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Düsseldorf: Die Wirklichkeits-Zerleger

Düsseldorf : Die Wirklichkeits-Zerleger

Die Düsseldorfer Choreografen Billinger und Schulz fragmentieren in ihrem aktuellen Stück "Violent Event" Bilder der Gewalt, wie man sie aus den Medien kennt. So entstehen abstrakte Szenen, die doch große emotionale Wirkung erzielen.

Gewalt auf der Bühne kann so aussehen: Drei Tänzer hocken an der Seite, dribbeln Basketbälle auf der Stelle. Ein dumpfer Rhythmus, bedrohlich, wie Schüsse in der Ferne. Und dann ist da eine Frau mit Baseball-Schläger. Die drischt auf einen ein, der über den Boden krabbelt. Der Rücken des Mannes ist gut gepolstert, doch jeder Schlag zwingt ihn zu Boden, macht ihn zum Oper.

Verena Billinger und Sebastian Schulz sitzen am Bühnenrand. Sie schauen mit angespannter Haltung zu, als teilnehmende Beobachter. "Wir inszenieren die Bewegung anderer", wird Schulz später erklären. Das sei auch eine Art von Gewalt, anderen die Abläufe vorzuschreiben. "Aber die Künstler gestalten ihren Auftritt natürlich auch selbst - sie von innen, wir schauen von außen, das ist unser Verständnis von Choreografie", sagt Schulz.

Seit 2009 arbeiten Billinger und Schulz als Choreografen-Team zusammen. Gerade haben sie eine hohe Auszeichnungen erhalten, das Land NRW hat sie in die Spitzenförderung Tanz aufgenommen, sie gehören nun zum Kreis von nur wenigen Choreografen, die über drei Jahre mit bis zu 20 000 Euro pro Jahr gefördert werden. Eine große Sache sei das für sie, sagen die jungen Künstler. "Wir können jetzt ganz anders denken, langfristig planen, mit Künstlern arbeiten, denen wir eine Perspektive bieten können", sagt Verena Billinger.

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Die beiden Choreografen kommen aus Gerresheim, kennen einander schon seit der Schulzeit, haben schon als Jugendliche Theater gemacht. "Wir hatten eine tolle Lehrerin, Dietlind Linke, die uns ans Theaterspiel herangeführt hat", sagt Schulz. Außerdem kamen sie in Berührung mit dem Forum Freies Theater, arbeiteten dort schon früh unter anderem mit dem Regisseur und Performer Ives Thuwis und dem Duo Hoffmann & Lindholm. Das hat sie geprägt. Das hat auch die Wahl ihres Studiums beeinflusst. Billinger und Schulz haben in Gießen, Frankfurt und Hildesheim Angewandte Theaterwissenschaft, Choreographie und Performance studiert, Schulz dazu auch noch Tanz. Mit ihren Inszenierungen treten sie manchmal in den öffentlichen Raum wie bei "Kummerkasten Menschenstadt", als sie Passanten in eine Holzhütte baten, um mit ihnen über ihre Stadt zu sprechen. In "Romantic Afternoon" konnte das Publikum Performern auf der Bühne beim Küssen zusehen.

In ihrer aktuellen Arbeit "Violent Event" geht es um negative Emotionen, um Gewalt und deren Spielarten, um Schlagen, Reißen, Schießen, Zerstückeln. Die Choreografen haben Bilder der Gewalt fragmentiert, haben daraus abstrakte, symbolische Formen der Gewalt für die Bühne entwickelt. Das "So-tun-als-ob" im Theater wird so deutlich, zugleich haben die Künstler eindringliche Szenen geschaffen, die eine eigene Bedrohlichkeit entwickeln und den Zuschauer emotional packen. "Wir zeigen Gewalt in einem Raum, in dem alles verabredet ist", sagt Sebastian Schulz, "vielleicht wirft das Fragen auf danach, wie schlimm dann reale Gewalt sein muss. Dann hätten wir viel erreicht."

(RP)