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Düsseldorf: Die ticken doch richtig

Düsseldorf : Die ticken doch richtig

Düsseldorfs Uhren und ihre Vielfalt: Manche prägen das Stadtbild, andere geben Rätsel auf, einige sind völlig aus der Zeit gefallen.

Uhren bestimmten den Takt des Lebens, sie zeigen uns unerbittlich, wie die Zeit verrinnt. Viele Plätze und fast jeder Kirchturm hat eine — ihre runden Ziffernblätter sind Tupfer im Stadtbild. "Um 8 an der Persiluhr" — mit dieser Verabredung trafen sich Generationen von Liebespaaren. Manche Uhr ist prägnant, andere übersieht man leicht. Eine lässt sich kaum entziffern, eine andere wird noch immer vermisst, obwohl sie schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Düsseldorfer Uhren - eine Zeitreise im Minutentakt.

 Außen an Lambertus ist das Ziffernblatt montiert.
Außen an Lambertus ist das Ziffernblatt montiert. Foto: Schaller,Bernd (bs)

Hoch, immer höher. 83 steinerne Stufen führen eine Wendeltreppe in den Turm von St. Lambertus in der Altstadt. "Die Uhr wollen sie sehen? Na, dann kommen Sie mal." Der ehemalige Küster Hermann Josef Richartz (73) steigt voran. Die Treppe endet auf einem Holzboden, "wir sind jetzt direkt über der Schatzkammer", weiter geht es quer über das Kirchenschiff. Und da steht sie in himmlischer Ruh': die Uhr von St. Lambertus, staubfrei in einem gläsernen Kasten. Ein mechanisches Wunderwerk, das allerdings nur noch ausnahmsweise per Hand aufgezogen wird — was selten passiert, wenn sich die Rädchen mal verheddern. Normalerweise aber läuft sie wie am Schnürchen, angetrieben von einer elektrischen Uhr in der Sakristei, die wiederum von der Atomuhr in Braunschweig gesteuert wird.

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Moderne Zeiten in einer Kirche von 1394. Allerdings ist die Uhr eh ein Produkt der Nachkriegszeit, nachdem der Turm ein Opfer der Bomben geworden war. Hier oben lässt sich sehen und hören, wie die Zeit zerrinnt. Jede Minute dreht sich eines der vielen Rädchen im Getriebe, und alle 15 Minuten verkündet ein Glockenschlag: Es ist schon wieder eine Viertelstunde vergangen. Eisenstangen verbinden das Uhrwerk mit den Zifferblättern ein Stück höher im Turm und bewegen die goldenen Zeiger, die von drei Seiten der Altstadt zu sehen sind.

Nur ein paar Meter von St. Lambertus entfernt, zeigt die alte Pegeluhr auf der Promenade ihr Multitalent. Sie stammt aus der Zeit, als noch der Jugendstil die Rheinfronten prägte. In rötlichem Stein thront sie über der Kneipenmeile der Kasematten. Zwei Tauben gurren über den Ziffernblättern, darunter schaut ein steinerner Finsterling (Neptun?) auf die Flaneure, die versuchen, aus den vier Seiten dieser Uhr schlau zu werden. Zwei zeigen die Zeit, die anderen beiden Ziffernblätter, die nur bis zehn zählen, verkünden den Wasserstand des Rheins, der genau hier, bei Kilometer 744 gemessen wird.

Rätsel gibt auch ein anderer Zeitmesser auf, dafür steht der im Guinessbuch der Rekorde: Der Rheinturm mit seinen 63 beleuchteten Bullaugen gilt als größte Dezimaluhr der Welt. Doch ihr Geheimnis gibt sie nur dem Kenner preis, anderen geht sie eher auf den Zeiger. Im Internet berichten Besucher der Stadt, dass sie etliche Düsseldorfer gefragt hätten, "aber die konnten die Uhr auch nicht entziffern." Bis sie dann jemanden fanden, der wusste, was die Himmelstürmerin anzeigt: Die weiß beleuchteten Bullaugen sind in drei Blöcke unterteilt, getrennt von roten Flugsicherungsleuten. Der obere Block zählt die Stunden, der mittlere die Minuten, der untere die Sekunden. Ganz einfach, oder?

