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Düsseldorf: Babyboom in der Corona-Krise

Überraschende Zahlen aus Düsseldorf : Babyboom in der Corona-Krise

Das Standesamt hat bis Ende Juli 4933 Geburten in Düsseldorf beurkundet – ein neuer Rekord. Die Pandemie hat anscheinend den Wunsch nach einer Familie verstärkt. Es gibt aber auch andere Gründe.

Die Corona-Pandemie beeinflusst viele Lebensbereiche – das gilt auch für die Familienplanung. Der Wunsch nach einer eigenen oder größeren Familie hat sich verstärkt. Darauf lassen die aktuellen Zahlen des Standesamts schließen, die einen neuen Geburtenrekord aufzeigen: So wurden bis Ende Juli bereits 4933 Geburten beurkundet, weitere rund 770 Geburten müssten es noch, wie ein Stadtsprecher auf Anfrage mitteilt.

Düsseldorferinnen und Düsseldorfer haben sich damit noch im ersten Lockdown oder in der anschließenden Lockerungsphase an die Familiengründung oder -vergrößerung gemacht. 2020 und 2019 waren bis Ende Juli gerade einmal 4489 beziehungsweise 4614 Geburtsurkunden ausgestellt worden.

An der Düsseldorfer Uniklinik (UKD) wird dieser Trend besonders deutlich, wie eine Abfrage unserer Redaktion an allen Geburtskliniken in der Landeshauptstadt zeigt: In den Monaten Februar bis Mai kamen dort mehr als 1000 Babys zur Welt – ein Rekord für das Bilker Krankenhaus, an dem in der Regel rund 2000 Geburten im gesamten Jahr betreut werden. Bis zum 28. Juli sind 1284 Babys zur Welt gekommen, alleine im Mai waren es 70 Geburten mehr als im Vorjahresmonat, im Juli 23 mehr bei 217 Geburten insgesamt.

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Das ist ein Trend, der sich auch bundesweit abzeichnet: So wurden laut Statistischem Bundesamt im März 2021 mit fast 66.000 Neugeborenen und damit ziemlich genau neun Monate nach dem ersten Lockdown so viele Geburten wie seit 20 Jahren nicht mehr in diesem Monat verzeichnet. Bei Destatis sieht man einen zeitlichen Zusammenhang mit dem Abklingen der ersten Corona-Welle und den Lockerungen dann ab Mai 2020. Im Februar 2021 gab es einen Anstieg um sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, im März waren es dann sogar zehn Prozent.

In Düsseldorf spielen aber auch weitere Faktoren eine Rolle beim Geburtenplus. So sei der Einzugsbereich inzwischen deutlich größer, sagt ein UKD-Sprecher. Während der Hochwasserkatastrophe seien etwa viele Schwangere aus umliegenden/betroffenen Krankenhäusern aufgenommen und bei der Geburt begleitet worden. Zudem wählten viele werdende Mütter auch aus dem Umland die Uniklinik „bei Konstellationen mit erhöhtem Risiko“ aus, sagt ein Kliniksprecher. Die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften sei deutlich gestiegen.

Am Florence-Nightingale-Krankenhaus sieht man die aktuellen Geburtszahlen eher im Kontext der „üblichen Steigerungs- beziehungswiese Schwankungsrate“, sagt Michael Meier, Koordinierender Oberarzt der Geburtshilfe in Kaiserswerth. Am Krankenhaus kommen inzwischen jedes Jahr rund 3000 Babys zur Welt.

Am Evangelischen Krankenhaus (EVK) betreuten die Mitarbeiter der Geburtshilfe bis Ende Juli genauso viele Geburten wie 2020 und 2019, ca. 940. Am Marien Hospital vom Verbund Katholischer Kliniken (VKKD) zählte man bis Ende Juli 562 Geburten, womit man sich ziemlich genau auf Vorjahresniveau bewege. An der Sana-Klinik in Benrath wurden 352 Geburten betreut und damit sogar weniger als im Vorjahreszeitraum (378).

