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Düsseldorf: Der Traum des afghanischen Schneiders

Mein Laden in Düsseldorf : Der Traum des afghanischen Schneiders

Daniel Haidari kam vor acht Jahren mit seiner Familie aus Kabul nach Deutschland. Seit einem Jahr hat er an der Dorotheenstraße ein Atelier für Maßschneiderei. Er kreiert auch Talare, Karnevalskostüme und Jacken aus Teppichen.

Daniel Haidari hat inzwischen sein eigenes Schneideratelier, in Düsseldorf, da, wo er immer hin wollte. Wo er glaubt, mit seinem Talent, außergewöhnliche Maßanzüge anzufertigen, auf einen adäquaten Kundenstamm zu treffen. Ein Jahr ist jetzt rum, es fing gut an, dann kam Corona. Die Business-Leute lungern zu Hause im Homeoffice vor dem Computer herum und tragen Jogginghose und T-Shirt statt eines schicken Dreiteilers. Das ist gerade nicht so schön für Haidari. Aber er hält an seiner Vision fest. Der 37-Jährige hat sich auch auf Karnevalskostüme spezialisiert, aber das hilft ihm aktuell auch nicht unbedingt weiter. „Die Auftragslage ist gleich Null“, sagt er. Aber Haidari bleibt optimistisch, denn er hat in der Vergangenheit schon ganz andere Dinge erlebt – und überlebt.

Als Neunjähriger begann Daniel Haidari in der Werkstatt seines Vaters und Großvaters in Kabul mit dem Schneidern. Er lernte das Handwerk von der Pike auf und hörte mit dem Lernen auch so schnell nicht auf. So wurde er in der Hauptstadt von Afghanistan schnell zu einem Schneider von beachtlichem Ruf. Er nähte für Schauspieler, Sänger und Politiker Maßkleidung, wähnte sich auf der Sonnenseite des Lebens. Doch dann kamen die Taliban. Haidari floh in den Iran, kam wieder zurück, doch es hatte keinen Zweck.

So zog es ihn 2012 mit seiner Frau und seiner Tochter nach Deutschland. Oberhausen war die erste Station der Familie, „dort durfte ich auch schnell ein Praktikum machen“, erzählt der Schneidermeister. Aber schnell stellte sich heraus, dass sein Chef eher von ihm lernen konnte – und nicht umgekehrt. „Er ruft mich heute noch manchmal an und lässt sich Tipps von mir geben.“ Nach drei Jahren machte sich Daniel Haidari selbstständig, „aber Oberhausen hat sich vom Kundenpotential her nicht als der richtige Ort erwiesen“.

Jetzt also Düsseldorf, mitten in Flingern will sich Haidari selbst verwirklichen, denn so ein bisschen sieht er sich auch als Künstler. Er kreiert Schnitte, die es so zuvor nicht gab, denkt sich ganz neue Designs aus. Für Richter oder Pfarrer schneidert er Talare, „eine ganz diffizile Aufgabe, da darf nachher keine Naht zu sehen sein“, sagt er. Und als ein Künstler bei ihm im Atelier stand, der aus einem edlen Teppich eine Jacke geschneidert haben wollte, nahm sich Haidari auch dieser Aufgabe an. „Alle anderen Schneider hätten abgewunken, das sei unmöglich, der Teppich sei viel zu dick.“ Haidari ist fast fertig mit seinem kleinen Kunstwerk, nur die Ärmel müssen noch angenäht werden.

Daniel Haidari ist genau genommen in seinem Metier auf einer Mission. „Wer teure Maßanzüge kauft, für 5000 Dollar oder mehr, schaut vor allem auf das Label. Dass die Anzüge in Bangladesch oder eben auch in Afghanistan gefertigt wurden, die Arbeiter dort einen Euro am Tag verdienen, vergisst er dann lieber schnell.“ Haidari hat genau das im Iran selbst erlebt, als er irgendwo in einer Tiefgarage im Akkord mit Nadel und Faden malochen musste. „Wie viel schöner muss es da doch sein, ein sehr viel günstigeres Unikat zu erwerben, dass einem auf den Leib geschneidert ist und zudem noch einem Familienvater ermöglicht, seinen Kindern etwas Schönes zu Weihnachten zu kaufen“, schwärmt der Vater von inzwischen drei Töchtern, elf, sechs und ein Jahr alt.

Daniel Haidari will in Düsseldorf bleiben mit seiner Familie, hier fühlt er sich sicher, und hier glaubt er an seine Chance. Dass er eines Tages wieder für Prominente Maßanzüge schneidern darf, sein Name bekannt wird. So wie damals in Kabul. Als noch alles normal war.

 Info Daniel‘s Schneiderei, Dorotheenstraße 69, Telefon 0157 51161692