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Düsseldorf: Abschied von der Thomaskirche in Mörsenbroich

Kirche in Düsseldorf entwidmet : Abschied von der Thomaskirche

Die Kirche galt in den 1970er Jahren mit ihren Beatmessen als modernste Gemeinde Düsseldorfs. Nun wurde sie entwidmet und die Mitglieder nehmen Abschied.

Als der weltweit gerühmte Literat und führende Kopf der Befreiungstheologie in Lateinamerika, Ernesto Cardenal, da war, platzte die Thomaskirche aus allen Nähten. 2000 Jugendliche saßen auf dem Fußboden und lauschten den Worten des Priesters aus Nicaragua. Cardenal war im Oktober 1973 Gast beim „Sancro Pop Festival“. Damit unterstrich die Thomaskirche ihren damaligen über die Grenzen der Landeshauptstadt hinausgehenden Ruf, die modernste Gemeinde Düsseldorfs zu haben. Sinnbild dafür waren die Beatmessen, die Jugendliche aus allen evangelischen Gemeinden der Stadt nach Mörsenbroich lockten. „Vieles passierte hier zum ersten Mal in Düsseldorf“, erläutert Pfarrer Stephan Kläs. „Hier wurde die erste Nicaragua-Hungerhilfe, die erste Umweltgruppe und der erste Dritte-Welt-Laden gegründet.“ Gestern wurde die Thomaskirche entwidmet und wird demnächst abgerissen.

„So schön ist das Gebäude jetzt auch nicht. Nur der Wandel ist das Beständige“, meinte Annette Linz. „Was die Thomaskirche in den 1970er, 80er Jahren vorgemacht hat, muss auf andere, heute zeitgemäße Weise wiederkommen.“ Linz war ganz nah dran, an der modernen, den Kirchenoberen teilweise revolutionär anmutenden Arbeitsweisen in der Thomaskirche, ist sie doch die Tochter von Dietrich Linz, der zwischen 1965 und 1989 einer der Pfarrer war. „Wenn er seine Predigten vorbereitete, durften wir uns freitags schon nicht mehr rühren“, erinnert sich Annette Linz. „Er kämpfte immer um die Aktualität der Bibel. Er wollte und konnte den Bibelversen Bedeutung für die Zeit geben.“

So herrschte ein moderner Zeitgeist in der Gemeinde, der viele fürs Leben prägte. Auch Dietmar Ullrich. Er kam extra aus Unterrath, um sich von der Thomaskirche zu verabschieden. „Ich war von Oktober 74 bis Januar 76 der erste Zivildienstleistende, den die Gemeinde je hatte. Sie war als progressiv bekannt. Ich bin sofort gleichberechtigt aufgenommen worden, fühlte mich nie als fünftes Rad am Wagen. Der Umgang mit allen Generationen, mit allen sozialen Schichten und die Dankbarkeit der Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, wenn man sich um sie kümmert, habe ich nie vergessen“, so Ullrich. „Ich bin ein bisschen traurig, dass die Thomaskirche weichen muss, aber sie aufrechtzuerhalten geht auch nicht. Die Strukturen ändern sich.“

Bei einer der Abschiedsveranstaltungen der Thomaskirche traf Ullrich nach vielen Jahrzehnten Ute Lorsbach wieder. „Ich habe ihn gar nicht erkannt“, gestand Lorsbach. „Ich habe ihn immer noch als jungen Mann vor Augen.“ Sie ist wehmütig, dass ein so wichtiger Teil ihres Lebens, in Zukunft nicht mehr da sein wird. „Ich war Presbyterin und habe den privaten Kindergarten an der Thomaskirche geleitet. Es war die schönste Zeit in meinem beruflichen Leben“, erklärt Lorsbach. „Alles hat ein Ende, aber ich habe hier so viele schöne Dinge erlebt. Das vergisst man nicht.“

So zelebrierte einst Musiker Peter „Piet“ Janssens eine seiner bekannten Beatmessen. „Anschließend haben wir gefeiert und den Urschrei geübt. Alle haben gebrüllt“, erzählt Lorsbach. „Am nächsten Morgen bekam Pfarrer Uwe Seidel bei der Predigt keinen Ton mehr raus. Er krächzte nur: ‚Heute fällt die Predigt aus, es wird nur gesungen‘. Es war herrlich.“