Vor lauter Uhren die Zeit nicht zu erkennen, das kann Spaziergängern am Eingang des Volksgartens am Hennekamp passieren, an Klaus Rinkes "Zeitfeld". Zum Start der Bundesgartenschau 1987 hatte der Künstler 24 Bahnhofsuhren auf sechs Meter hohen Säulen platziert. Alle ticken im Gleichklang, doch schaut man von einer zur anderen, ist die Zeit schon wieder vorangeschritten — so wird das Uhrenfeld zum Sinnbild für die Kürze des Lebens. "Alles hat seine Zeit/Ach, du Liebezeit", hat Rinke mit leiser Ironie graviert. Er, Sohn eines Lademeisters am Güterbahnhof in Wattenscheid, verbrachte in seiner Kindheit viel Zeit auf Bahnhöfen. Und entwickelte so zu der schlichten Strenge von Bahnhofsuhren eine besondere Beziehung: "Nachts wurden sie meine Monde."

Die tickt doch nicht richtig! Wer am Schloss Benrath den Blick an der Hauptfassade nach oben wandern lässt, stößt auf eine Uhr mit nur einem Zeiger. Wann ist ihr denn der Zweite abhanden gekommen? "Sie hatte immer nur einen", weiß Eva Maria Gruben, Kustodin der Sammlung. Was im 18. Jahrhundert, als das Schloss erbaut wurde, wohl keine Seltenheit war.

In einer Zeit, in der der Mensch noch nicht vom Takt der Sekunden angetrieben wurde, reichte eben ein Stundenzeiger, um die Uhr zu erkennen — so ungefähr. Sie mag nach heutigen Maßstäben unperfekt sein, dafür ist an ihr noch alles original: das alte Uhrwerk mit schweren, langen Pendeln, die in einem eigenen Schacht über ein Stockwerk reichen. "Ein Mal in der Woche muss sie von unserem Hausmeister aufgezogen werden", so Eva Maria Gruben. Dass sie mal ein bisschen vor, mal nachgeht, stört niemanden. Allerdings: Zurzeit lässt sie ein Defekt stillstehen. Der Uhrmacher, der die Technik beherrschte, ist nach Bordeaux gezogen. Nun wird in Benrath nach einem Ersatz für gesucht. Und bis dieser gefunden ist, gilt: Auch eine stillstehende Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit.

Ganz im Norden der Stadt, im alten Dorf Kalkum, schlägt am Turm der romanischen Kirche St. Lambertus ebenfalls eine Uhr mit Vergangenheit. 1870 schenkte Graf Alfred von Hatzfeldt-Wildenburg der Gemeinde diesen Zeitmesser. Der alte Kostenvoranschlag eines Kaiserswerther Uhrmachers, der 430 Taler für das Prachtstück verlangte, ist noch erhalten. Nach einem kurzen Spaziergang durch den Schlosspark führt der Weg durch eine schmale Pforte, und schon steht man vor der Kirche.

Auch Sophie von Hatzfeldt und Arbeiterführer Ferdinand Lasalle, die unglücklich Liebenden, müssen diesen Weg gegangen sein — und haben mit Blick zum Kirchturm gesehen, wem die Stunde schlägt. Heute ist das alte Uhrwerk außer Betrieb und wurde vor einigen Jahren durch eine neue Technik ersetzt.

Alles hat seine Zeit, die der Uhr auf dem Stadtsparkassen-Hochhaus an der Berliner Allee, ist schon lange abgelaufen. Dabei galt sie mit ihren imposanten Ausmaßen vielen als ein Wahrzeichen der Stadt: 28 Tonnen schwer, maß ihr Ziffernblatt 64 Quadratmeter, und ihr Minutenzeiger war 4,50 Meter lang. In 60 Sekunden drehte sie sich um die eigene Achse, zeigte zu allen Seiten die Zeit. Doch als das Hochhaus im Jahr 2000 durch ein neues ersetzt worden war, passte die Uhr nicht mehr so recht zum Erscheinungsbild — sie war wohl aus der Zeit gefallen.

Ob die elf Persil-Uhren, die der Henkel-Konzern der Stadt schenkte, noch zeitgemäßer Treffpunkt für Liebespaare sind, ist zweifelhaft. Ein Blickfang sind die grünen Säulen mit der "Weißen Dame" aber allemal — und wie die meisten Uhren: Zeitzeugen der Vergangenheit.

(RP)