Die Telefonseelsorge in Düsseldorf wird 60 - Interview mit zwei Ehrenamtlichen

Interview mit zwei Ehrenamtlichen aus Düsseldorf : Warum wir Telefonseelsorger sind

Die Düsseldorfer Telefonseelsorge wird 60. Rund um die Uhr finden Menschen in der Krise dort ein offenes Ohr. Die Ehrenamtlichen opfern dafür viele Stunden ihrer Freizeit. Wir haben zwei von ihnen gefragt, warum.

Daniel Schäffner arbeitet als Controller, Charlotte Rütters (Name geändert) als Finanzberaterin. Beide sind seit fünf Jahren als Ehrenamtliche bei der Telefonseelsorge Düsseldorf tätig. Das bedeutet: Mindestens zwei Mal im Monat beantworten sie mehrere Stunden lang die Anrufe verzweifelter Menschen, die dringend jemanden zum Reden brauchen.

Herr Schäffner, Frau Rütters, wenn hier bei der Telefonseelsorge das Telefon klingelt – wer ist dann am anderen Ende?

Daniel Schäffner Das ist recht vielfältig. Aber der Durchschnittsanrufer ist etwas älter, einsam, hat wenig Freunde und braucht Ansprache. Meistens rufen diese Menschen auch häufiger an.

Charlotte Rütters Sie suchen Begleitung. Sie wollen für eine gewisse Zeit nicht alleine sein.

Wenn Sie eine Schicht beginnen, wissen Sie nicht, was in den nächsten Stunden an menschlichen Schicksalen auf Sie zukommt.

Schäffner Genau. Die Vielfalt der Anrufer ist auch das spannende. Es klingelt, und es könnte ein Kind dran sein oder ein Senior. Das ist, was die Arbeit wirklich interessant macht.

Rütters Ja. Eine gute Schicht bedeutet für mich, dass man das Gefühl hat: Man hat den Anrufer gut begleiten können. Manchmal hat man auch richtige Beratungssituationen, wo man konkrete Ratschläge gibt. Das ist aber selten.

Worum geht es dann?

Rütters Es geht um den menschlichen Kontakt. Wir sind emotional da.

Warum haben Sie als Seelsorgerin angefangen?

Rütters In meinem Beruf habe ich mich einem ganz anderen Spektrum der Gesellschaft zu tun. Auch ich selbst habe im Leben sehr viel Glück gehabt. Ich wollte etwas zurückgeben und habe länger nach einem Ehrenamt gesucht, das ich mit dem Job verbinden kann. Dann habe ich eine Coaching-Ausbildung gemacht und wollte sie nutzen. So bin ich zur Telefonseelsorge gekommen.

Und Sie, Herr Schäffner?

Schäffner Ursprünglich habe ich angefangen, weil ich selbst mal vor einigen Jahren den Dienst genutzt habe und es für mich eine Hilfe war. Als ich dann später die Zeit hatte, etwas Soziales zu machen, kam ich auf die Idee, mich bei der Telefonseelsorge zu melden.

Gibt es das öfter, das ehemalige Anrufer zu Beratern werden?

Schäffner Ich dachte, dass das fast nur so ist. Aber als ich dann die anderen Ehrenamtlichen kennengelernt habe, habe ich festgestellt, dass kaum einer selbst mal bei der Telefonseelsorge angerufen hatte. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, weil ich dachte, dass die meisten so auf das Angebot aufmerksam werden. Aber sie sind dann offenbar über andere Kanäle hergekommen.

Was war denn Ihr Eindruck, als Sie selbst bei der TS angerufen haben?

Schäffner Was mir geholfen hat, war das Ruhige, Unvoreingenommene. Ich wurde einfach akzeptiert in diesem Moment. Es gab keine Ratschläge, mach mal das und das. Keine Wertung, wie wenn man einen Freund fragt. Sondern mir wurde einfach zugehört. Das war wichtig. Ich war gerade in einer sehr stressigen Situation und bin dann runter gekommen.

Muss ein Telefonseelsorger Lebenserfahrung haben, um gut beraten zu können?

Rütters Das denke ich schon. Gewisse Gefühle schon mal erlebt zu haben oder zu wissen, was bestimmte Dinge in einem auslösen – das hilft schon.

Wie gehen Sie mit der Verantwortung um, dass einige Menschen, die bei Ihnen anrufen, akut suizidgefährdet sind?