Einen Corona-Effekt stellen viele Kliniken bei der Nachfrage nach ambulanten Geburten fest. So interessieren sich deutlich mehr Schwangere als sonst dafür, bereits wenige Stunden nach der Geburt die Klinik zu verlassen. An der Uniklinik mache man das gerne möglich, „insbesondere bei Gebärenden, die bereits ein Kind zur Welt gebracht haben und die eine Nachsorgehebamme haben“, so ein Sprecher.

Ähnlich sieht es am Florence-Nightingale-Krankenhaus aus: „In der grundsätzlichen Nachfrage nach ambulanter Entbindungen sehen wir einen deutlichen Corona-Effekt und führen das auf die Sorge vor einer Infektion im Krankenhaus zurück“, sagt eine Sprecherin. Letztlich entschieden sich aber nicht mehr Mütter als sonst für diese Art der Geburt. Am Geburtshaus Düsseldorf stieg wiederum die Nachfrage nach von Hebammen begleiteten Geburten im Geburtshaus oder daheim bereits im vergangenen Jahr Kostenpflichtiger Inhalt drastisch an.

Für die Kliniken sind die Geburten in der Pandemie nicht nur personell immer wieder eine Herausforderung. So wurde am Marien Hospital etwa ein isolierter Kreißsaal für infizierte Schwangere eingerichtet. „Zusätzlich haben wir Isolationszimmer ausgewiesen, Verfahrensanweisungen für den Umgang mit Covid-19 positiven Müttern erstellt, Schnelltests und PCR-Tests bei Aufnahme aller Schwangeren und bei Vätern im Familienzimmer durchgeführt“, sagt ein VKKD-Sprecher.

Trotz aktuell steigender Inzidenz ist die Sorge, das Kind ohne Partner/Partnerin im Kreißsaal zur Welt bringen zu müssen, unbegründet. „Väter oder Bezugspersonen sollen nach wie vor zugelassen werden“, sagt ein VKKD-Sprecher. „Am UKD konnten Väter immer mit zur Geburt gehen – vorausgesetzt, es wurden entsprechende Sicherheitsmaßnahmen befolgt“, sagt ein Sprecher.

Die mit Corona verbundenen Besuchseinschränkungen empfinden viele Mütter sogar als angenehm. „Mit wenig Besuch ist es auf der Wöchnerinnenstation traumhaft ruhig. Da kann man gut in das neue Leben mit dem Kind ankommen“, sagt Lisa G., die am 27. Juli in der Uniklinik ihr zweites Kind (Leni) zur Welt brachte. Auch am EVK sieht man positive Nebeneffekte – „vor allem wenn es ums Stillen und die Schlafgewohnheiten der Neugeborenen oder die Regeneration der Wöchnerinnen geht“, sagt Anja Matthes, leitende Hebamme.

Die Geburtsentwicklung in Düsseldorf und deutschlandweit steht im Kontrast zu anderen Ländern. Daten der Vereinten Nationen aus 19 europäischen Ländern und den USA zeigen starke Geburtenrückgänge gegenüber den Vorjahresmonaten und: Je länger die Pandemie anhält, desto stärker sind die Rückgänge. So ging allein in der EU die Zahl der Babys im Oktober 2020 um drei, im November um fünf und im Dezember sogar um 8,1 Prozent zurück. Spanien verzeichnete sogar einen Rückgang um 20 Prozent im Januar 2021, Frankreich um 13,5 Prozent.

Auch in den USA gehen die Zahlen drastisch zurück: In Kalifornien etwa wurden im Januar 2021 im Vergleich zum Vorjahresmonat 10,5 Prozent weniger Babys geboren, in Florida 7,2. Sogar Internet-Suchanfragen zu schwangerschaftsbezogenen Themen gingen laut einer Studie zurück. Experten erklären solche Zahlen damit, dass man die Familienplanung in wirtschaftlich unsicheren Zeiten aufschiebt.