwas abseits, und der junge Noack durfte ihr das Frühstück aufs Zimmer bringen. „Sie war inkognito da, und sie war so schüchtern, aber sie hatte eine unbeschreibliche Aura“, sagt er.

Im Kempinski, seiner zweiten Station, wieder in einem Luxushotel, bediente er regelmäßig Herbert von Karajan. Und im Hotel Bernina in schweizerischen Sameda stand er am Grill für den Schah von Persien.

Michael Noack hat viel erlebt. In Lippstadt machte er sich in den 80er Jahren mit seiner damaligen Frau Karin selbstständig und leitete das Sternelokal Grand Cru. Dort lernte er Albert Eickhoff kennen, der für seinen weiteren Lebensweg noch einmal wichtig werden sollte. „Gianni Versace kam ebenfalls“, ergänzt Noack, als er von Eickhoff erzählt. Dem Modezar von Düsseldorf begegnete er wieder, als er im Nobelrestaurant „Schwarzer Adler“ in Nürnberg arbeitete. Und Eickhoff war es, der ihn an die Kö, vielmehr an die Königstraße ins Victorian, lockte.

Dorthin zog es die Top-Prominenz. Gabriele Henkel saß dort und trank ihre Cola, während ihr Gegenüber, Udo Lindenberg, am Eierlikörchen nippte. Walter Scheel war häufig zu Gast. Und Krupp-Manager Berthold Beitz war Stammgast. „Tisch 9“, wie Michael Noack blitzschnell hinzufügt. Beitz kam immer mittags zum Essen, und als Entree bestellte er vorzugsweise Kaviar. „Eigentlich immer“, erinnert sich Noack, „und er war auch sonst ein Gourmet und orderte gerne Luxusgerichte“. Beitz traf sich mit seinem einstigen Rivalen Günter Vogelsang von Thyssen. Und Noack war Zeuge, als die beiden mächtigen Konzernchefs an Tisch 9 den Zusammenschluss ihrer Unternehmen besiegelten. „Per Handschlag“, wie sich Michael Noack erinnert – und selbstverständlich bei Kaviar und Champagner.

Peter Ustinov (immer Tisch 7) kam zum Lunch, wenn er in Düsseldorf weilte. Bei Schrobsdorff hatte er anschließend Signierstunde. Udo Jürgens feierte mit seiner Tochter Silvester an der Kö. Die Liste der Erinnerungen ist lang.

Der Rückblick sei schön, schöner als die heutige Realität. „Auf der Kö gab es noch Persönlichkeiten, das Victorian hatte seine Hochzeit.“ Doch beider Glanz ist für Noack verschwunden. Vor allem im Victorian, in dem er 21 Jahre gearbeitet hat. Prägend unter Günter Scherrer. Dann unter Bobby Breuer, Sechs Küchenchefs kamen und gingen. Christian Penzhorn sei wichtig gewesen, er habe am besten den Scherrer-Stil weiter geführt. „Es waren goldene Zeiten“, meint Noack. Die Weinregale seien immer prall gefüllt gewesen. „Paula Bosch hatte den Weinkeller ordentlich aufgebaut und bestückt. „Ich konnte aus dem Vollen schöpfen.

Und so hatte der Weinkenner und -liebhaber Noack seine Bühne. Bis zum Pensionsalter hielt er dem Victorian die Treue, wurde 2015 zum Sommelier des Jahres gekürt. Doch dann war noch nicht Schluss. Als der vorletzte Patron Volker Drkosch sich selbständig machte, fragte er: „Kann ich ihnen helfen?“

Er konnte – im Dr. Kosch, wo es etwas legerer zugeht und Polohemd statt Smoking für den Restaurantleiter angesagt ist. Doch Silvester, mit fast 70, ist für Michael Noack Schluss. Ihn zieht es nach Hamburg, wo seine Ex-Frau lebt. Dort will er ein neues Privatleben genießen. „Und eigene Flaschen trinken“, wie er verschmitzt erklärt. Vor allem Burgunder – egal, ob rot oder weiß.

Ob es denn auch mal ein Malheur gegeben habe, diese Frage lässt Noack, den Perfektionisten, kurz nachdenken. Dann gesteht er, beim Tranchieren einer Ente sei ihm vor vielen Jahren der Vogel für einen kurzen Moment – Noack macht eine Pause - auf den Boden gefallen, und er habe sie ganz schnell wieder aufgehoben. Vom Gast unbemerkt, erklärt er. „Das war meisterhaft.“ Und da ist sie wieder, die leichte Selbstironie eines Michael Noack. Eines Grandseigneurs, um den Düsseldorf jetzt ärmer ist.

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