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Der Aufstieg von Fortuna Düsseldorf: Die Sensibilität der Südkurve

Der Aufstieg von Fortuna Düsseldorf : Die Sensibilität der Südkurve

Eine der größten Erfolgsgeschichten, die sich in dieser Stadt abspielen, ist ohne jeden Zweifel der Aufstieg von Fortuna Düsseldorf von der viertklassigen Oberliga in die Bundesliga. Etwas ähnlich Atemberaubendes hat es noch in keiner anderen Stadt gegeben.

Ein richtiges, fast klassisches Drama wurde es dadurch, dass der Verein zuvor in ähnlichem Tempo abgestiegen war in die fußballerische Bedeutungslosigkeit und dabei zugleich einen haushohen Schuldenberg angehäuft hatte. Düsseldorf hat damals seinen Fußballverein gar nicht mehr wahrgenommen, so sehr genierte man sich für ihn. Und jetzt spielt die Mannschaft wieder gegen die deutschen Spitzenteams und wird selbst von Bayern München ernst genommen. Jupp Heynckes, der große Trainer aus München, sagte es nach dem mühsamen 3:2-Sieg über Fortuna so: "Nicht jede Mannschaft schießt zwei Tore gegen Bayern!" Hinzu kommt: der Düsseldorfer Verein ist finanziell wieder gesund. Das ist das Wunder hinter dem Wunder. Das heißt aber auch: man hat sich nach dem sensationellen Aufstieg nicht sofort wieder massiv durch Spielereinkäufe verschuldet. Mag sein, dass sich das jetzt rächt. Aber es hat bundesweit Anerkennung gefunden, dass die Düsseldorfer so seriös waren.

Zu der Anerkennung trägt auf eher widersprüchliche Weise auch der Trainer Norbert Meier bei. Er ist ein fürs Medienzeitalter erschreckend unangepasster Fußballlehrer. So antwortet er grundsätzlich nicht auf Journalistenfragen, er kommentiert sie vielmehr. Er lässt sich von den Journalisten nichts soufflieren, nimmt keine sprachliche Vorlage auf, vielmehr widerspricht er mit angestrengten Gesichtszügen. Kein Trainer der Bundesliga lässt seine Gegenüber so deutlich spüren, wie wenig Ahnung sie haben. Und selbst in Augenblicken des Triumphs erinnert er, dass das nächste Spiel sehr, sehr schwer werden wird. Er wird dafür geliebt, bis jetzt jedenfalls.

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In ihren dramatischen Aufstiegsspielen und in der ersten Hälfte der laufenden Spielzeit hat Fortuna eine geradezu romantische Gemeinsamkeit der Düsseldorfer ge-schaffen. Selbst die berufsmäßig kritische Presse fühlt sich darin wohl. Und sogar auf Einladungen der gehobenen Gesellschaft darf man kurz auf das Fortuna-Wunder anspielen, bevor man wieder zu den Angeboten auf der letzten Maastrichter Kunstmesse übergeht.

Eine merkwürdig anrührende Erscheinung während der Spiele ist die sogenannte Südkurve. Ein Stadionblock, wo sich die treuesten der treuen Anhänger versammeln, um das Spiel ihrer Mannschaft zu begleiten. Nur der Unkundige spricht von einer rohen Menge, die sich dort zu Beifalls- und Proteststürmen, vor allem aber zu fußballerischen Schlachtgesängen versammelt. Die Wahrheit ist eine andere: die Sachverständigen dieses Zuschauerblocks sind einerseits ein großer Seismograph für die eher unterirdischen Schwingungen in ihrer Mannschaft, sie sind die Schwarmintelligenz des Stadions. Zum andern sind sie eine kluge und sensible pädagogische Versammlung, die ein extrem gutes Gespür dafür hat, wann ihre Mannschaft Unterstützung braucht. Wenn sie also etwas zerfahren spielt, wenn ihr zu viele Fehlpässe unterlaufen oder wenn sie gar ein gegnerisches Tor hinnehmen muss. Dann erhebt sich aus der Südkurve ein machtvoller Chor unterstützender Lieder, der immer wieder auch die übrigen, emotional eher hilfsbedürftigen Zuschauer im Stadion mitreißt. Ein erstaunlicher Vorgang der Massensuggestion, der auch die Spieler ergreift und trägt.

