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Düsseldorf: Brief von Thomas Geisel zu Farid-Bang-Video im Wortlaut

Geisels Brief im Wortlaut : „Dass ein Video mit Farid Bang Kontroversen auslösen würde, war mir klar“

Thomas Geisel hat am Freitag mit einem Schreiben an seine Wahlkampfunterstützer und die SPD-Mitglieder auf die Kritik am Video mit Farid Bang reagiert. Eine Entschuldigung, betonte der Oberbürgermeister, sei das nicht. Der Brief im Wortlaut.

In einem Brief hat sich Oberbürgermeister Thomas Geisel an seine Wahlkampfunterstützer und die SPD-Mitglieder gewandt. Darin rudert er in Sachen Farid-Bang-Video wieder zurück. Eine Entschuldigung solle der Brief aber nicht sein, betont Geisel. Das Schreiben im Wortlaut.

Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,

ein Video auf der städtischen Facebook-Seite hat in den letzten Tagen sehr viel Ärger, kontroverse Diskussionen und bei nicht wenigen Betroffenheit und Entsetzen ausgelöst. Wie konnte ich auf die Idee kommen, ausgerechnet Farid Bang darum zu bitten, für die Einhaltung der in Corona Zeiten geltenden Verhaltensregeln zu werben?

Wer sich am Wochenende nachts in der Altstadt und am Rheinufer aufhält, spürt schnell, dass dieser Ort ein erhebliches Infektionsrisiko birgt. Menschen sitzen dicht gedrängt insbesondere auf der Freitreppe am Burgplatz, aber auch etwa auf den Bänken der Rheinuferpromenade, und man hat den Eindruck, es hätte nie eine Pandemie gegeben. Ein „potentielles Ischgl“ nennt der Leiter unseres Gesundheitsamtes derartige Menschenansammlungen, und es hat wohl eher mit Glück zu tun, dass dies bislang nicht zu einem „Superspreader“-Ereignis geworden ist.

Aber es geht nicht nur um Infektionsschutz. Je später der Abend, desto mehr wird das Bild bestimmt von jungen Männern zumeist mit Migrationshintergrund, die sich nicht nur nicht an die geltenden Infektionsschutzregeln, sondern generell an keine für ein zivilisiertes Zusammenleben geltenden Regeln halten. Sie fahren mit einem „getunten“ Fahrzeug, jaulendem Motor und Imponiergehabe vorschriftswidrig in die Anliegerstraße am Mannesmannufer, sie machen rücksichtslos Krach mit „Ghettoblastern“, belästigen Anwohner und Passanten und verrichten ihre Notdurft nach erheblichem Alkoholgenuss in Hauseingängen. Vor allem aber wächst mit fortgeschrittener Stunde das Aggressionspotenzial: Anweisungen von Polizei und Ordnungsdienst werden ignoriert und nicht selten kommt es zu Flaschenwürfen und tätlichen Angriffen auf die Ordnungshüter.

Allein mit polizeilichen Mitteln, so befürchte ich, wird sich dieses Problem nicht lösen lassen. Denn in Wahrheit geht es um ein Problem mangelnder und möglicherweise scheiternder Integration beziehungsweise um die schrittweise Entwicklung einer Parallelgesellschaft, die schon heute dazu geführt hat, dass viele Düsseldorferinnen und Düsseldorfer abends und nachts Altstadt und Rheinufer meiden.

Dies ist der Hintergrund, vor dem ich Farid Bang angesprochen habe. Denn bei den Menschen, die das Rheinufer unsicher machen, handelt es sich um einen Teil der Gesellschaft, zu dem wir als Vertreterinnen und Vertreter von Politik und Verwaltung und des gesellschaftlichen Mainstreams praktisch keinen Zugang haben, die aber – davon gehe ich jedenfalls aus – empfänglich sind für die Ansprache einer Person wie Farid Bang. Denn sie hören seine Musik und haben nicht selten einen vergleichbaren biografischen Hintergrund.

Dass ein Video mit Farid Bang erhebliche Kontroversen auslösen würde, war mir durchaus klar. Der Skandal um die empörende Ausschwitz-Zeile bei der Echo-Preisverleihung vor zwei Jahren ist mir selbstverständlich noch in Erinnerung. Und auch dass Sprache und Inhalt vieler seiner Songs nicht nur ungehörig, sondern regelrecht widerwärtig sind, war mir bekannt.

Aus diesem Grunde habe ich Farid Bang zu einem Gespräch ins Rathaus eingeladen, um mir selbst ein Bild davon zu machen, ob die angebliche Reue und Läuterung insbesondere im Hinblick auf den Antisemitismus-Vorwurf glaubwürdig ist. Bei diesem Gespräch habe ich Farid Bang als einen Menschen kennen gelernt, der sehr wohl in der Lage ist, das, was er getan hat, kritisch zu reflektieren. Insbesondere die sehr bewegende Schilderung seines Besuchs in Ausschwitz (auf Einladung des Zentralrats der Juden in Deutschland im Nachgang zum Echo-Skandal) empfand ich als authentisch und glaubwürdig.

