Düsseldorf: „Es ist nicht schlimm zu scheitern", sagt Gabriele Schippers im Interview

Interview Gabriele Schippers : „Es ist nicht schlimm, zu scheitern“

Über gute Vorsätze zum neuen Jahr und wie man es schafft, schlechte Gewohnheiten abzulegen. Darüber haben wir mit Gabriele Schippers gesprochen, der Leiterin des Bereichs Prävention und Gesundheitssicherung bei der AOK Rheinland/Hamburg.

Das neue Jahr beginnt mit guten Vorsätzen, so sicher wie mit Silvesterböllern. Wir nehmen uns fest vor, mehr auf unser Gewicht zu achten, nach der Arbeit öfter ins Fitnessstudio zu gehen und seltener auf die Couch, weniger Stress in unser Leben zu lassen, dafür mehr frische Luft. Warum nehmen wir uns gerade zum Jahreswechsel immer wieder vor, disziplinierter zu sein, achtsamer im Umgang mit anderen und mit uns selbst? Fragen an Gabriele Schippers, Leiterin des Bereichs Prävention und Gesundheitssicherung bei der AOK Rheinland/Hamburg.

Frau Schippers, braucht der Mensch zum Jahreswechsel Rituale, um sich von schlechten Gewohnheiten zu verabschieden?

Gabriele Schippers Gute Vorsätze werden gern zu speziellen Tagen gefasst wie zu Beginn eines Jahres oder der Fastenzeit, weil es Momente sind, an denen wir die Alltagsroutine unterbrechen, Resumee ziehen und uns etwas Neues vornehmen. Viele Menschen wissen intuitiv, dass sie bestimmte Dinge ändern sollten, aber wer will sich schon ständig mit seinen Schwachstellen auseinandersetzen. Wir brauchen dieses Innehalten, diese „Ankerpunkte“ für Veränderung.

„Gute Vorsätze sind der nutzlose Versuch, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen“, hat Oscar Wilde gesagt. Heißt: Wir versuchen es immer wieder, obwohl wir wissen, dass wir vermutlich scheitern?

Schippers Allein die Tatsache, dass ich einen Vorsatz fasse, bedeutet ja, dass ich etwas verändern möchte. Diese Erkenntnis kann nicht hoch genug bewertet werden. Es ist nicht schlimm, wenn man Vorsätze nicht durchhält, man sollte sie nicht als persönliche Niederlage bewerten, vielleicht haben es unsere Lebensbedingungen im Moment erschwert, durchzuhalten, vielleicht musste man viele Überstunden machen und ist deshalb nicht rechtzeitig zur Sportgruppe gekommen.

Also lieber immer wieder einen neuen Anlauf starten als zu denken, das schaffe ich ja doch nicht?

Schippers Ganz genau. In der Alltagsroutine fallen wir schnell wieder in gewohnte Muster zurück, das fällt uns leichter, als Neues zu beginnen. Wenn man scheitert, sollte man nach einer gewissen Zeit es eben noch mal versuchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass mir gelingt, was ich mir vorgenommen habe, steigt mit jedem neuen Versuch. Denn solange ich dranbleibe, gebe ich mir eine Chance. Oder wie Cicero gesagt hat: Fang nie an aufzuhören, höre nie auf anzufangen.

Was hilft uns dabei, unsere guten Vorsätze dauerhaft umzusetzen?

Schippers Es ist ganz wichtig, dass der Impuls zur Veränderung von uns selbst kommt und nicht von anderen. Jemand muss selbst zur Einsicht kommen, nicht mehr zu rauchen, „Hör doch endlich auf!“ von anderen nutzt nichts. Wenn wir etwas verändern wollen, brauchen wir dazu genaue Ziele und eine Strategie, wie sie zu erreichen sind. Und es ist hilfreich, dies anderen Menschen mitzuteilen. Das erhöht ein bisschen den Druck. Um den „inneren Schweinehund“ an die Kette zu legen, sollte man einen Plan B haben. Heißt: Wenn es diesmal nicht geklappt hat, überlegen, wie man es beim nächsten Mal realistischer angehen kann. Und man sollte sich bei Erfolg belohnen, also wenn ich mein Wunschgewicht erreicht habe, ist das vielleicht ein neues Kleid. Wer kein Geld mehr für Zigaretten ausgibt, kann sich dafür eine kleine Reise leisten.

Sind wir auch deshalb zum Scheitern verurteilt, weil wir uns von vornherein zu hohe Ziele stecken?