Verblüffend auch, dass die Südkurve in ihren Anfeuerungsversen und Liedtexten sittliche Werte formuliert und für sich in Anspruch nimmt, die im gebildeten Diskurs eher vermieden werden. Ohne Scheu wird Kampfbereitschaft gepriesen und Kameradschaft ist ein echter Wert. Und es ist erstaunlich, wie ursprünglich die Tugend der Treue gelebt wird. In fast mittelalterlichem Sinne, das Nibelungenlied scheint hier Pate zu stehen, wird Treue als zweiseitiger Wert begriffen: die Südkurve hält der Mannschaft die Treue und die Mannschaft der Südkurve. Wenn sich die Spieler bis zum Umfallen anstrengen und es dennoch misslingt, gibt es keinen Pfiff. Vielmehr steht die Südkurve auf, feuert die Mannschaft an, hebt sie wieder hoch und lässt sie an sich selber glauben.

Jene Gesellschaftskritiker, die gern den Niedergang aller Werte - vor allem beim sogenannten einfachen Volk - beklagen, sollten mal ins Stadion kommen. Sie könnten erleben, wie massenhaftes Mutmachen auch in aussichtslosen Situationen aussieht. Wenn nach einem ausgeglichenen Spiel gegen den Regional-Rivalen Bayer Leverkusen dieser etwas unverdient plötzlich 4:1 führt, dann singt die Südkurve trotzig "Wir sind wieder da!" und macht sich und den Spielern Mut. Und man sieht den Spielern an, dass es hilft.

Natürlich ist die Südkurve nicht nur pädagogisch-unterstützend. Sie ist auch parteiisch, dafür ist sie schließlich da. Aber sie ist darin nicht ungerecht. Ein zu Recht gegen die eigene Mannschaft verhängter Elfmeter wird hingenommen, allenfalls wird der ausführende Spieler durch Pfeifen irritiert. Auch hat die Südkurve den Hochmut des alten Adels gegenüber all jenen Mitzuschauern, die erst nach Fortunas Bundesliga-Aufstieg eine Dauerkarte gekauft haben. Was übrigens gar nicht leicht war, denn die Karten gingen nach Eröffnung des Verkaufs im Sekundentempo weg. In ihrem erziehlichen Furor wird die Südkurve auch böse, wenn bei einer absehbaren Niederlage viele Zuschauer vor Spielende schon das Stadion verlassen.

Dass die Südkurve aber auch zu so differenzierten Äußerungen wie der Selbstironie fähig ist, würde man nicht vermuten. Das inzwischen legendäre Aufstiegsspiel gegen Hertha BSC Berlin führte bekanntlich zu einem wegen der Fernsehübertragung bundesweiten Skandal, als einige der Anhänger aufgrund eines fehlgedeuteten Schiedsrichterpfiffs schon Minuten vor Spielende auf den Patz stürmten, um ihre Mannschaft zu feiern. Fußball-Deutschland empörte sich über Düsseldorf so sehr, dass niemand mehr wagte, den Aufstieg zu feiern. Die Südkurve nahm sich die Empörung zu Herzen und enthüllte beim ersten Heimspiel in der Bundesliga ein schuldbewußt-selbstironisches Spruchband: "Nach 15 Jahren Abstinenz kann man schon mal zu früh kommen!" Der Deutsche Fußball-Bund schien selbst daran Anstoß zu nehmen. Das Spruchband musste schnell eingerollt werden, um die hohen Herren nicht zu verstimmen. Außer der Südkurve gibt es natürlich überwiegend das sogenannte Normalpublikum. Darunter viele Väter mit Söhnen und Töchtern, meist unterhalb der Pubertät. Sie gehen ins Stadion voller Ernst angesichts der gemeinsamen Aufgabe. Und beim Verlassen des Stadions, etwa nach einer Niederlage, sehr gefasst und den Umstand verarbeitend, dass das Leben nicht nur Siege bietet. Eine große Erziehungsaufgabe gelingt da, man sieht es ihnen an. Man sieht so etwas nicht nach einer Theateraufführung.

A propos Theaterbesucher. Man begegnet mehr von ihnen als man vermuten würde. Sie finden hier womöglich, was sie im Theater oft vergeblich suchen. Leidenschaft und Erschütterung, Mitleiden und Ergriffenheit, Begeisterung und Enttäuschung. So ziemlich alles, was das antike Schauspiel bei seinen Zuschauern erregte und was sie beim Theater heute so selten erleben. Auch glückhafte Emotionen, wenn nach einem gewonnenen Spiel die Tage-wie-diese-Hymne der "Toten Hosen" erschallt. Eigentlich ein zartes Liebeslied, ein kompliziertes dazu, etwas langatmig, bis es endlich zu dem poetischen und befreienden Refrain kommt, den alle mitsingen können. Wann hätte eine Theateraufführung je diese gemeinsame Ergriffenheit?

Hier geht es zur Infostrecke: Bundesliga 12/13, 29. Spieltag: Fakten

(EW)