Profi-Kuschlerin im Interview: „Die meisten kommen zu mir, weil sie über Jahre nicht berührt worden sind“

Profi-Kuschlerin im Interview: „Die meisten kommen zu mir, weil sie über Jahre nicht berührt worden sind“

Valerie ist die einzige Profi-Kuschlerin in Düsseldorf. 70 Euro nimmt sie pro Stunde. Uns erklärt sie, wie man Kuscheln zum Beruf macht und wie es sich anfühlt, mit Fremden so intim zu werden.

Wie fühlst du dich nach einem Kuschel-Arbeitstag?

Valerie Ich bin meistens glücklich, müde und entspannt. Während der Kuschelzeit fahren sowohl der Kunde als auch ich sehr runter. Gerade in der dunklen Jahreszeit kann es dann schon mal sein, dass es mir danach nicht so leicht fällt, wieder in Fahrt zu kommen.

Wie lange kuschelst du maximal am Stück?

Valerie Eine Sitzung kann bis zu drei Stunden dauern. Manche Kunden buchen auch erst einmal eine Stunde und merken dann währenddessen, dass sie gerne verlängern wollen. Das geht auch.

Machst du das hauptberuflich?

Valerie Nein. Hauptberuflich bin ich Sozialarbeiterin. Meine Chefin findet es aber total gut, dass ich diesen Nebenjob mache.

Kommen hauptsächlich Männer oder Frauen zu dir?

Valerie Es sind hauptsächlich Männer. Ich glaube, das hat mehrere Gründe: Frauen arbeiten mehr in sozialen Bereichen. Da ist Berührung und Umarmung normaler als im Büroalltag. Außerdem ist es unter Freundinnen normaler, sich in den Arm zu nehmen, wenn es jemandem nicht gut geht. Unter Männern ist das anders. Ich denke, das Männer weniger Hemmungen haben für die Befriedigung ihrer körperlichen Bedürfnisse Geld zu zahlen, wohin gegen es Frauen eher schwerer fällt Körperlichkeit als Dienstleistung zu sehen.

Bleibt man in der Kuscheltherapie angezogen?

Valerie Ja. Man wechselt in bequeme Kleidung, etwa eine Jogginghose und ein Sweatshirt, aber man bleibt angezogen.

Gerade bei der ersten Sitzung ist der Anfang doch sicher seltsam. Da stehen zwei Fremde in einem Raum und jetzt soll man sich plötzlich sehr nahe kommen. Wie brichst du das Eis?

Valerie Wir setzen uns erst an einen Tisch und besprechen die Kuschelregeln. Dazu gehört, dass der Kunde etwas Frisches anzieht, geduscht zur Sitzung kommt, dass keine Küsse ausgetauscht werden und intime Bereiche nicht berührt werden. Ich bespreche außerdem, welche Wünsche und Vorlieben der Kunde hat und versuche eventuelle Unsicherheiten zu nehmen. Danach ziehen wir uns um und legen los.

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Das Kuscheln findet auf einem Bett statt?

Valerie Entweder das oder beim Kunden auf der Couch. Ich mache auch Kuschel-Hausbesuche.

Wie läuft das Kuscheln ab?

Valerie Wenn der Kunde keine Wünsche äußert nehmen wir eine einfache Kuschelposition ein, bei der sich seitlich angekuschelt wird. So können beide erstmal ankommen und in Ruhe durchatmen. Viele sagen nach wenigen Minuten schon, dass es zwar ungewohnt sei, aber auch sehr schön.

Und dann?

Valerie Dann streichele ich die Person fest oder leicht, je nachdem wie sie es mag. Es gibt verschiedene Kuschel-Positionen, die wir einnehmen. Und dann kommt es darauf an, was derjenige mag, Kopf kraulen zum Beispiel. Mein jüngster Kunde ist 23 Jahre alt, der Älteste 70, sie haben natürlich ganz unterschiedliche Vorstellungen.

Das klingt alles sehr intim. Wird niemals jemand übergriffig?

Valerie Echte Probleme hatte ich noch nie. Es kommt schon mal vor, dass jemand versucht auszutesten, was geht und über meinen Po streicht oder so etwas. Dann sage ich ganz deutlich, dass das nicht in Ordnung ist und setze Grenzen. Angst habe ich noch nie gehabt. Beim Kuscheln ist man sich so nahe, dass ich jede Anspannung im Körper spüre. Wenn sich jemand also darauf vorbereiten würde, mich anzugreifen, würde ich das lange vorher spüren und ansprechen.

Fühlt sich das wie Arbeit an?

Valerie Ich bin schon müde danach, aber es ist nicht anstrengend. Während des Kuschelns schalte ich meinen Kopf fast total ab, lasse einfach meinen Körper sprechen und bin offen für die Signale, die mir mein Gegenüber sendet. Ich kuschel total gerne Menschen. So bin ich auch auf die Idee gekommen, damit anzufangen. Ich halte das Kuscheln für eine Bereicherung für mich und die Menschen. Die meisten kommen zu mir, weil sie über Jahre nicht berührt worden sind. Viele hatten jahrelang keinen Partner und finden auch unter Freunden und Familie keine Wärme. Ich finde aber, jeder Mensch hat es verdient, umarmt zu werden. Mir fällt das Kuscheln leicht und ich freue mich, wenn ich jemandem damit etwas Gutes tun kann.

Was würde sich ändern, wenn wir uns alle mehr umarmen würden?

Valerie Ich glaube, die Menschen würden viel freundlicher und entspannter miteinander umgehen. Das Hormon Oxytocin, das beim Kuscheln ausgeschüttet wird, sorgt dafür, dass Stress abgebaut wird, dass die Menschen weniger misstrauisch sind und dass es ihnen leichter fällt, soziale Kontakte aufzubauen. Ein achtsamer und respektvoller Umgang mit seinen Mitmenschen ist die Grundlage für positive körperliche Begegnungen.

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