Düsseldorf: Der vergessene Anschlag am Werhahn

Prozess in Düsseldorf: Der vergessene Anschlag am Wehrhahn

Im Prozess um den Sprengstoffanschlag am Wehrhahn gerät die Wahrheitsfindung ins Stocken. 14 Jahre nach der Tat tun sich auch bei neuen Zeugen überraschende Erinnerungslücken auf.

Der zehnte Verhandlungstag bringt wenig Erkenntnisse. Drei Zeuginnen hat das Gericht geladen, von denen sich zwei kaum noch erinnern können, vor zwei Jahren von der Polizei befragt worden zu sein. Die dritte erinnert sich zwar an ihre Vernehmungen und auch an den Tag des Anschlags. Nur ihre belastenden Aussagen, die sie zuletzt vor einem Jahr bei der Polizei gemacht hat, die wollte sie am Freitag "nicht mehr 100-prozentig" bestätigen. "Vielleicht 99-prozentig", sagt sie.

Die Wahrheitsfindung wird 14 Jahre nach der Tat zu einem noch mühsameren Unterfangen als gedacht. Da ist die Ex-Freundin, die bis heute im Kontakt zu einem der führenden Köpfe der Neonazi-Szene im Land steht und sich bemüht, von ihrer einstigen Behauptung, jener Sven S. habe ihr berichtet, dass der Angeklagte von ihm ein Alibi wollte, zurückzurudern. Denn Sven S. hatte zuvor im Zeugenstand erklärt, das sei "nie passiert". Also eiert die Zeugin herum, er sei bloß darum gegangen, zu sagen wo der Angeklagte wann gewesen sei, das Wort Alibi aber nicht gefallen.

Dann ist da die Tätowiererin, die sich nach eigener Aussage von S. zum Geschlechtsverkehr nötigen ließ, um ihre Schulden bei ihm "abzuarbeiten", die kurz nach dem Anschlag die Stadt verließ, ohne sich bei ihren Freunden zu verabschieden, und die in den vergangenen 15 Jahren zwar geglaubt haben will, Belastendes gegen Ralf S. zu wissen. Die sich aber nun plötzlich nicht mehr darauf festlegen will, dass der Angeklagte tatsächlich davon gesprochen habe, wie er Handgranaten verschwinden ließ. Nach dem Anschlag hatte S. sie beeinflusst, ihr gesagt, sie solle nicht zu Vernehmungen gehen, zu denen die Polizei sie vorgeladen hatte, und wenn, dann solle sie nichts sagen.

Nach der Verhaftung von Ralf S. bezweifelten linke Gruppen, dass er Einzeltäter gewesen sein soll. Im Prozess lässt sich kaum einer blicken. Foto: A. Endermann

Ein Jahr später wäre sie womöglich bereit gewesen, von den Handgranaten zu erzählen und davon, wie stolz S. darauf gewesen sei, die in einem verstopften Abfluss im Bad versteckt zu haben, wo die Beamten bei der Hausdurchsuchung nicht nachgesehen hätten. Aber da, sagt die Zeugin, hätten die vernehmenden Polizisten uninteressiert gewirkt.

Als die Ermittlungen neu aufgerollt wurden, da sei sie froh gewesen, sich von der Seele reden zu können, was sie seit 15 Jahren so belastet habe, die Handgranatengeschichte und das merkwürdige Verhalten von S., der ihr vor dem Anschlag immer wieder von einem wichtigen Geschäftstermin erzählte, den er just zur Tatzeit am Tatort haben würde. Und dann plötzlich die Lücken im Gedächtnis, so auffallend, dass der Vorsitzende Richter sie fragt, ob sie Angst habe vor irgendwem. Naja, sagt die Zeugin, "ein ungutes Gefühl hat man ja immer".

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Ihre einst beste Freundin, der sie von ihrem unguten Gefühl gegenüber Ralf S. berichtet haben will, und auch davon, dass sie glaube, S. sei für den Anschlag verantwortlich, beteuerte, man habe weder über S. gesprochen, noch sei man eng befreundet gewesen. Auch sie hatte 2015 bei der Polizei andere Angaben gemacht, an die sie sich nun nicht mehr erinnern kann. Sie sei, sagt sie, seitdem mit ihrem eigenen Leben beschäftigt gewesen.

Auch das deutsche Volk, hört das Gericht Ralf S. in einem Telefongespräch schwadronieren, habe andere Sorgen, als sich damit zu befassen, ob irgendwo "ein paar Russen, Türken, Juden oder Holländer brennen". In dem Gespräch mit der Tätowiererin, das die Polizei mitgeschnitten hat, beklagt sich S. darüber, dass er der Tat verdächtigt werde. Wieso, antwortet ihm die Zeugin, du warst doch bei mir. Ihre entsprechende Aussage bei der Polizei kurz nach der Tat sei gelogen gewesen, sagt die heute 54-Jährige. Zumindest daran erinnert sie sich, dass sie damals S. habe helfen wollen, dem sie kurz vor der Tat die SS-Ordensburg auf die rechte Rumpfseite und das Schlusswort des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß aus dem Nürnberger Prozess auf die Hüfte tätowierte. "Dass er so rechts war, habe ich damals nicht gewusst", sagt sie.

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Mangelhaftes Erinnerungsvermögen tragen in diesem Verfahren nicht nur die Zeugen zur Schau. Auch die Zuschauerbank bleibt weitgehend leer. Die Stadtgesellschaft scheint dem Prozess um eines der schwersten Verbrechen in Düsseldorfs jüngerer Vergangenheit wenig Bedeutung beizumessen. Der Anschlag sei schon so lange her, heißt es auch in den Kreisen jener, die seit dem Sommer 2000 Polizei und Justiz mangelnden Aufklärungswillen unterstellten.

Dabei könnten sie sich gerade davon im Verfahren überzeugen, in dem noch mindestens 15 weitere Zeugen auf der Ladungsliste stehen, und in dem sich die Kammer, insbesondere der Vorsitzende Richter Rainer Drees, durch mehr als akribische Befragungen versucht, den Dingen - und den Erinnerungen - auf den Grund zu gehen. In den nächsten Verhandlungstagen, kündigte Drees gestern an, mit allen Beteiligten den Verfahrensstand diskutieren zu wollen. Dabei wird die Glaubwürdigkeit dessen, woran sich die die bisherigen Zeugen erinnern, sicher auch ein Thema sein, zu dem Verteidigung und Anklage unterschiedlicher Auffassung sein dürften. Am Ende steht die Frage, ob die Puzzleteilchen zwischen den Gedächtnislücken sich zu einem Gesamtbild fügen können.

(RP)
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