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Düsseldorf: Corona-Infektion - Kranke gehen aus Angst zu spät ins Krankenhaus

Corona-Krise in Düsseldorf : Kranke vermeiden Arzt- oder Klinikbesuch

Aus Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 nehmen viele Menschen zu spät ärztliche Hilfe in Anspruch. Das kann gefährlich sein. Die Ärzte an den Krankenhäusern, darunter die Kinderkliniken, warnen vor den gesundheitlichen Folgen.

Trotz Krankheitssymptomen oder Schmerzen vermeiden zurzeit viele Düsseldorfer den Gang zum Arzt – weil sie Ärzte und Pflegekräfte nicht belasten wollen oder Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus haben.

Das kann gefährlich sein: Im Florence-Nightingale-Krankenhaus beispielsweise ist nun ein Junge (10), der mit heftigsten Bauchschmerzen zuhause auf Besserung hoffte, eingeliefert worden. Die Eltern hatten aus Sorge vor einer Infektion die Vorstellung beim Kinderarzt vermieden. Im Kaiserswerther Krankenhaus ist dann eine fortgeschrittene Blinddarmentzündung mit Sepsis diagnostiziert worden. Das Kind wurde sofort operiert.

Auch die Ärzte an den Häusern des Verbunds Katholischer Kliniken (VKKD), zu denen etwa das St. Vinzenz-Krankenhaus gehört, berichten, dass viele dringend behandlungsbedürftige Patienten viel zu spät die Kliniken aufsuchten. „Bei einer unserer Patientinnen hätte ein Herzinfarkt viel früher diagnostiziert werden können, wenn diese eher zu ihren Hausarzt gegangen wäre. Das hatte sie aber aus Angst vor Ansteckung unterlassen“, sagt Rolf Michael Klein, Chefarzt der Klinik für Kardiologie im Augusta Krankenhaus.

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Besorgt ist auch Monika Gappa, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Evangelischen Krankenhaus (EVK): „Wir haben tatsächlich aktuell viel weniger Patienten in unserer Kinderklinik und diese sind meist sogar eher kränker, weil die Eltern zu lange Sorge hatte, zum Kinderarzt zu gehen oder in ein Krankenhaus zu kommen.“

Die Zentrale Notaufnahme der Uniklinik verzeichnet einen Rückgang der sich dort vorstellenden Patienten zwischen 30 und 50 Prozent. 70 bis 90 Patienten kommen aktuell pro Tag. Üblicherweise liegt der Durchschnitt zwischen 120 und 140. Ähnlich sieht es am EVK aus. Vom 1. bis 22. April kamen nur knapp 1000 Patienten in die Zentrale Notaufnahme, sagt eine Sprecherin: Im Vorjahreszeitraum seien es noch knapp 2000 gewesen. Diese Entwicklung werde mit großer Sorge beobachtet: „Wir befürchten, dass Patienten zum Beispiel ihre Herzerkrankung nicht ernst nehmen und sie somit verschleppen.“

Die Mediziner könnten die Angst der Menschen vor einer Virus-Infektion verstehen. Sie weisen aber darauf hin, dass diese unbegründet und die Notfallversorgung gesichert sei. „Wir sind sehr gut organisiert, um Patienten unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen weiterhin bestmöglich und sicher zu versorgen“, sagt Martin Pin, Chefarzt der Notaufnahme am Florence-Nightingale-Krankenhaus. Patienten können weiter telefonischen Kontakt mit den Ambulanzen halten, um die Notwendigkeit eines Eingriffs mit Ärzten zu besprechen und sich zur Anamnese persönlich vorzustellen. „Hausärzte haben auch nach wie vor die Möglichkeit, Patienten vorzustellen“, sagt VKKD-Sprecher Martin Schicht.

Kapazitäten, um Patienten zu behandeln, seien ausreichend vorhanden. Denn auch ein Erlass des Gesundheitsministeriums sorgt zusätzlich für leere Krankenhausbetten. Demnach sollen Kliniken seit Mitte März – soweit medizinisch vertretbar – grundsätzlich alle planbaren Aufnahmen, Operationen und Eingriffe verschieben, damit ausreichend Kapazitäten für die Behandlung von Covid-19-Patienten bereit stehen. Krankenhäuser hätten aber einen „Ermessensspielraum, um zum Beispiel weiterhin Schmerzpatienten, akute orthopädische Fälle oder tumorbedingte Operationen sicherstellen zu können“, sagt Martin Schicht. Bei der OP-Planung gelte es aber, die geforderten 25 bis 30 Prozent der Intensivkapazitäten frei zu halten, sagt Holger Stiller, Direktor am Florence-Nightingale-Krankenhaus.

Das erklärt, warum etwa im VKKD im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eine geringere Belegung von 25 bis 30 Prozent besteht, zumal durch die Einrichtung von Isolierstationen auch weniger Betten bereit stehen. Am EVK liege die Belegquote der Betten zurzeit bei gut 40 Prozent. Die Uniklinik verzeichnet zwischenzeitlich über 400 leer stehende Betten. Das entspricht der Kapazität eines mittelgroßen Krankenhauses.

Die geringe Auslastung belastet die Häuser auch wirtschaftlich. „Das ist auf der finanziellen Seite eine sehr große Herausforderung, weil die Einnahmen aus der Patientenversorgung fehlen, dient aber letztlich dazu, einen kurzfristig eintretenden Infektionsausbruch mit vielen schwer betroffenen Patienten von der Kapazität her bewältigen zu können“, sagt Sprecher Jörn Grabert. So befürchten einige Mediziner, dass es nach den Lockerungen der vergangenen Tage einen Anstieg der Infektionen geben kann.

Wie groß die Verluste aufgrund der Verschiebung von planbaren Operationen und der Vorhaltung von freien Kapazitäten am Ende sein werden, können die Krankenhäuser zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beziffern. „Wir haben große Sorge, dass der vom Bundestag verabschiedete Schutzschirm die Verluste der Krankenhäuser nicht auffangen wird“, sagt Schicht.

Ob und wie es dafür einen Ausgleich gibt, ist noch unklar. „Es steht zu vermuten, dass der Rettungsschirm des Bundes nicht so gespannt ist, dass das, was wegbricht, eins zu eins ersetzt werden wird. Wahrscheinlich werden viele Krankenhäuser – völlig unabhängig von ihrer Trägerschaft – auf einem Defizit sitzen bleiben“, sagt Michael Weckmann, Geschäftsführer der Sana-Standorte Gerresheim und Benrath.

Am Evangelischen Krankenhaus will man etwas dagegen zu tun. „Ab Montag, 26. April, planen wir unsere Behandlungen und OPs langsam wieder hochzufahren, das heißt, geplante OPs und Therapien wieder zu starten“, sagt eine Sprecherin.

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