Ein Leben für die Giganten der Meere: "Die Wale sind unsere Kinder"

Ein Leben für die Giganten der Meere: "Die Wale sind unsere Kinder"

Zweimal im Jahr gibt es für Andrea Steffen (48) und ihren Mann Wilfried (59) kein Halten mehr. Dann zieht es die Steuerberaterin und den IT-Berater einer Bank von Düsseldorf aus auf die Karibikinsel Dominika. Auf der Vulkaninsel zwischen Martinique und Guadeloupe warten nicht etwa tropische Cocktails und Hängematten, sondern die große Passion des Paares: die Pottwale. Seit über zehn Jahren widmen beide ihre ganze Freizeit der Erforschung und dem Schutz der Meeresgiganten. "Die Wale sind so etwas wie unsere Kinder", sagt Andrea Steffen.

Die Faszination für die Tiere entstand durch ein gemeinsames Hobby. Das Paar tauchte mit Haien, Mantas und Muränen in den Ozeanen der Welt, bis es die Unterwasserfans in Mexiko zum Whale Watching verschlug. "Beim Anblick des ersten Wals war es um uns geschehen", erzählt Wilfried Steffen. Den Computerspezialisten fasziniert nicht nur die 65 Millionen Jahre alte Evolutionsgeschichte der Tiere. "Der Pottwal ist mit bis zu 20 Metern Länge und 70 Tonnen Gewicht auch das größte Raubtier der Welt", erklärt er, "gleichzeitig birgt er immer noch viele Rätsel". So weiß bislang niemand, wie die männlichen Tiere ihren Weg aus der Arktis in tausende Kilometer entfernte südliche Gewässer finden, um sich dort zu paaren.

Wale vom Boot aus zu betrachten, reichte den beiden bald nicht mehr. In der Dominikanischen Republik tauchten sie gemeinsam mit Buckelwalen an einem Riff, "sehr teuer und sehr kommerziell", erzählt Wilfried Steffen, aber dennoch ein Highlight für die begeisterten Taucher. Ihren Traumspot fanden sie übers Internet auf der touristisch bislang kaum erschlossenen Karibikinsel Dominika, der Heimat einer großen Walpopulation. Dort sind sie seit mittlerweile zehn Jahren jedes Jahr im Hotel und in der Tauchschule von Andrew Armour zu Gast, fahren mit ihm aufs offene Meer, um Pottwale zu beobachten und mit ihnen zu tauchen.

Auge in Auge mit dem Wal

Einige der Tiere erkennen die Rheinländer mittlerweile wieder, davon ist Andrea Steffen überzeugt. "Scar" ist so ein Wal. Seinen Namen verdankt er den charakteristischen Narben am Kopf. Seit seiner Geburt vor sieben Jahren hat die Düsseldorferin das Tier mehrmals gesichtet. Bei ihrem letzten Aufenthalt suchte er bewusst ihre Nähe, da ist sie sicher. "Das Muttertier drehte ab, er kam direkt zu mir geschwommen, vielleicht suchte er Zärtlichkeit." Ein Erlebnis "wie ein Sechser im Lotto", schwärmt sie voller Begeisterung. Nicht minder beeindruckte sie ein gerade geborenes Pottwal-Baby. Mit dem drei Meter großen Walnachwuchs tummelte sie sich im Wasser, während die Mutter vertrauensvoll nach Nahrung tauchte.

Wieder zu Hause im Rheinland machten sich beide auf die Suche nach Literatur über Pottwale und stellten fest: Information ist Mangelware. So machten sie aus der Not eine Tugend und notierten bei ihren Aufenthalten auf Dominika ihre eigenen Beobachtungen fein säuberlich in ein Tagebuch, fanden beispielsweise heraus, dass die Hormone der Tiere bei Vollmond verrückt spielen. "Für Walforschung gibt es wenig Geld", sagt Wilfried Steffen, nur eine Universität im kanadischen Halifax befasst sich wissenschaftlich mit den Tieren. Zu den dortigen Forschern haben die Steffens mittlerweile gute Kontakte, tauschen Ergebnisse aus. Ganz nebenbei veröffentlichten sie 2003 auch noch einen spektakulären Bildband über ihre Erlebnisse mit den Pottwalen.

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Damit nicht genug. Auf Dominika haben die passionierten Walliebhaber vor einigen Jahren selbst ein Forschungszentrum errichtet. Mit einem imposanten Ausstellungsobjekt: dem Skelett eines gestrandeten Wals, den sie vor den Kameras von "stern tv" ausgruben und mit Hilfe eines Präparators zusammensetzten. "Der Aufbau des Zentrums war nicht immer einfach", erinnert sich Andrea Steffen, "die Uhren gehen in der Karibik anders, statt Disziplin heißt es 'keep cool'". Heute bringt das Forschungszentrum Touristen und einheimischen Schulkindern die Wale näher. Andrea Steffen setzt sich außerdem dafür ein, dass ihre Lieblingstiere zum Pflichtstoff in der Schule werden.

Karibische Träume

Das macht Sinn. Denn aus wirtschaftlichen Gründen stimmt Dominika weiterhin für den Walfang. Andrea Steffens Traum: die Einrichtung einer geschützten Zone für die Tiere. Dafür würde sie sogar komplett aus ihrem Leben in Deutschland aussteigen und in der Karibik leben. "Nur das Uerige würde mir fehlen", scherzt Ehemann Wilfried.

Bis dahin bleibt das Paar auch in Deutschland aktiv. Andrea Steffen engagiert sich für das Projekt "Pottwale" bei der von Weltumsegler Rollo Gebhardt gegründeten "Gesellschaft zur Rettung der Delfine", hält Vorträge, die wie kürzlich im Aquazoo schonmal wegen Überfüllung wiederholt werden müssen. Und für den Sommer ist schon die nächste große Aktion geplant. Dann geht es zusammen mit Ehemann Wilfried mit der MS Bremen auf eine Walexpedition in die Arktis.

Buch: Pottwale. Im dunklen Blau des Meeres, Heel Verlag, 2003, 19,95 Euro.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Wale irren durch Flussdelta

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