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Die Volkshochschule Düsseldorf wird 100 Jahre alt.

VHS Düsseldorf : Eine Idee macht Schule

Die Volkshochschule wird 100 Jahre alt. Einst sollte sie Bildung für Menschen bieten, die von „ernstem Eifer“ angetrieben wurden.

Diese drei Buchstaben kennt jeder, selbst wenn er die Institution nie genutzt hat: VHS. Sie stehen für das Wissen der Welt, gereicht in verdaulichen Happen – vom Arabisch-Sprachkurs bis zur Zen-Meditation. Und wäre auch nur ein Hauch von all dem gespeichert worden, was in tausenden Kursstunden jedes Jahr vermittelt wird, Düsseldorf müsste ein Ort der Klugheit sein. Nun werden die drei Buchstaben durch drei Ziffern ergänzt: Die Volkshochschule wird in diesem Jahr 100 Jahre alt.

Es waren unruhige Zeiten. Der Erste Weltkrieg war gerade vorbei, die Monarchie Vergangenheit, die junge Republik stand auf wackligen Beinen. Der „Steckrübenwinter“ 1917/18, in dem es wochenlang nicht mal Kartoffeln gab, war noch im kollektiven Gedächtnis. Zu Beginn des Jahres 1919 erschütterten politische Unruhen mit Generalstreiks, Massendemonstrationen, Straßenschlachten die Stadt. In diesem Klima griffen weitsichtige Köpfe eine Idee aus Dänemark auf, denn dort gab es sie längst: die Volkshochschulen. „Wir müssen Brücken schlagen zwischen dem kleineren Volksteil, der geistig arbeitet, und dem immer größer werdenden Teile unserer Volksgenossen, der mit der Hand schafft, aber geistig hungrig ist“, heißt es in einem Erlass des preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung.

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Bildung sollte also nicht nur elitären Kreisen, sondern allen Menschen zugänglich sein. Sie hatten schon im ersten Semester die Wahl zwischen 120 Kursen, „Seelenkunde“ stand auf dem Lehrplan ebenso wie Weltanschauungsfragen. „Wege zur Beherrschung der Muttersprache ihrer Form und ihrem Geiste nach“ ebenso wie „Grundlagen und Entwicklung der Radiotechnik“. Und wer seinen tristen Alltag hinter sich lassen wollte, konnte im Kurs „Himmelskunde“ Einblicke ins Universum gewinnen. „Die VHS wollte fern jeder Ideologie nicht nur die Freude an geistiger Arbeit wecken, sondern vor allem die Urteilskraft stärken“, so Simone Bruns, seit 2015 Leiterin der VHS. Bürgertugenden, die die junge Demokratie dringend brauchte.

Das galt ausdrücklich auch für Mädchen und Frauen, die Zugang zu allen Kursen hatten – vor 100 Jahren keine Selbstverständlichkeit. So fragten die Tageszeitungen prompt, was eine VHS weiblichen Teilnehmern denn zu bieten habe. Die Antwort: Frauen und Mädchen könnten lernen, „ihre politischen Pflichten als aufgeklärte, urteilsfähige Menschen zu erfüllen und ihre Verantwortung für das Staatsganze zu empfinden“. Solche Appelle blieben nicht ohne Erfolg. Die Chronik der VHS verzeichnet, dass bereits im Wintersemester 1925 mehr Frauen als Männer die Kurse besuchten. Und eine weitere Zahl in der Statistik zeigt, dass der Plan aufging, Bildung für alle zu bieten: Mit 34 Prozent waren Arbeiter und Handwerker die stärkste Teilnehmergruppe. „Das zeigt uns, wie groß der Bildungshunger damals war“, so Bruns. Auch wenn es nicht allen leicht fiel, die Kursgebühr von vier Reichsmark aufzubringen. Aber Ratenzahlung und „Hörersparmarken“ im Wert von 50 Pfennig erleichterten den Einstieg in die Bildung – sie wurden gesammelt, eingeklebt und schließlich für einen Kurs eingelöst.

Nach Dozenten für die neue Weiterbildungs-Einrichtung hatte man in den Zeitungen gesucht, alle waren willkommen, die den Leitsätzen des Geheimen Studienrats Erythropel folgen wollten: „Man sei zuerst Mensch, dann Dozent. Man rede natürlich und volkstümlich, man vermeide Fremdwörter nicht, aber erläutere sie. Hat man Humor, so nutze man ihn. Man lasse merken, daß auch das eigene Urteil nur subjektiv ist, und bedenke, daß andere ebenso klug sein können, wie man selbst.“ Meist fühlten sich Lehrer von diesem Appell angesprochen.

