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Düsseldorf: Durch Singen und Tanzen den Alltag vergessen

Vereine in Düsseldorf : Mit Singen und Tanzen den Alltag vergessen

Der Verein Werkstatt Lebenshunger unterstützt Menschen mit Essstörung und gibt ihnen eine Plattform, um sich kreativ auszuleben und gegenseitig auszutauschen.

„Na los, und jetzt jeder so laut, wie er kann“, fordert Izolda Barudzija und wedelt mit den Armen. Die Mitglieder des Popchors Lebenshunger lassen sich das nicht zweimal sagen. Aus voller Kehle singen alle zusammen: „Jeder Punkt in deinem Gesicht ist so perfekt, rein zufällig. Es gibt nichts Schöneres als dich.“ Die Begeisterung ist ihnen dabei deutlich ins Gesicht geschrieben. Mit einem breiten Grinsen interpretieren sie das Stück „Wie schön du bist“ von Sarah Connor, tanzen locker zur Musik oder unterhalten sich ausgelassen zwischen den Liedern. Bei den Proben des Popchors geht es in erster Linie darum, Spaß zu haben und für ein paar Stunden den Alltag zu vergessen. Der ist für einige Mitglieder nicht immer einfach zu bewältigen. „Die Therapiesitzungen sind oft harte Arbeit. Der Chor ist dagegen wie Balsam für die Seele“, erzählt Nicole mit einem Lächeln.

Die junge Frau leidet unter einer Essstörung und ist deswegen regelmäßig in therapeutischer Behandlung. Vor gut einem Jahr hat sie sich dem Popchor Lebenshunger angeschlossen. Dort steht ganz ihre Leidenschaft für Musik im Zentrum, die Krankheit dagegen rückt in den Hintergrund: „Ich singe schon, seit ich klein bin. Und das hier ist eine tolle Möglichkeit, sich kreativ auszuleben“, berichtet sie. „Gleichzeitig ist man nicht automatisch in dieser Therapieschiene, wenn man den Raum betritt, weil hier Menschen mit und ohne Essstörung zusammen singen. Es geht einfach nur um die Musik.“

Der Popchor Lebenshunger gehört zum vielfältigen und kostenlosen Angebot des Vereins Werkstatt Lebenshunger, dass sich an Jugendliche und Erwachsene mit einer Essstörung sowie deren Angehörige richtet. Den Grundstein legte 2012 das Projekt „Klang meines Körpers“. Jugendliche und junge Erwachsene mit der Krankheit wurden dazu eingeladen, sich über Texte, Bilder und Lieder kreativ auszudrücken und die Ergebnisse in einer Ausstellung zu präsentieren. Das Projekt fand schnell Anklang und wird bis heute fortgesetzt. Gleichzeitig sind über die Jahre viele verschiedene Angebote hinzugekommen, bei denen vor allem die Präventionsarbeit im Fokus steht. „Meistens wird erst etwas gegen die Essstörung gemacht, wenn es schon zu spät ist. Das Resultat sind oft klassische Therapien im Krankenhaus und ernste körperliche Folgen. Doch so weit muss es gar nicht kommen“, sagt Marina Müller-Klösel vom Verein. „Wir helfen den Menschen frühzeitig mit unseren Angeboten sich zu öffnen, kreativ auszuleben und ihr Selbstwertgefühl zu stärken.“

Der Verein organisiert Konzerte und Lesungen, betreut den Internetblog „bauchgrammophon“ und richtet Selbsthilfegruppen, Workshops und Gesprächsrunden für Betroffene und ihre Angehörigen aus. Alleine im letzten Jahr wurden unter der Schirmherrschaft von Vera Geisel mit den Projekten rund 5800 Menschen erreicht, wobei nicht alle von ihnen an einer Essstörung leiden. So können bei vielen Angeboten der Werkstatt Lebenshunger, wie zum Beispiel dem Popchor Lebenshunger alle mitmachen, die sich für das Format interessieren.

Christian nimmt zum ersten Mal an einer Probe des Popchors teil. „Meine mentale Gesundheit ist für mich in letzter Zeit zu einem wichtigen Thema geworden, und deswegen habe ich beschlossen, mich aus meiner Komfortzone herauszubewegen und etwas ganz Neues auszuprobieren“, erzählt er. Nach anfänglicher Zurückhaltung dauert es nicht lange, bis der junge Mann mit kurzen schwarzen Haaren von der guten Laune der Mitglieder mitgerissen wird. Sein Debüt wird von den Sängerinnen mit einem herzlichen Applaus gewürdigt.

„Wir freuen uns über jeden Menschen, der Lust hat, sich am Chor zu beteiligen“, sagt Judith Hüwe, die für den Popchor zuständig ist. Sie besucht selbst eine der Selbsthilfegruppen für Betroffene, die sich unter dem Dach der Werkstatt Lebenshunger treffen. Inzwischen gehört die Sozialpädagogin gleichzeitig zu den 15 aktiven Mitgliedern des Vereins und übernimmt vor allem administrative Aufgaben. „Auch, wenn es hier vor allem darum geht, gemeinsam Musik zu machen, können die Leute mich jederzeit ansprechen, wenn ihnen etwas auf dem Herzen liegt“, sagt sie. „Wir haben für alle ein offenes Ohr und können gegebenenfalls zu anderen Hilfsangeboten in Düsseldorf weitervermitteln.“