Düsseldorfer Geschichten: Die verschollene Sammlung des Max Stern

Düsseldorfer Geschichten: Die verschollene Sammlung des Max Stern

Wie ein kanadisches Projekt um Gerechtigkeit für einen Düsseldorfer Galeristen kämpft – und bald ein Bild aus dem Stadtmuseum bekommt.

Wie ein kanadisches Projekt um Gerechtigkeit für einen Düsseldorfer Galeristen kämpft — und bald ein Bild aus dem Stadtmuseum bekommt.

Mit dem Selbstbildnis von Wilhelm von Schadow wird das Stadtmuseum bald eine unangenehme Attraktion verlieren. Das 59 mal 43 Zentimeter große Ölgemälde des Akademie-Direktors ist eines der wenigen Bilder, das in einem Museum hängt, obwohl es auf der Fahndungsliste von Interpol steht. Der Grund ist ein Raubkunst-Streit: Ein kanadisches Projekt fordert seit Jahren die Rückgabe des Bildes, weil es in der NS-Zeit einem jüdischen Galeristen entzogen wurde.

Seit der vergangenen Woche deutet sich eine Lösung an: Der Kulturausschuss beschloss eine Rückgabe des Gemäldes. Wie es zu dieser Entscheidung kam, ist eine spektakuläre Geschichte über Kunst und Moral, über ein außergewöhnliches Restitutionsprojekt — und über den Kampf um späte Gerechtigkeit für einen vertriebenen Düsseldorfer.

Die Geschichte beginnt in Düsseldorf. Bis 1937 gehört das Schadow-Gemälde dem 1904 in Mönchengladbach geborenen Kunsthändler Max Stern. Er betreibt an der Königsallee eine Galerie, die er von seinem Vater übernommen hat. Stern ist kein herausragender Kunstförderer wie Alfred Flechtheim, aber er bedient mit gutem Gespür die Wünsche seiner Kunden, die Höhepunkte für ihre private Sammlung suchen. Seine Kunden sind die Spitzen der Gesellschaft: Industriellenfamilien wie die Thyssens, Vorstandsmitglieder der IG Farben, Geschäftsleute, Ärzte, Anwälte. Stern verkauft ihnen Werke holländischer Altmeister und der Maler der Düsseldorfer Schule.

Als die Nationalsozialisten die Macht übernehmen, gerät er in Schwierigkeiten. Stern wird von den wichtigen Auktionen im Breidenbacher Hof ausgeschlossen. 1935 zwingt ihn die Reichskammer der bildenden Künste, die Galerie aufzulösen. Sie gibt als Grund vor, er verfüge nicht über die Qualifikation — obwohl er sogar einen Doktor in Kunstgeschichte innehat. Dass Stern so stark im Fokus der Nazis steht, liegt nicht nur an seiner jüdischen Herkunft, sondern auch an seinem Schwager: Seine Schwester Selma ist die Frau des Journalisten Siegfried Thalheimer, dem bei den Rechten verhassten Chefredakteurs der "Düsseldorfer Lokalzeitung".

Nach mehreren vergeblichen Einsprüchen muss er 1937 schließlich die Galerie auflösen. Einen Großteil seines Bestandes liefert er zur Zwangsversteigerung im Auktionshaus Lempertz in Köln ab und erhält geringe Erlöse. Die in Deutschland eingelagerten Reste seiner Sammlung werden versteigert, das Geld geht an die Regierungshauptkasse in Düsseldorf.

Dass diese Geschichte fast 80 Jahre später noch einmal in den Fokus gerät, liegt daran, dass Max Stern die Verfolgung im Exil überlebt — und nach dem Krieg eine zweite, erfolgreiche Karriere in Übersee startet. Nach Stationen in Paris und Lodon, wo er als "feindlicher Ausländer" zwei Jahre interniert wird, lässt er sich in Montreal nieder und startet 1941 erneut eine Kunsthandlung. Er versucht, seine Sammlung aus Deutschland zurückzuerhalten, bekommt aber nur einen kleinen Teil. Den macht er zur Grundlage der "Dominion Gallery of Fine Arts", die er zu einer bedeutenden Vertretung für moderne Kunst entwickelt. Er ist der erste Händler, der Werke von Kandinsky an das Museum of Modern Art in New York verkauft und hat Exklusiv-Vertretungsrechte für Werke von Auguste Rodin in Kanada. Außerdem fördert er kanadische Künstler. 1987 stirbt er als hoch angesehener Mann.

Über die Sammlung, die er in der NS-Zeit verloren hat, redet Max Stern in Kanada kaum noch. Sie rückt erst wieder nach seinem Tod in den Mittelpunkt des Interesses. Der kinderlos gebliebene Kunsthändler vermacht sein Vermögen zum größten Teil einer Stiftung, die drei Universitäten bedenkt: die McGill University und Concordia University in Montreal sowie die Hebrew University in Jerusalem. Als die Stiftung 2000 den Bestand der Galerie auflöst, stößt sie auf die verschollene Sammlung aus Düsseldorf — und die Universitäten starten gemeinsam das "Max Stern Art Restitution Project", um im Namen ihres Wohltäters dessen verlorene Werke zurückzuholen.