Gerade erst richtig in Schwung gekommen, wurde die Arbeit der Volkshochschule schon bald gebremst. Denn 1929 war die wirtschaftliche Situation so katastrophal, dass die Stadt ihre finanzielle Unterstützung versagte. Etliche Kurse wurden trotzdem angeboten, weil die Dozenten auf ihre Honorare verzichteten. Mit Machtergreifung der Nationalsozialisten war es dann vorbei mit der liberalen Freizügigkeit der VHS. Nun färbte die Propaganda des Regimes das Angebot, um „eine nationale, jugendfrische Kultur in das Volk zu tragen“. Die Regierung nutzte die Strukturen der VHS, um ihre Botschaften zu transportieren, bald prägten Themen wie „Die Germanischen Grundlagen der deutschen Volkskultur“ und „Geburtenrückgang – Rassenniedergang“ das Vortragsprogramm. Jeder wurde ermuntert daran teilzunehmen, mit einer Ausnahme: „Juden sind ausgeschlossen.“

Ohne Zweifel kam ein solches Programm in der Bevölkerung gut an, auch das belegt die Statistik der VHS: 42.000 Teilnehmer im Wintersemester 1938. Eine Dokumentation zur VHS-Geschichte kommt zu dem Schluss: „Einen solchen Zulauf hätte es bei Themen, mit denen die Bevölkerung innerlich nicht einverstanden war, kaum geben könnte.“

Nach Kriegsende wurde die Volkshochschule erneut einem rasanten Wandel unterzogen und als Rückgrat der „antifaschistischen Umerziehung“ genutzt, nun wollte die britische Besatzungsmacht wieder demokratisches Bewusstsein, kritische Urteilsfähigkeit und praktische Lebenshilfe fördern. Auch wenn es in den ersten Jahren mit der praktischen Lebenshilfe schon daran haperte, dass mögliche Unterrichtsgebäude ausgebombt waren und dass es weder Kohlen zum Heizen, noch Papier für Unterrichtsmaterial gab. Manfred Graff (85) hatte gerade seinen 15. Geburtstag gefeiert, als er 1948 seinen ersten VHS-Kurs belegte: Englisch für Fortgeschrittene. „Ich wollte mehr wissen, als in der Schule an Sprachkenntnissen vermittelt wurden. Und bei der Volkshochschule wurden Original-Artikel aus englischen Zeitungen gelesen und darüber diskutiert“, erinnert sich der ehemalige CDU-Fraktionschef und Ratsherr. Schon im Jahr zuvor war er einem Aufruf der Engländer gefolgt, „die wollten die Düsseldorfer mit der Kultur ihrer Nachbarländer vertraut machen“ und hatten dazu „Die Brücke“ mit einer britischen Bibliothek gegründet. Die Engländer suchten junge Leute, die daran interessiert waren, Filme vorzuführen und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen – da war Musterschüler Manfred sofort dabei.

70 Jahre Volkshochschule – auch einige Jahre als Dozent – damit dürfte Manfred Graff wohl einen Rekord halten, eine „Ehrenkarte auf Lebenszeit“, die ihn zum kostenlos Besuch von Kursen, Seminaren und Vorträgen berechtigt, besitzt er allemal. Und nutzt sie auch, denn VHS-Kurse haben immer noch einen festen Platz in seinem Terminkalender –„das ist eine lebenslange Verbundenheit.“ Zwei Mal pro Woche geht er heute zum Französischkurs und parliert mit überwiegend weiblicher Unterstützung. Denn er reist seit vielen Jahren nach Frankreich. „Dabei hat es mich immer gestört, wenn ich mit den Menschen nicht richtig reden konnte.“

Sprachunterricht ist immer noch die stärkste Säule im VHS-Programm mit 5000 Kursen (und 50.000 Buchungen) pro Jahr – die Vielfalt wächst stetig, so wird mittlerweile auch Hindi, Koreanisch und Armenisch in den Kursen gesprochen. Ansonsten wird angeboten, was die Menschen in ihrem Alltag stärkt, Kurse, die fit für den Job machen oder die dabei helfen, sich vom Job zu erholen und den Horizont zu erweitern. Viele Teilnehmer wünschen sich eine bessere Stressbewältigung („Die Zauberkraft der Gelassenheit“) oder Unterstützung, um ihre Talente zu entfalten. Panoramaflüge über die Alpen gibt es in Zeiten des Massentourismus schon lange nicht mehr, auch wird nach einem Dia-Vortrag über das Reiseland Griechenland nicht mehr gemeinsam Sirtaki getanzt.

„An den Ursprungsideen der Volkshochschule hat sich bis heute nichts geändert, sie ist noch immer geprägt von demokratischen und humanistischen Werten“, sagt Simone Bruns. Die Inhalte aber sind mit der Zeit gegangen. Da setzt die VHS auch mal eine virtuelle Brille auf, um in die digitale Zukunft schauen zu können. Teilnehmer, die diesem Angebot folgen, schaffen im virtuellen Raum selbst ein Kunstwerk. Überhaupt ist die Volkshochschule im digitalen Zeitalter angekommen, auch bei der Anmeldung. In früheren Jahrzehnten, im Karteikärtchen-Zeitaltern, gehörte eine lange Menschenschlange rund ums VHS-Gebäude zum Ritual vor Semesterbeginn. Seit 1990 ist eine schriftliche Anmeldung möglich, inzwischen mit ein paar Mausklicks.

Reine Frauenkurse gibt es immer seltener, „kaum noch Nachfrage“. Allenfalls bei Seminaren, bei denen es zum Beispiel um das korrekte Wickeln eines japanischen Kimonos geht, bleiben die Damen unter sich. Dafür gibt es in letzter Zeit immer öfter Nachfragen von Männern, die gern Bauchtanz machen würden. So ändern sich die Zeiten.