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Düsseldorf: Eine Nonne in der Altstadt

Düsseldorf : Eine Nonne in der Altstadt

1951 trat Helene Amian als Novizin vor den Altar. Seitdem ist sie Schwester Gisela Maria. Ihr Orden, die Töchter vom heiligen Kreuz, zählt in Düsseldorf nur noch drei Mitglieder. Ihr Gottvertrauen hat die Nonne trotzdem nicht verloren.

Es war wohl der wichtigste Tag im Leben der Helene Amian. Damals, sechs Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, trat sie im weißen Brautkleid mit Schleier vor den Altar. Ihr Ja-Wort gab sie einem Mann, den sie in ihrem Herzen trug. Nur dort. Denn Gisela Maria, wie sie fortan heißen sollte, vermählte sich mit einem Bräutigam, dessen irdisches Leben bereits vor zwei Jahrtausenden endete. "Ich wurde Braut Christi", sagt die heute am Stiftsplatz in der Altstadt lebende 84-Jährige über den Moment, in dem sie in den Orden der Töchter vom heiligen Kreuz eintrat.

Blutjung war die in Eilendorf bei Aachen aufgewachsene Frau, als ihre Entscheidung reifte. "Nonne zu werden, das entsprach überhaupt nicht meinem Lebensentwurf. Ich wollte heiraten, Kinder kriegen, ein erfülltes Familienleben führen." Doch es sollte anders kommen. Ein Missionar sprach in einer Jugendmesse zu den jungen Eilendorfern. "Ist denn kein Einziger unter euch, der stark genug ist, Christus nachzufolgen, stark genug, sich für Menschen in der Dritten Welt zu engagieren?" Die Botschaft saß. Wenig später wurde Helene, die Zahntechnikerin gelernt hatte, Mitglied des Ordens, der in Düsseldorf viele Jahre das Theresienhospital betreute. "Ich hatte eine besondere Beziehung zum gekreuzigten Christus, deshalb fühlte ich mich dieser in Lüttich gegründeten Gemeinschaft besonders nahe", sagt Schwester Gisela Maria.

An das Milieu ihrer Jugend erinnert sie sich gut. "Nach der furchtbaren Barbarei der Nazi-Diktatur blühte das katholische Leben im Rheinland. Messe, Beichte, Klöster - das gehörte für die allermeisten zum Alltag", erinnert sie sich. Ihr Vater, ein Steuerberater und Bücherrevisor, war ein strikter Gegner des aus seiner Sicht gottlosen NS-Regimes. In die Partei trat er nie ein. "Er hat wohl Teile von ,Mein Kampf' gelesen und war so entsetzt, dass er da auf keinen Fall mitmachen wollte", erinnert sich seine Tochter acht Jahrzehnte später. Eine Entscheidung mit Folgen. "Den Bürgermeister-Posten in Kornelimünster verlor er, eine feste Arbeit suchte er zunächst vergebens, lebte von frei vermittelten Aufträgen. Zum Leben reichte das eigentlich nicht. Nach zwei Jahren stellte ihn die Eilendorfer Sparkasse als Rendant ein. Die Chefetage bestand aus engagierten Katholiken, denen die Nazis suspekt blieben. Da passte mein Vater hin", erzählt Gisela Maria.

Ihre Entscheidung, Nonne zu werden, irritierte die Menschen in ihrem Umfeld. "Da würde ich lieber hinter Deinem Sarg herlaufen, als zu Deinem Gelübde zu kommen", warf ihre Mutter Cornelia ihr verzweifelt an den Kopf. Auch Freunde und Verwandte rieten ab. Die stereotypen Botschaften: Im Kloster weht ein rauer Wind, verbitterte alte Frauen drangsalieren Novizinnen, später kommt der Katzenjammer über die fehlende eigene Familie. Über die rege Fantasie der Klosterkritiker muss Gisela Maria schmunzeln. "Unterdrückung und Boshaftigkeit habe ich in meinen 64 Jahren als Nonne nie erlebt", sagt Helene Amian. Aber über den Punkt mit der eigenen Familie, darüber hat die 84-Jährige dann doch ab und an mal nachgedacht. "Belastet hat es mich nicht. Es war eher so, als ob man das Kapitel eines spannenden Buches aufschlägt, ganz kurz hineinschaut, dann das Buch wieder zuklappt und zufrieden zur Seite legt", beschreibt sie.

Ihr Leben im Kloster der 50er-Jahre war spartanisch. "Wir schliefen auf Strohsäcken. Die mochte ich nicht. Um 4.50 Uhr wurden wir mit der Glocke geweckt", erzählt Gisela Maria. Das vom Krieg vereitelte Abitur holte die junge Frau zwar nicht mehr nach. Aber ihren Interessen blieb sie treu, auch wenn sich ihre Hoffnung auf einen Missionseinsatz im Ausland nicht erfüllte. Am Schumann-Konservatorium nahm die Christin Geigenunterricht. Und im Stammsitz des Klosters im niederrheinischen Aspel - dort führten die Schwestern ein Gymnasium - kümmerte sie sich eine Zeit lang um Schüler. Später wurde sie schließlich Oberin der deutschen Ordensprovinz.

Heute lebt Gisela Maria mit ihren beiden Mitschwestern Hildegard und Hedwig Maria in der Altstadt, kümmert sich um die nahegelegene St. Josefskapelle. Zu dritt sind Töchter des Heiligen Kreuzes noch. Novizinnen gibt es nicht mehr. "Wir waren mal 70 Schwestern in Düsseldorf." Doch das ist lange her. Ihr Lebensentwurf passt offenbar nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Geschmerzt hat das die drei verbliebenen Schwestern schon. "Es hat gedauert, bis wir das verarbeitet haben. Irgendwann haben wir begriffen: Der Wert unseres Lebens hängt nicht davon ab, ob wir im Orden Nachwuchs haben", sagt Gisela Maria.

Woran das liegt? Nicht an der Ehelosigkeit, glaubt die Schwester. "Wenn Ziel und Motivation stimmen, ist das kein allzu schwerer Verzicht." Entscheidend sei wohl der enorme Glaubensverlust in den vergangenen 45 Jahren. Mit Sorge blickt die gläubige Christin auf solche Themen wie Abtreibung, aktive Sterbehilfe und die fortschreitende Auflösung der klassischen Familie. "Menschen halten eine Sache oder einen Lebensentwurf nicht mehr durch, können oder wollen sich nicht mehr dauerhaft binden, verstehen sich einfach nicht mehr auf das Dienen." Gisela Marias Welt ist das nicht. Die Entscheidung im Brautkleid hätte sie niemals widerrufen. "Es war wie bei einer richtigen Hochzeit: ein Ja-Wort für das ganze Leben."

Die Beweggründe Schon immer wollte ich über eine Nonne, eine Braut Christi, schreiben. Warum? Der Grund ist eine kleine Frau aus Aachen. Keine 1,60 Meter war sie groß, nicht einmal 60 Jahre alt wurde sie. Ihr Name war Josefine Janßen, sie war die Schwester meines Opas. Als Nonne half sie Mädchen, die damals "schwer erziehbar" genannt wurden. Tante Finnie war ein Mythos, der lebende Beweis für Nächstenliebe. Meine Oma liebte sie, mein Vater verehrte sie. Kennengelernt habe ich Tante Finnie nie. Sie starb wenige Jahre vor meiner Geburt.

(RP)