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Für die Recherchen wird zwei Jahre später ein Deutscher engagiert: Der Jurist und Historiker Willi Korte ist Spezialist für die Rückgabe von Kunstwerken, die im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind. Sein spektakulärster Erfolg ist die Rückführung des Quedlinburger Domschatzes aus den USA nach Deutschland Anfang der 90er Jahre. Auch für das Museum Kunstpalast hat er schon gearbeitet.

Korte reist für Recherchen nach Düsseldorf. Im Landesarchiv liest er die Gestapo-Akten. Insbesondere sucht er nach Listen der Bestände — denn es ist völlig unklar, wie groß die Sammlung war. Schließlich stößt er auf den Katalog zur Versteigerung beim Auktionshaus Lempertz 1937. Dort sind 228 Bilder verzeichnet, 70 davon mit Abbildungen. "Das war ein Glücksfall", sagt Korte. In diesem Katalog taucht auch das Schadow-Bild auf. Unter Nummer 135 ist es mit einer Abbildung verzeichnet. Das Gemälde hat 1972 seinen Besitzer erneut gewechselt: Es gehört nun zur Sammlung der Stadt Düsseldorf und wird in der Dauerausstellung im Stadtmuseum gezeigt.

Nun macht sich die besondere Ausstattung des Stern-Projekts bezahlt: Es verfügt über die institutionelle Unterstützung von drei Universitäten und viel Kapital. Das ist wichtig, weil die Restitution von Raubkunst juristisch hochkomplex ist. Zwar hat sich zum Beispiel Deutschland 1998 zur fairen Lösung solcher Fälle verpflichtet, in der Praxis gibt es aber viele Widerstände in Museen und Politik; die Erben scheitern häufig an den hohen Kosten der Auseinandersetzungen.

Das Max-Stern-Projekt aber kann vor US-Gerichten einen langwierigen Präzedenzfall durchstreiten: In zwei Instanzen erlangt es ein Gemälde zurück, das eine in die USA ausgewanderte Familie 1937 bei Lempertz gekauft hatte. Das Gericht erkennt an, dass der Zwangsverkauf einem Entzug gleichgekommen ist. Als Folge erhebt das Projekt Anspruch auf andere Bilder. Sie lässt die Bilder in Datenbanken zu verschollener Kunst eintragen — und den Schadow von der US-Bundesstaatsanwaltschaft auch auf die Fahndungsliste von Interpol setzen. Bei der Stadt Düsseldorf reicht das Restitutions-Projekt im vergangenen Jahr sein Begehren ein.

Die Stadt Düsseldorf und die von ihr beauftragte Rechtsanwaltskanzlei — so zumindest stellt es Korte dar — stehen dem Anliegen zunächst scharf ablehnend gegenüber. Dann ändert sich aber die Haltung — möglicherweise mit Blick auf andere Fälle in Deutschland: Mehr als zehn Werke hat das Projekt inzwischen zurückerlangt. Die Direktorin des Stadtmuseums, Susanne Anna, empfängt im Frühjahr eine Delegation aus Amerika. Das Kulturdezernat empfiehlt schließlich die Rückgabe des Bildes, dessen Wert auf 50 000 Euro geschätzt wird. Kulturdezernent Hans-Georg Lohe hält es nach der Prüfung für eindeutig, dass das Anliegen berechtigt ist.

Bevor der Kulturausschuss in der vergangenen Woche zustimmt, bekommen die Mitglieder Post vom Holocaust Claims Processing Office aus New York. Die Rückgabe des Gemäldes sei "eine Ehrung für einen Mann, der seinen Beruf und sein Heimatland verloren hat, nur weil er jüdisch war", schreibt Direktorin Anna B. Rubin und ruft die Lokalpolitiker zur Zustimmung auf. Nach dem einstimmigen Ergebnis im Ausschuss muss nun nur noch der Stadtrat die Rückgabe beschließen; dies gilt als äußerst wahrscheinlich. Die Stadt Düsseldorf zeigt sich nach ersten Gesprächen zuversichtlich, dass das Bild als Dauerleihgabe im Museum bleiben kann — ohne auf einer Fahndungsliste zu stehen.

Die Geschichte der verschollenen Stern-Sammlung aus Düsseldorf ist damit nicht zu Ende. Noch immer gelten viele Werke als vermisst. Es ist auch unklar, ob überhaupt alle erfasst sind. Willi Korte geht davon aus, dass sich viele Bilder im Rheinland befinden. "Ein Großteil der Lempertz-Bilder hat damals Käufer in und um Düsseldorf und Köln gefunden." Wenn diese je wieder auftauchen, will das Max-Stern-Projekt auch in diesen Fällen seine Ansprüche geltend machen.

(RP)
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