Dialog in der Rheinterrasse „Hier nehmen uns die Erwachsenen ernst“

Düsseldorf · Beim Format „Auf ein Schnittchen mit der Zukunft“ sprachen Erwachsene und Schüler in der Rheinterrasse über alles, was sie in diesen besonderen Zeiten bewegt. Was dabei herauskam.

Beim Zukunftsdialog in den Rheinterrassen sprechen Michael Goebbels und Alessandro Wernli mit Samir und Davide von der  Hauptschule an der Graf-Recke-Straße.

Beim Zukunftsdialog in den Rheinterrassen sprechen Michael Goebbels und Alessandro Wernli mit Samir und Davide von der Hauptschule an der Graf-Recke-Straße.

Foto: Bretz, Andreas (abr)

Michael Goebbels und Alessandro Wernli diskutieren an diesem Vormittag angeregt mit Samir, Davide und Walid. Es ist eines dieser Gespräche zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, die ohne das Format „Begegnung schafft Veränderung – Auf ein Schnittchen mit der Zukunft“ wohl nie stattgefunden hätten. Die Querkopf-Akademie von Ulla Bundrock-Muhs und die Hauptschule Graf-Recke-Straße haben zum Dialog zwischen den Generationen in die Rheinterrasse eingeladen. Dafür wurden 19 Themenbereiche entwickelt, die von Identität, Meinungsfreiheit, Rassismus und Vorurteilen über Familie und Glück bis hin zu Heimat und Brauchtum reichten.

„Bevor ich in die Rheinterrasse gekommen bin, habe ich überlegt, wie ich täglich mit Jugendlichen umgehe, ob ich wahr- und aufnehme, was sie zu sagen haben“, sagt Wernli. Er ist Geschäftsführer eines Reinigungsunternehmens. „Ich habe bei ‚Begegnung schafft Veränderung‘ die Sichtweisen von Jugendlichen besser und bewusster wahrgenommen. Die Einsicht in die Gedankenwelt der jungen Generation hat mich zum Nachdenken gebracht.“ So habe er beispielsweise noch nie über die Notwendigkeit eines Ruheraumes in Schulen nachgedacht. „Ich mache mir fast jeden Tag Gedanken darüber, wie die Mitarbeiter meines Unternehmens sich immer wieder erfrischen und erholen können“, so Wernli. „Für Schulen habe ich die Notwendigkeit nicht gesehen. Aber jetzt, denke ich, dass auch Schüler, auf die ja jeden Tag wahnsinnig viele neue Informationen einprasseln, einen Ruheraum brauchen.“

Zu diesem Schluss kommt Alessandro Wernli am Thementisch 1 zu „Ruhe und Stille“. Mit Samir, Davide und Walid spricht er außerdem über Rassismus. „Wir haben dargestellt, welche Formen von Rassismus es gibt, wie man sie erkennen und was man dagegen tun kann. Wir haben alle aufgefordert, gegen Rassismus einzutreten, weil doch alle Menschen gleich sind“, sagt Davide. „Es waren alles Gespräche auf Augenhöhe, wir haben gespürt, dass uns die Erwachsenen ernst genommen haben“, fügt er noch an.

Die „garantierte Aufmerksamkeit“ im Gespräch ist ein Markenkern der Dialog-Veranstaltung „Begegnung schafft Veränderung“. In die Rheinterrasse kommen nur Erwachsene, die sich auf eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Leben junger Menschen einlassen wollen. Und damit auf eine inspirierende Begegnung mit der Zukunft. „Es geht um Kommunikation, um den Dialog zwischen den Generationen und darum, was man alles voneinander lernen kann“, meint Schülersprecher Luca Meyer. „In diesem Generationen-Dialog können wir unsere Themen, unsere Anliegen erklären und auch bei den Gesprächspartnern durchdringen.“ Der Schüler ist zwar der Ansicht, dass viele Erwachsene Jugendliche ernst nehmen. Das gelte aber nicht unbedingt für die Politik. „Hier können wir mit einigen Politikern mal wirklich interessante Gespräche führen“, freut er sich über mehr Augenhöhe.

Angemeldet zur Dialog-Veranstaltung hatten sich unter anderem die CDU-Ratsherren Alexander Fils und Peter Labouvie, Bürgermeisterin Klaudia Zepuntke (SPD), Ex-Bürgermeisterin Gudrun Hock (SPD), Ex-Oberbürgermeister Thomas Geisel (jetzt BSW), mehrere Landtagsabgeordnete und mit Thorsten Lieb (FDP) ein Bundestagsabgeordneter.

Eines der Ziele des Formats ist es, die Vorurteile von Erwachsenen gegenüber Hauptschülern aufzubrechen und zu zeigen, welches Potenzial die junge Generation besitzt. Im Gegenzug sollen die Jugendlichen mehr Selbstbewusstsein erhalten, zu ihren Ideen stehen und sie im Gespräch verteidigen. So sollen auch demokratische Strukturen erlernt und aktiv gestaltet werden. „Die Jugend trägt doch unsere Demokratie in die Zukunft, bleibt aber in Entscheidungsprozessen derzeit noch viel zu oft mit ihren Gedanken ausgeschlossen. Damit riskieren wir, dass wir die nächste Generation durch Politikverdrossenheit oder Radikalisierung verlieren“, befürchtet Bundrock-Muhs. „Ich setze mich doch nicht hin und schaue nur zu, wie alles den Bach runtergeht.“ Gut, dass sie mit Jürgen Hilger, Leiter der Gemeinschaftshauptschule, und seinem Kollegium sehr engagierte Mitstreiter gefunden hat.

„Begegnung schafft Veränderung“ scheint jedenfalls bei allen Teilnehmern etwas ausgelöst zu haben. Alle Erwachsenen sind vom Format, von den Jugendlichen, von deren Auftreten und von den Gesprächen begeistert. „Ich bin mit dem Vorurteil, alle Schüler sind lethargisch in die Rheinterrasse gekommen“, sagt Ulrich Brzosa vom Caritas-Verband. „Ich bin deshalb komplett überrascht, dass mich Schüler aktiv angesprochen haben. Schon das hat meine Vorurteile zum Einsturz gebracht.“

Viele Teilnehmer regten am Ende eine Wiederholung des innovativen Formats an. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, meinten Bundrock-Muhs und Hilger.

(jj)
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