Düsseldorf: Die Suche nach dem Karnevalsgefühl

Düsseldorf : Die Suche nach dem Karnevalsgefühl

Dass am 11.11. der Karneval beginnt, ist der Stadt nicht auf jedem Quadratmeter anzusehen. Geht es am Montag wirklich schon los oder erwacht der Hoppeditz erst im nächsten Jahr? – Chronik einer schwierigen Lektion.

Dass am 11.11. der Karneval beginnt, ist der Stadt nicht auf jedem Quadratmeter anzusehen. Geht es am Montag wirklich schon los oder erwacht der Hoppeditz erst im nächsten Jahr? — Chronik einer schwierigen Lektion.

Dies ist eine Lektion, und diese Lektion macht nicht nur Spaß. Zum Beispiel wegen des Wetters, aber auch, weil der Weg zur Erkenntnis steinig ist. Zum Glück jedoch taucht in dieser Lektion noch ein Mann auf, der die Geschichte mit dem nackten Helmut Kohl und den Palmen erzählt.

Der Platz vorm Rathaus am 7. November. Unser Autor ist der kleine Punkt. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Donnerstag, 7. November, 11.11 Uhr, Dauerregen. Noch genau vier Tage, bis der Hoppeditz erwacht und den Düsseldorfer Karneval eröffnet. Doch wo lauert bereits jetzt in der Altstadt das Karnevalsgefühl? Wo steckt das Helau schon in den Startlöchern? Wo fangen die Leute schon langsam an zu schunkeln?

Passen zum Junggesellenabschied wie zum Karneval: Brillen aus dem "Jecken Lädchen". Foto: Bretz, Andreas (abr)

Auf dem Marktplatz, dem Zentrum des 11.11., eher nicht. Gerade bringen dort ein paar Arbeiter mit einer Hebebühne die Weihnachtsbeleuchtung an. Die Frau vom Empfang im Rathaus sagt, dass sie hier noch nicht auf Karneval eingestellt sind. Und am Sonntag sei erst mal Sankt Martin. Es braucht schon viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass auf diesem verregneten Platz am Montag der Hoppeditz aus seinem Fass steigen wird. Könnte die Schuldenfrei-Uhr zur Abwechslung nicht mal anzeigen, wie viele Tage und Stunden es noch bis zu diesem Ereignis sind? Nächste Hoffnung ist das "Jecke Lädchen" an der Marktstraße. Dort gibt es neben Scherzartikeln und Sprüche-Shirts auch Kostüme zu kaufen. Die hängen allerdings im hinteren Teil des Geschäfts. Dort ist es so leise, dass ein Brummen unbekannten Ursprungs zu hören ist. Vorne an der Kasse lässt Verkäufer Sven Sittel ein Radio laufen. In der Sendung erzählt jemand was von Rotkohlpfützen. Sittel versichert, dass sich die wahren Karnevalsfans bereits mit Kostümen versorgen, aber natürlich gehe es auch auf Weihnachten zu.

Das "Ballermann 6" an der Bolkerstraße feiert Karneval. Aber nicht vor dem 11. November. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Ach ja, dieses Weihnachten. Das hat die Stadt im Griff. Die Geschäfte sind auf die angeblich schönste Zeit des Jahres getrimmt, Tannenbäume, Goldglanz, Weihnachtsmänner. In den Bäckereien werden Zimtplätzchen verkauft, aber keine mit Eierlikör gefüllten oder mit bunten Fähnchen verzierten Berliner oder Amerikaner mit lustigen Gesichtern. Konditor Heinemann führt bereits Schoko-Nikoläuse, obwohl dieses Fest doch erst am 6. Dezember begangen wird. Auch der Kaufhof an der Kö macht auf Weihnachten. Auf die Frage, ob sie denn schon Kostüme führen, sagt die Verkäuferin: "Die haben wir erst ein bis zwei Monate vor Karneval." Aber was ist denn das, was am Montag beginnt?

Weiter zur Bolkerstraße. Die ist momentan nicht die längste Theke, sondern die längste Regenrinne der Welt. Immerhin hängt am Ballermann 6 ein großes Plakat, das auf die eigene Karnevalsparty am 11.11. hinweist. Auf dem Plakat ist eine Frau mit Sonnenbrille zu sehen, die die Lippen zu einem Kussmund geformt hat. Also gleich weiter zum Quartier Bohème. Im Henkelsaal feiern die Karnevalisten am Montag erstmals einen großen Hoppeditzball. Doch an der Tür sind bloß ein paar kleine Plakate angebracht, die auf die Veranstaltung hinweisen.

Der einzige, der jetzt noch für Karneval sorgen kann, heißt Bernd Kleeberger. Die Frau von der Touristeninformation hat gesagt, dass um die Ecke das "Haus des Karnevals" liege, und es auf dem Stadtplan gleich falsch eingezeichnet, ins Rathaus. Das Haus des Karnevals an der Zollstraße wird vom Comitee Carneval (CC) betrieben und beherbergt eine Dauerausstellung zum Düsseldorfer Karneval. Durch eben diese führt gerade Bernd Kleeberger eine Gruppe von Seniorinnen, die bei der Friedrich-Spee-Akademie die Veranstaltung "Düsseldorf Helau!!" gebucht haben.

Kleeberger ist 73 Jahre alt und seit seiner Jugend Karnevalist. Erst in seiner pfälzischen Heimat, dann im Düsseldorfer Karneval. Schließlich ist er Mitglied bei den Rather Aape. Knapp eine Stunde lang begleitet er die Frauen, vorbei an Kostümen, Prinzenpaarbildern, Skizzen von Karnevalswagen und schließlich in einen Raum, in dem 1500 Karnevalsorden an der Decke hängen. Kleeberger weiß, dass die Venetia acht bis zehn Kleider besitzt, dass kein Karnevalswagen ohne Toilette losfahren darf und der Prinz weiße Hosen statt Strumpfhosen tragen darf, wenn er zu dünne Beine hat. Und er erzählt die Geschichte von Helmut Kohl. Der wurde mal wie Gott ihn schuf auf einem Karnevalswagen nachgebaut. Davon bekam das Kanzleramt Wind und meldete sich beim CC mit dem Wunsch, bitte nicht Kohls bestes Stück zu zeigen. Woraufhin man ein paar Palmblätter anbrachte, die allerdings in dem Moment abfielen, als der Wagen an den Fernsehkameras vorbeifuhr.

Kleeberger sehnt den 11.11. herbei. "Wenn ich das Tätä höre, bin ich sofort in Karnevalsstimmung." Vielleicht ist das eine schöne Erkenntnis: Dass man das Karnevalsgefühl nirgendwo findet, nicht in Kostümen, nicht in mit Eierlikör gefüllten Berlinern und nicht an den Theken der Bolkerstraße. Sondern nur in sich selbst. Und jeder zu seiner Zeit.

Trotzdem noch ein letzter Versuch auf dem Marktplatz. Tatsächlich liegt auf dem schwarzen Pflaster etwas, das immerhin entfernt an Karneval erinnert, man muss nur genau hinsehen. Es ist der Kronkorken einer Bierflasche. Marke: Früh Kölsch.

(RP)