Schippers Schon in den 1980er Jahren hat der amerikanische Unternehmensberater George T. Doran einen Leitfaden entwickelt, die Smart-Regeln, um Ziele langfristig und konsequent zu verfolgen. Dazu zählt, dass ich mir darüber klar werde, was genau ich erreichen will – zum Beispiel in sechs Wochen 20 Liegestütze am Stück zu schaffen. Dann kann man sich überlegen, was einen dazu motiviert, und ob dieses Ziel realistisch ist. Wer sich vornimmt, in diesem Jahr einen Marathon zu laufen, zurzeit aber nur zwei Mal die Woche 20 Minuten joggt, dürfte es schwer haben. Wer sich also zu hohe Ziele steckt, muss damit rechnen, zu scheitern. Stattdessen sollte man sich lieber überlegen, ob man überhaupt der Lauftyp ist, oder ob man nicht eigentlich viel lieber schwimmen geht. Ich würde Menschen gern ermutigen, mal etwas Neues auszuprobieren.

Eine ganze Industrie lebt davon, dass Menschen sich etwas vornehmen und dann scheitern. Über kein Thema existieren so viele Ratgeber wie übers Abnehmen. Welchen Rat geben Sie denen, die auf Dauer leichter durchs Leben gehen wollen?

Schippers Die meisten Diäten sind auf einen kurzfristigen Erfolg angelegt, jeder kennt das, einer Diät folgt wieder die Gewichtszunahme, der Jojo-Effekt. Wer langfristig etwas erreichen will, muss auf geliebte Gewohnheiten verzichten. Das ist schwer, denn das hat viel mit Alltagsroutine zu tun. Man sollte sich klarmachen: Was esse ich, wann und wie? In vielen Familien gibt es heute keinen Esstisch mehr, da wird irgendwo nebenbei gegessen, morgens ein Kaffee in der Küche im Stehen, abends ein belegtes Brot am Computer. Und hinterher weiß man gar nicht mehr, was man da eigentlich verschlungen hat. Essen sollte mehr Zeit und Raum in unserem Leben haben – das wäre schon mal ein guter Anfang.

Stress im Alltag empfinden viele als große Belastung. Ihn zu reduzieren, dürfte zu den häufigsten Vorsätzen des neuen Jahres gehören.

Schippers Sicher, und das Problem ist dabei, dass man oft keine Möglichkeit sieht, eine Situation im Job direkt zu ändern. Aber man kann etwas dafür tun, mit dem Stress anders umzugehen, dazu zählen Bewegung und Entspannungsübungen – die AOK hat eine spezielle App entwickelt, die dabei hilft. Auch lässt sich ja in der Familie mal überlegen, wie sich Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen lassen.

Viele Menschen fühlen sich unbehaglich mit ihrem Handy-Konsum, schon macht der Begriff der Smartphone-Diät die Runde. Was sagen Sie dazu?

Schippers Ich beobachte auch, dass viele sensibler mit dem Thema umgehen, dass die Skepsis wächst. Dabei reden wir meistens über Jugendliche, die mit ihrem Handy verwachsen sind. Aber Eltern sollten sich überlegen, wie sie mit ihrem Handy umgehen, ob es beim Essen auf dem Tisch liegt. Sie sollten Vorbilder für ihre Kinder sein und vielleicht mal in der Familie darüber reden: Wollen wir wirklich alles, was an Technik verfügbar ist, auch nutzen?

Und welche Idee hat die AOK zu diesem Thema?

Schippers Wir haben vor drei Jahren das Projekt „# Sendepause“ gestartet, einen Wettbewerb an Schulen. Klassen können über eine App registrieren lassen, wie häufig die Handys zwischen 14 und 20 Uhr abgeschaltet bleiben. Die Schüler mit der größten Sendepause werden dann zu einem exklusiven DJ-Gig mit Felix Jaehn eingeladen.

Viele kritische Ansätze, aber vielleicht sollte unser Vorsatz generell eher lauten: mehr Genuss statt Verzicht?

Schippers Ich würde sagen, es geht vor allem um bewussten Genuss. Wenn wir uns beispielsweise mit Schokolade belohnen wollen, essen wir die ja meist nebenbei und sind mit unseren Gedanken ganz woanders. Da passiert es, dass die Tafel ganz schnell aufgegessen ist. Ich plädiere für Genuss ohne Ablenkung, dann reicht vielleicht auch ein Riegel. Aber bei allem, was wir uns auch vornehmen, sollten wir den Spaß nicht vergessen.

Wann haben Sie das letzte Mal einen guten Vorsatz gefasst?

Schippers Zum Jahresbeginn 2017 hatte ich mir vorgenommen, jeden Tag mit einer halben Stunde Quigong zu beginnen. Es tut mir gut, wenn ich spüre, wie Energie durch den Körper fließt, dadurch gehe ich anders in den Tag. Ich habe bis heute durchgehalten, auch wenn ich dafür um sechs Uhr aufstehen muss. Ich genieße diese halbe Stunde, meine „Ich-Zeit“.

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