Bücherbummel in Düsseldorf: Die Kö voller Bücher

Bücherbummel in Düsseldorf : Die Kö voller Bücher

Auf Düsseldorfs feiner Flaniermeile wurde gestern der traditionsreiche Bücherbummel eröffnet. Noch bis Sonntag werden auf der Kö literarische Schnäppchen angeboten; und für zehn Tage stellen fast 100 Autoren bei den anschließenden Literaturtagen an diversen Orten ihre Bücher vor.

Das ist die nostalgische Seite des Bücherbummels — nämlich jene Zeitreise, die man mit ihm in die etwas staubige Welt der alten, gebrauchten und abgelegten Bücher antritt. Schließlich sind Antiquariate aus dem Stadtbild größtenteils verschwunden, jene abgedunkelten Läden, in denen es nach altem Papier duftete und die man oft mit einem Buch unterm Arm verließ, von dem man zuvor nicht einmal ahnte, dass man es irgendwann begehren würde.

Dieses Antiquariatsgeschäft ist schon seit einigen Jahren weitgehend ins Internet abgewandert; doch wundersamerweise tauchen zum Bücherbummel all die Händler wieder auf, und man staunt darüber, wie viele es noch immer sind. Wie etwa Michael Zaremba, einst in Derendorf vertreten, der an seinem Stand den schönen Regenbogen der legendären edition suhrkamp feilbietet. Das ist ein so prächtiges Gesamtbild, dass man kaum wagt, ein einzelnes Exemplar herauszugreifen und die Gesamtanmutung zu zerstören.

Auch Angelika Kiel hat sich vor einem Jahr von ihrem Bilker Ladenlokal zugunsten des Online-Handels getrennt ("Die Leute wollen es ja so haben"), während Stefan Lenzen mit seinem Antiquariat noch an der Münsterstraße vertreten ist, aber mit dem Wissen, dass mit diesem alten Handelsweg kein Geschäft zu machen ist. Sein wertvollstes Buch beim Bücherbummel? Der alte Fotoband von Bernd und Hilla Becher in kleinster Auflage: "Anonyme Skulpturen: Eine Typologie technischer Bauten" für 1500 Euro. Signiert? Nein, sagt Lenzen, "dann hätte ich beim Preis ja fast eine Null dranhängen können".

Wahre Bücherschätze — etwa Inkunabeln — findet man heutzutage beim Bummel so gut wie gar nicht mehr. Das hat auch mit der Besonderheit dieses Openair-Handels zu tun: Bücher, die vier Tage der Witterung — Sonne und Feuchtigkeit — ausgesetzt sind und überdies ganztägig durchgeblättert werden, leiden höllisch. So bleibt größtenteils nur die Massenware mit ein bis drei Euro fürs gebrauchte Buch, und wer gleich eine Handvoll kauft, kriegt in der Regel Rabatt.

Dennoch: Selbst Billigware und Ramsch sind ein gutes Zeichen — nämlich als Dokumente einer Buchkultur, die zumindest gefährdet zu sein scheint. Das hat gestern auch Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) angesprochen. Düsseldorfs Bürgermeisterin, die selbst aus der Verlagsbranche kommt, eröffnete den Bücherbummel mit einem flammenden Appell an die leser und Buchkäufer, sich doch bitte seine Literatur im Buchladen der Stadt zu beschaffen — selbst wenn die Bestellung im Internet bisweilen viel bequemer ist.

Der traditionsreiche und nunmehr zum 27. Mal veranstaltete Bücherbummel spielt uns für vier Tage eine heile Welt der Literatur vor. Vielleicht kommen ja wieder — wie zuletzt — rund 400 000 Menschen an die Kö, morgen nachtschwärmend in die Kö-Galerie zu Thomas Meinecke und Rezitatorin Susanne Tremper, oder am Samstag unternehmenslustig mit dem Literaturschiff für vier Stunden stromauf, stromab. Dass der Bücherbummel keine Lit.Cologne mit zwei Dutzend Superstars ist, hat man in der Landeshauptstadt inzwischen zur Kenntnis genommen, und dass der Etat von 65 000 Euro fürs literarische Spektakel künftig kleiner ausfallen wird, auch. Aber: Der Bücherbummel ist eine Institution, von dieser Duftmarke lebt er, und mit den anschließenden Literaturtagen bis zum 24. Juni mit fast 100 Autoren bemüht man sich außerdem um eine zusätzliche Profilierung. Auch daran hat die Vorsitzende des Literaturbeirats, Susanne Schwabach-Albrecht, maßgeblich mitgewirkt, weshalb sie gestern mit dem höchsten Bücherbummel-Lorbeer geehrt werde: der seit 1985 vergebenenen "Goldenen Bücherstütze".

Der Bücherbummel ist in all den Jahren auch ein Spiegel der Stadt geworden — die ja keine Literaturstadt mit großen Verlagen und einer überregional bemerkenswerten Autorenszene ist. Aber Düsseldorf ist ein Ort der Lesehungrigen, und da passt es ganz gut, wenn für preiswerten Lesestoff gesorgt ist und viele Schriftsteller sich und ihr Werk den Menschen präsentieren. Aus Dank für den guten Zuspruch wurden die Leser gestern sogar beschert: mit Freiexemplaren der neuen und mächtigen Anthologie "Ist es Freude, ist es Schmerz?", für die Herbert Schmidt 1200 Gedichte jüdischer Dichter zusammengetragen hat.

(RP)