Fotografin Tanja Deuß: Die Kunst des Unperfekten

Fotografin Tanja Deuß: Die Kunst des Unperfekten

Tanja Deuß ist Fotografin und fasziniert von Sofortbildern - unter anderem, weil man die mit Toastern und Gabeln manipulieren kann.

Als Businessfotografin strebt Tanja Deuß nach Perfektion. Die Porträts ihrer Kundinnen, sie fotografiert vor allem Frauen, sind sorgfältig gestaltet; das Licht ist wohldosiert, die Schärfe genau platziert. Als Sofortbildfotografin strebt sie eher nach dem Gegenteil: "Daran fasziniert mich vor allem das Unperfekte."

Den ersten Kontakt zur Sofortbildfotografie hatte die 50-Jährige schon als kleines Mädchen: "Entdeckt habe ich Polaroids bei Oma im Schrank, auch auf unseren Familienfeiern wurde nur damit fotografiert." Künstlerisch verwendet sie Sofortbilder seit etwa zehn Jahren. Manchmal verdient sie damit auch etwas Geld, aber meist subventioniert sie ihre Kunst über ihre Arbeit als freiberufliche Fotografin und Art-Direktorin. "Das geht alles fließend ineinander über, aber letztes Jahr habe ich beschlossen, den Fluss wieder etwas mehr in Richtung Kunst zu lenken."

Das Ergebnis kann man immer wieder in Düsseldorf sehen: Kürzlich hat sie Fotos in der Galerie Schwarzweiß in Benrath ausgestellt, im Herbst werden ihre Aufnahmen bei der Photo PopUp Fair im Stilwerk zu sehen sein. Zudem hat sie zwei Ausgaben eines Kunst-Magazins mit Polaroids herausgebracht, Nummer drei ist in Arbeit.

Als Künstlerin steht ihr ein umfangreiches Equipment zur Verfügung: "Ich habe 25 bis 30 Sofortbildkameras, die meisten sind von Polaroid." Polaroid - ein Markenname, der zum Gattungsnamen wurde, obwohl es auch von Fujifilm und Leica Sofortbildkameras gibt. Deuß verwendet alle drei Systeme, hat aber eine besondere Vorliebe für Polaroid, vor allem der Filme wegen. Diese Filme werden mittlerweile von der Firma "Polaroid Originals" hergestellt. Die ursprüngliche Chemikalienrezeptur lässt sich nicht reproduzieren - einige der damals verwendeten Chemikalien sind heute nicht mehr zugelassen. Das beeinflusst auch die Arbeit der Fotografin. "Das ist ein Experiment, das noch andauert. Früher waren Polaroids nach zehn Minuten fertig entwickelt, heute dauert das eine halbe Stunde. Manchmal verändern die sich sogar bis zum nächsten Tag." Diese Instabilität empfindet sie aber nicht als Nachteil: "Ich finde es gerade spannend, dass das ein Stück weit ein Zufallsprodukt ist. Man weiß nie, was dabei rauskommt."

Außerdem gefällt ihr an diesen Filmen, dass man sie gut manipulieren kann, beispielsweise mit der sogenannten Lift-Technik. Dazu wird die belichtete Schicht mit heißem Wasser vom eigentlichen Trägermaterial gelöst und auf ein anderes Trägermaterial, etwa Büttenpapier oder Leinwand, aufgebracht. "Einerseits erreicht man durch das neue Trägermaterial eine Veredelung. Andererseits steigert man das Unperfekte, weil man Falten oder Risse einarbeiten und rechte Winkel beseitigen kann."

Diese Ästhetik des Unperfekten sei im Übrigen kein Spleen von ihr, sondern Zeitgeist: "Retro, Vintage, das ist angesagt. Viele der Filter bei Instagram sollen die typische Polaroid-Optik nachahmen, inklusive Sonnenreflexen und Kratzern." Auch sie selbst ist auf Instagram aktiv, manchmal lädt sie dort Sofortbilder hoch, die sie zuvor digitalisiert hat. Manchmal geht sie aber auch den umgekehrten Weg. So wie bei dem Werk "Gamzita", das in ihrer aktuellen Ausstellung "in an instant - the project" zu sehen ist. Dafür hat sie ein Frauengesicht digital fotografiert, mit einem Bildbearbeitungsprogramm zerlegt und wieder zusammengesetzt. Diese Collage hat sie mit einer Sofortbildkamera vom Bildschirm abfotografiert. Das Sofortbild hat sie in einem Toaster angeschmort und mit einer Gabel zerkratzt. Dann hat sie es gescannt und ausgedruckt. Digital - analog - digital - analog; nachdem sie den Entstehungsprozess beschrieben hat, muss sie lachen: "Ja, okay. Ist schon verrückt."

(bjn)
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