Rütters Am Ende ist es die Verantwortung des Anrufenden selbst, ob er oder sie sein Leben beendet. Das spreche ich auch aus. Ich werte es als positives Signal, wenn jemand in einer großen Lebenskrise noch die Kraft hat, zum Hörer zu greifen und unsere Nummer zu wählen. Dann scheint mir sein oder ihr Entschluss noch nicht unwiderruflich zu sein. Das ist für mich eine große Beruhigung. Ruft jemand an, hoffe ich in diesem Moment ein Stück Einsamkeit oder Traurigkeit nehmen zu können.

Schäffner Ich habe vor der Ausbildung gedacht, hier sitzt ein Psychologe, dem man im Notfall das Gespräch übergeben kann. Das war im Nachhinein etwas naiv. Inzwischen finde ich es gut, dass es sozusagen kein „Sicherheitsnetz“ gibt. Dadurch habe ich gelernt, mich nicht zu verstecken, aber auch dem Anrufer die Verantwortung wieder zurückzugeben in einer geeigneten Form. Ich begleite, aber die Entscheidung hat der andere.

Wieviel gibt man als Seelsorger im Gespräch von sich preis?

Schäffner Nicht viel. Wenn der Kontext passt und ich das Gefühl habe, der Anrufende braucht es, sage ich mein Alter oder beispielsweise, ob ich Kinder habe. Ich habe auch schon mal meinen Vornamen genannt.

Anonymität ist ja oft negativ besetzt, weil man davon ausgeht, sie entferne Menschen voneinander. Bei der Telefonseelsorge gehört sie zum Konzept. Anrufer und Seelsorger müssen beide ihre Namen nicht nennen. Wieso?

Schäffner Das macht das Angebot niedrigschwellig. Es gibt den Anrufenden die Gewissheit, frei reden zu können.

Rütters Für mich hat das auch etwas mit Augenhöhe zu tun. Es gelten für beide Seiten die gleichen Spielregeln, deswegen müssen wir unsere Namen auch nicht nennen. Und in gewisser Weise ist die Anonymität auch eine Sicherheitsmaßnahme für uns.

Wenn Sie zur Schicht kommen, wie läuft das ab?

Schäffner Meistens meldet man sich bei dem, den man ablöst, und sagt kurz Hallo. Danach hat jeder seine Rituale, um anzukommen und seinen Arbeitsplatz einzurichten. Ich mache es mir ein bisschen gemütlich, hole mir was zum Knabbern, mache mir einen Tee.

Rütters Ich mag es, wenn jemand da ist, wenn ich ankomme. Ich erkundige mich dann, ob etwas Besonderes vorgefallen ist. Das entlastet auch meinen Vorgänger. Dann mache ich mir das richtige Licht an und lasse die Jalousien herunter, weil ich meistens nachts arbeite, und setze das Headset auf.

Schäffner Ja, das finde ich auch sehr angenehm. Bei schwierigen Gesprächen kann ich mich dann durch den Raum bewegen, das hilft mir beim Denken.

Rütters Manchmal verabredet man sich auch mit dem zweiten Seelsorger der Schicht mal auf eine gemeinsame Pause zwischendurch.

Und dann klingelt die ganze Nacht das Telefon?

Rütters Im Normalfall ja. Es gibt manchmal Phasen, in denen Anrufer frustriert sind, dass sie nicht durchgekommen sind, und dann kommt es manchmal zu Pausen.

Ist das ein Problem, wenn man weiß, dass noch so viele Leute in der Leitung warten, die Hilfe brauchen?

Schäffner Bei mir gibt es schon manchmal die Situation, dass ich das Gefühl bekomme, das Gespräch dauert schon sehr lange und dreht sich nur noch im Kreis. Dann denke ich: Da sind sicher noch andere in der Schleife… Ich mache dann keinen Druck, aber wenn ich merke, es bringt dem anderen auch nichts mehr oder das Gespräch ist einfach gerade rund, sage ich das auch. Ich biete dann meistens an, dass der Gesprächspartner bei Bedarf gerne später noch mal anrufen kann.

Die Telefonseelsorge beendet also auch mal ein Gespräch.

Rütters Wenn ein Gespräch ganz viel Zeit braucht und es sich entwickelt, dann geben wir unserem Anrufer auch diese Zeit. Falls sich aber ein Gespräch im Kreis zu bewegen beginnt oder gar in eine Spirale führt, dann ist es fast schon unsere Pflicht, das Gespräch zu einem Ende zu führen.

