Gastbeitrag Karl-Heinz Petzinka: Düsseldorf - Gardencity am Rhein

Gastbeitrag Karl-Heinz Petzinka : Düsseldorf - Gardencity am Rhein

Der Architekt und Rektor der Kunstakademie plädiert für eine langfristige Stadtentwicklung, die auf Lebensqualität setzt. Die großen Kultureinrichtungen könnten Herz eines Kulturcampus' sein, wie es ihn nur noch in Berlin gibt.

Es geht uns gut in Düsseldorf. Die Wirtschaft boomt, die Begehrlichkeit, in der Stadt zu leben, ist groß. Deswegen ist der Druck auf unsere Stadt enorm, der Wirtschaft und den Menschen Möglichkeiten der Entfaltung zu geben. Was bedeutet das für die nächsten Jahre? Wir Architekten haben gelernt: Im Städtebau geht es um eine ganze Generation, wenn man weitreichende Veränderungen plant. Aus diesem Grund hier ein Blick bis 2030, aber auch darüber hinaus.

Karl-Heinz Petzinka ist Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie, wo er seit 2008 als Professor für Baukunst lehrt. Als Architekt zählt er das Düsseldorfer Stadttor, die NRW-Vertretung in Berlin sowie der Umbau der Jahrhunderthalle in Bochum zu seinen Projekten. Foto: Bretz Andreas

Die Herausforderungen sind nur mit strategischem Denken zu bewältigen. Es reicht nicht festzustellen, dass bezahlbarer Wohnraum fehlt. Es reicht nicht, dass wir feststellen, es sind zu viele Autos unterwegs und wir benötigen deshalb mehr Radwege. Es ist ebenfalls lapidar festzustellen, dass unsere Stadt eine hohe Lebensqualität aufweist und wir im Ranking der deutschen Städte eine gute Position haben. Um etwas Grundsätzliches zu bewegen, muss auch eine übergeordnete Idee für uns und unsere Stadt entwickelt werden.

Das Erste, was wir brauchen, ist die Einsicht, dass übergeordnete Ideen zunächst frei sein müssen von Ökonomie und Politik. Wir brauchen ein Klima, das wahrhaft unabhängig denken lässt. Wir haben verlernt, Großes zu wollen bzw. zu denken, der Totschlag kommt immer im Abwägungsprozess und ökonomischen Zwang-Gehabe! Unsere Ideen und Entscheidungen mit und in der Stadtgesellschaft dürfen nicht zum Gefallen des Einen oder dem Nutzen des Anderen geopfert werden. Nur in einer von möglichst vielen getragenen Euphorie kann in einem Generationen-Versprechen Großes erreicht werden.

Nehmen wir einmal an, wir würden uns auf dem Feld einer intakten Welt der Stadt bewegen, in der Anspruch und Wirklichkeit keine Widersprüche sind. Diese Welt müsste doch so gestaltet sein, dass alle gut wohnen würden, dass die Beweglichkeit innerhalb und außerhalb der Stadt sichergestellt ist, dass wir ein positives Klima für Produktion und Dienstleistungen haben, dass Kultur und Freizeit ebenso dazugehören. Mit anderen Worten: eine Stadt mit hohen Lebensqualitäten. Ich rufe hier aus: Düsseldorf, Stadt am Rhein und Paradies der kurzen Wege - auf den Punkt gebracht: die Gardencity am Rhein!

Was hieße das im Einzelnen? Wo könnte man grüne Flächen ausweisen? Was wäre, wenn wir unsere Straßen durchforsten würden nach der Maßgabe: keine Straße ohne Grün. Große Freiflächen würden festgelegt, um Parkanlagen zu schaffen, und die grünen Achsen wären deren Verbindungsnetze. Um möglichst viele solcher Flächen sicherstellen zu können, müssten in einem zweiten Schritt unser Verkehr und die Infrastruktur unter die Lupe genommen werden. Welche Verkehrsstruktur müsste es geben, die in einer Weise funktioniert, dass fließender und ruhender Verkehr zwischen Außen und Innen der Stadt unterscheiden? Welche Technik steht uns zur Verfügung, die auf angenehme und zügige Weise die Bewegungen in der Stadt möglich macht, natürlich emissionsarm. Wenn das Straßennetz als flexibles Gut erkannt wird, lassen sich auch neue Ideen denken. Eine Differenzierung von privaten und öffentlichen Verkehrsmitteln wird das beflügeln, eine Differenzierung von Warentransport und Beförderung gehört ebenso dazu. Wenn unkomplizierte Erreichbarkeiten auf individuellste und schnellste Art möglich wären, gäbe es keinen Grund, dieses neue System nicht zu wollen. Und: Welche Möglichkeiten eröffnen uns Roboter und Drohnen, um das Eine vom Anderen zu differenzieren?