Spüren konnte man in unserem Gespräch auch, wie wichtig ihm – als Einwanderer, der im Alter von acht Jahren aus Marokko nach Düsseldorf gekommen ist – das Thema der Integration ist. Dass wir die Entwicklung von Parallelgesellschaften unter allen Umständen verhindern müssen und dass eine vielfältige und multikulturelle Stadtgesellschaft nur auf der Grundlage gemeinsamer Regeln und gegenseitigen Respekts funktionieren kann – darüber waren wir uns einig. Vor diesem Hintergrund habe ich ihn um die Aufnahme des Videos gebeten, das mittlerweile bereits mehrere 100.000 mal angeklickt wurde.

Angesichts der kontroversen Diskussionen auch und gerade in meiner eigenen Partei, die durch diese Entscheidung ausgelöst wurden, stelle ich mir im Nachhinein natürlich die Frage, ob ich hier richtig gehandelt habe.

Zunächst: von einem Konflikt mit der jüdischen Gemeinde, der in der Presse verschiedentlich konstruiert wurde, kann keine Rede sein. Es gab ein – in der Tat bedauerliches – kommunikatives Missverständnis, auf das die Gemeinde in einer übrigens sehr differenzierten Stellungnahme aufmerksam gemacht hat. Bei meinem Besuchs in der Gemeinde am Donnerstag wurde sehr deutlich, dass das Verhältnis zwischen Stadtspitze und Jüdischer Gemeinde in Düsseldorf sehr freundschaftlich und vertrauensvoll ist, und dieses Video nicht geeignet ist, dieses vorbildliche Verhältnis zu beeinträchtigen.

Anders verhält es sich mit den Reaktionen, die insbesondere frauenverachtende und homophobe Äußerungen und Textzeilen in den Songs von Farid Bang, ausgelöst haben. Mir wurde sehr deutlich, dass viele Frauen und viele Mitglieder der Queer-Community nicht nur keinerlei Verständnis für meine Entscheidung haben, sondern regelrecht entsetzt und zum Teil auch persönlich getroffen und verletzt sind.

Mit Blick auf manche wirklich empörende Äußerung von Farid Bang, die mir in diesem Zusammenhang bekannt geworden ist, kann ich dies sehr gut verstehen. Das tut mir leid und im Nachhinein gesehen mache ich mir natürlich den Vorwurf, diesen Aspekt offensichtlich nicht gründlich genug recherchiert und im Gespräch mit Farid Bang nicht deutlicher zur Sprache gebracht zu haben.

Denn eines ist klar: Wenn Frauen, wenn Schwule und Lesben verhöhnt und verachtet werden, ist eine Grenze überschritten, die nicht überschritten werden darf, wenn das gesellschaftliche Miteinander in einer so vielfältigen und heterogenen Stadt Gesellschaft wie der in Düsseldorf funktionieren soll.

Eines aber bitte ich auch zu berücksichtigen: diese Stadt ist vielfältig und wir sind – zu Recht, wie ich finde – stolz darauf. Vielfalt kann nur funktionieren auf der Grundlage von Toleranz und gegenseitigem Respekt. Und zur Toleranz gehört auch, Anschauungen, Lebensentwürfe und Äußerungen auszuhalten, die unseren Vorstellungen von zivilisatorischem Fortschritt und Political Correctness nicht entsprechen. Zu dieser vielfältigen Gesellschaft gehören eben auch Farid Bang und seine Fans und die jungen Männer, die am Wochenende das Rheinufer unsicher machen.

Wenn ich auf die (ersten!) sechs Jahre meiner Amtszeit als Oberbürgermeister von Düsseldorf zurückblicke, ist die Integration, also das Zusammenhalten und das Miteinander dieser Stadtgesellschaft vielleicht die größte Herausforderung in diesem Amt. Ich habe einmal gesagt: Oberbürgermeister von Düsseldorf ist das pralle Leben und wer diese Stadt repräsentieren will, braucht ein großes Herz.

Doch noch einmal zurück zum Farid-Bang-Video. Das Thema einer Sondersitzung des Rates ist dem Vernehmen nach vom Tisch. Ich werde aber die Vorsitzenden der im Rat vertretenen demokratischen Fraktionen einladen, um mit ihnen zu diskutieren, wie in dieser Angelegenheit weiter verfahren werden soll. Sollte sich dabei eine Mehrheit dafür aussprechen, das Video von der städtischen Facebook-Seite zu nehmen, werde ich diesem Wunsch entsprechen.

Seid herzlich gegrüßt

Thomas Geisel