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Düsseldorf: Die Hartz IV-Durchstarter von der Luisenstraße

Düsseldorf : Die Hartz IV-Durchstarter von der Luisenstraße

Ich habe mir im Vorfeld dieser Geschichte einmal ausgerechnet, was meine Familie und ich denn bekämen, wenn wir von Hartz IV leben müssten. Zugegeben, das war nicht ganz einfach, und ich mag mich auch um ein paar Euro verrechnet haben, aber ich komme auf 2275 Euro im Monat inklusive Kindergeld für die beiden Mädchen und Miete. Ich stellte mir kurz vor, ein anderer als ich natürlich, aber in vergleichbarer Situation, käme auf die Idee, ein paar Stunden in der Woche zusätzlich schwarz zu arbeiten, so etwas soll es ja geben ... Naja, vielleicht lasse ich das zu Anfang mal einfach so stehen.

Es geht um Hartz IV, und wir bewegen uns diesmal abseits der Klischees. Also keine dicken vernachlässigten Kinder in Plattenbauten, keine Trinker am Bahnhof, keine bildungsfernen, langbärtigen Migranten denen ganzkörperverhüllte Frauen mit gesenktem Kopf folgen. "Das haben wir hier nicht", sagte Sylvia Franzen vom Düsseldorfer Jobcenter im Vorgespräch. "Hier", das bedeutet bei einem Vorzeigeprojekt des Jobcenters in der Luisenstraße, das den optimistischen Namen "Durchstarten" trägt und schon seit einem Jahr läuft. So erfolgreich immerhin, dass es demnächst auf die Düsseldorfer Schlecker-Frauen angewendet werden soll. Es geht, wie bei allen Maßnahmen von Arbeitsvermittlern, darum, die Leute in Arbeit zu vermitteln. