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Düsseldorf-Benrath: Auf persönlicher Spurensuche im Bunker

Im Benrather Bunker lernten sich 1946 die Eltern von Ilana Kohn-Grallert kennen : Auf persönlicher Spurensuche

Die Eltern von Ilana Kohn-Grallert lernten sich 1946 im Benrather Bunker kennen. Das erfuhr die gebürtige Israelin erst vor Kurzem. Ihre Mutter war mit ihrer Familie nach Düsseldorf geflüchtet, ihr Vater überlebte das KZ Mauthausen.

Ilana Kohn-Grallert hatte vor kurzem ihren „Heureka“-Moment. Heureka ist alt-griechisch und heißt soviel wie „Ich hab‘ es gefunden“. Angeblich soll dies auch Archimedes gerufen haben, als er in der Badewanne sitzend die Wasserverdrängung entdeckte. „Als wir den Bunker gefunden hatten, in dem sich meine Eltern 1946 kennengelernt haben, war das für mich ein ‚Heureka‘-Moment“, gesteht nun also Kohn-Grallert.

Sie wurde 1962 in Israel geboren, lebt aber in Hanover. Das ist kein Tippfehler, denn sie wohnt und arbeitet im US-Bundesstaat New Hampshire und hat sich in Düsseldorf auf die Suche nach Spuren ihrer Vorfahren begeben. „Meine Mutter hatte erzählt, dass der Bunker, in dem sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg lebte, in Gerresheim gestanden habe, aber da hat sie sich geirrt. Sie hat zwar mal mit ihren Eltern in Gerresheim gelebt, aber wir haben herausgefunden, dass diese sich im Benrather Luftschutzbunker an der Paulsmühlenstraße kennengelernt haben“, erläutert Kohn-Grallert.

Sie ist auf Spurensuche, weil in der Familie Kohn zu Lebzeiten des Vaters, er starb 1986 an Krebs, alles was mit den Themen Weltkrieg, Judenverfolgung und -vernichtung, also der Shoa zu tun hatte, nie angesprochen wurde. Nur die psychischen Folgen dessen, was der Krieg mit den Eltern gemacht hatte, waren offensichtlich. „Wir wurden immer ermahnt, Vater nicht aufzuregen“, bekennt Ilana Kohn-Grallert.

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Ilanas Vater Herschel Kohn, genannt Harry, ist ein aus Rumänien stammender Jude, der von 1944 bis 1945 im Konzentrationslager Mauthausen interniert war. „Eines Tages kam ein Transport mit ehemaligen KZ-Häftlingen in der Notunterkunft im Benrather Bunker an, in der meine Großeltern und meine Mutter als Geflüchtete untergebracht waren. Die ehemaligen KZ-Häftlinge waren ausgezehrt und wurden besser verpflegt als die anderen. Da hat mein Vater sein Essen mit einem Mädchen geteilt, das ihm gefiel, und später seine Frau wurde“, erzählt Kohn-Grallert.

Woher sie das weiß? Sie hat vor 15 Jahren ein mehr als fünfstündiges Gespräch mit ihrer Mutter über deren Lebenserinnerungen geführt, aufgezeichnet und daraus ein Buch geschrieben. Einige historische Dokumente hat sie aus dem Nachlass gefischt, wie die Heiratsurkunde aus dem Benrather Rathaus, doch vieles blieb im Verborgenen.

Also begab sie sich persönlich auf Spurensuche. Sie nahm Kontakt mit der Mahn- und Gedenkstätte auf und bat um Hilfe. Die erhielt die Amerikanerin durch die Düsseldorfer Gaby und Peter Schulenburg. Die Historiker knieten sich richtig rein und entdeckten so den Ort der ersten Begegnung von Kohn-Grallerts Eltern.

Und dann stand die Tochter im Benrather Bunker, der inzwischen von den Paulsmühler Jecken betrieben wird, ließ sich herumführen, bestaunte den Keller, in dem es noch genauso aussieht wie vor 82 Jahren, und fotografierte. „Das ist alles wahnsinnig interessant, aber den ‚Heureka‘-Moment hatte ich schon durch das Finden dieses besonderen Puzzlesteins, wo meine Eltern sich kennenlernten“, so Kohn-Grallert.

Ihre Mutter kam gebürtig aus Prüm in der Eifel, ihr Vater aus dem ehemaligen Hermannstadt. Und wie das Leben so spielt, trafen sie sich im Düsseldorfer Süden. Als sie heirateten, hatten sie viele Probleme. „Meine Mutter verlor ihre deutsche Staatsangehörigkeit, weil sie einen staatenlosen Juden heiratete. Sie hat bis 1962 gekämpft, um ihre Staatsbürgerschaft zurück zu bekommen“, so Kohn-Grallert. „Meine Mutter wollte nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs nur raus aus Deutschland“, sagt Kohn-Grallert: „Sie wollte nach Israel, mein Vater in die USA.“ Zunächst ging es aber nach Frankreich, dann nach Palästina, wie es damals noch hieß.

Dort wurden auch Ilana und ihre beiden Geschwister geboren. Aber ihre Eltern wurden dort nicht wirklich glücklich. „Meine Mutter wusste nicht, wo sie hingehörte. Sie hat sich immer bemüht, sich in Israel zu assimilieren“, erinnert sich Kohn-Grallert. „Doch so sehr sie sich auch angestrengt hat; man hat ihnen auch dort Steine in den Weg gelegt. So wurde beispielsweise ihre Ehe nicht anerkannt. Die Rabbiner wollten keine Mischehen zwischen Juden und Katholiken. Und als meine Mutter zum jüdischen Glauben konvertieren wollte, haben sie sie nicht gelassen.“ Schließlich ging es für die Familie zurück nach Deutschland, nach Krefeld. Inzwischen leben alle drei Nachkommen des Paares in den USA. „Ich habe meinen Mann, der Amerikaner ist, in Krefeld kennengelernt. 1989 bin ich mit ihm nach Amerika emigriert“, erklärt die Archivarin am Darmouth College Library. „Irgendwie habe ich damit den Traum meines Vaters wahr gemacht.“

Der Traum ihrer Mutter, die ebenfalls in die USA zog, war das aber nicht. „Ich glaube, sie wäre alleine in Krefeld glücklicher gewesen als mit ihrer Familie in den USA“, sagt die gebürtige Israelin. „Zum Ende ihres Lebens wurde ihr der katholische Glauben immer wichtiger. Mein Bruder hat ihr bei ihrer Beerdigung auf einem jüdischen Friedhof ein Kreuz mit in den Sarg gelegt.“ Auch das ist ein Puzzlestück auf der ganz persönlichen Spurensuche.