Schäffner Wir führen das Gespräch. Das ist unsere Regel. Da gehört viel Bauchgefühl dazu.

Was bedeutet das – ein Gespräch führen?

Schäffner Da hat jeder seine eigene Technik. Meistens lasse ich den anderen erst mal erzählen. Später, wenn ich das Gefühl habe, ich sollte nachhaken oder das Gespräch braucht Struktur, biete ich das an.

Rütters Es hängt stark vom Anrufer ab: Manche wollen einfach ihren Kummer, ihre Sorgen, ihre Wut teilen. Andere beginnen das Gespräch sehr zurückhaltend und über Fragen taste ich mich an das eigentliche Anliegen heran. Wichtig ist: Wir sind für die Gesprächsführung verantwortlich.

Wie lange dauert ein langes Gespräch?

Rütters Über eine Stunde, würde ich sagen. Nachts sind die Gespräche meistens länger als tagsüber. Dann dauern sie eher zwanzig oder dreißig Minuten.

Sie kommen nach einem Achtstundentag von der Arbeit und telefonieren dann noch die ganze Nacht. Wie halten Sie sich frisch?

Schäffner Man darf eine anderthalbstündige Pause machen. Die brauche ich dann schon, um zu schlafen. Dann geht es meistens wieder. Man darf eine anderthalbstündige Pause machen. Die brauche ich dann schon, um zu schlafen. Dann geht es meistens wieder. Das schwierigste sind die letzten ein bis zwei Stunden

Was tragen Sie in die Supervision?

Schäffner Gespräche, die für einen selbst schwierig waren. Bei denen man das Gefühlt hatte: Man kommt da nicht weiter. Jeder von uns empfindet andere Situationen als problematisch. Das merkt man dann in der Supervisions-Gruppe. Wenn ich mit etwas Schwierigkeiten habe, dann bekomme ich oft Anregungen, wie ich vielleicht mal anders auf ein Thema schauen oder das Gespräch beim nächsten Mal anders führen kann.

Wie haben Sie die fünf Jahre Telefonseelsorge verändert?

Schäffner Man bekommt Menschen in Extremsituationen mit. Mein Toleranzspektrum hat sich enorm erweitert. Ich habe gelernt, was es alles an Lebenssituationen und menschlichen Reaktionen gibt.

Rütters Mich erdet die Arbeit hier regelmäßig. Nach der Arbeit hier finde ich leichter die richtige Distanz zu Problemen in meinem Leben oder meinem Umfeld. Ich habe in letzter Zeit viel mit einem Mann telefoniert, der in einem Pflegeheim lebt. Er ist so einsam und hilflos. Über solche Fälle liest man – aber persönlich hatte ich bisher keine vergleichbaren Erfahrungen.

Wenn Sie nach einer Schicht nach Hause fahren, wie fühlt sich dann an?

Rütters Im Normalfall kann ich danach gut schlafen. Sonst sollte man den Fall mit in die Supervisionsgruppe nehmen. Wir haben in der Ausbildung gelernt, mitzufühlen, aber eine gewisse Distanz zu halten. Das klappt meistens, aber nicht immer. Dann beginnt das Kopfkino. Das ist aber selten.

Schäffner Wenn ein oder zwei gute Gespräche dabei waren, ist das wirklich ein super Gefühl. Manchmal gibt es sogar Sternstunden, in denen ich was von dem anderen lerne. Wenn jemand von seinen vielen Krankheiten erzählt und dann sagt: Aber ich kann  immer noch an dem Anblick der Blumen im Garten erfreuen. Da ziehe ich den Hut.

Wie geht es für Sie weiter bei der Telefonseelsorge?

Rütters Es gibt Tage, da denke ich: Das schaffe ich zeitlich nicht mehr. Aber dann habe ich eine gute Schicht und weiß, warum ich es gemacht habe.

Was raten Sie Menschen, die hier anfangen wollen?

Rütters Man muss Zeit haben, auf Menschen zugehen können und offen sein für andere. Dann hat man die Chance, anderen viel zu geben und über sich selbst viel zu erfahren.

Schäffner Man sollte eine gewisse Selbsterkenntnis mitbringen. Für mich war die Arbeit hier der Start für eine intensive Beschäftigung mit mir selbst. Dieser Prozess der Selbstreflexion hat mir sehr viel gebracht.

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