Ein dritter Schritt gilt der Verdichtung der Stadt selber, und zwar dort, wo die Infrastruktur beste Voraussetzungen bietet. Es bedarf auch einer Ratsentscheidung, wichtige Verkaufsrechte der Kommunen umsetzen zu wollen. Dann ließen sich "Inseln" in der Stadt bilden, die unterschiedliche Charaktere haben könnten. Da sind es die Hochhäuser, verdichtet und zusammengedrängt, wo es verträglich ist. Dort sind es Vorstadt-Zonen und Gebiete, wo es vor allem familienfreundliches Wohnen gibt. Warum soll es eine Nachverdichtung nicht auch durch das Aufgeben von breiten und raumzerstörenden Straßen geben können, wenn diese eine Ebene tiefergelegt werden können?

Nimmt man nun die Kultur und den Sport, so lässt sich ebenfalls eine Integration in das System Stadtebenen denken. Ein Hofgarten kann zum Skulpturenpark mutieren, ein Museumshof zum Veranstaltungsort, eine Brückenrampe zur Open-Air-Tribüne. Was wäre, wenn wir unsere Museen als kompakte Museums-Inseln begreifen und diese über eine Kulturmeile durch die Stadt legen würden? Die wichtigsten kulturellen Identitäten wie Kunstpalast, Kunstakademie und K20 sowie K21 sind in diesem Szenario die Ankerpunkte, alles andere gruppiert sich eng in die Nachbarschaft. Ein Kulturcampus, der seinesgleichen nur noch in Berlin findet.

Straßen und möglichst viel Verkehr unter die Erde zu legen, wäre Garant für eine Stärkung der Stadt der kurzen Wege. Die vielen Busse, die in der Weihnachtszeit und zu kulturellen Großereignissen kämen, könnten im unterirdischen Busbahnhof zum Beispiel zwischen Akademie und Brückenrampe mitten in der Stadt ankommen, wie etwa im Louvre führten Rolltreppen von dort mitten in das Museumsquartier am Hofgarten, die erste Adresse einer Kultur- und Gartenstadt Düsseldorf. Der Bürger ist mündig genug, bei Veränderungen einer Stadt in solch großen Ideenmodellen Verantwortung mitzutragen und Ideen mitzuentwickeln. Es kommt allein darauf an, im Ergebnis präzise zu formulieren, was in der Stadt über die Jahrzehnte gestaltet werden soll. Den Bürgern ist zuzumuten, dass sie Stimme und Verantwortung gleichermaßen bekommen. Alle Aspekte und Einwände haben erst einmal grundsätzliche Berechtigung. Weil wir aber gewohnt sind, in kleinen Aktionsräumen wie "Grundstücken" oder Objekten zu denken, verkämpfen wir uns in der Regel am einzelnen Objekt. Wir müssen die drei großen Konkurrenten, den "Markt", die "Politik" und die "Ästhetik", zusammenbringen. Erst wenn es wieder Lust macht, in einer schönen Umgebung zu leben, und das gilt für alle, werden wir uns zu Größerem zusammenraufen.

Die Stadt als Gardencity zu begreifen, bedeutet, der Lebensqualität Vorrang zu geben. Eine Umgebung aus Grün und Natur wird jede Seele ansprechen und begeistern. Vielleicht müsste man deshalb ein großes Experiment wagen: Die Bürger hätten Einfluss auf die Stadtgestalt an einem großen Stadtmodell. Dann könnte etwas herauskommen, was uns alle überrascht. Ein Bürgerwille zur Veränderung unserer Stadt, unabhängig von Politik und ökonomischen Zwängen, ein Partizipationsgedanke ganz anderer Art und vielleicht deshalb auch im Ergebnis eine großartige Idee.

(RP)
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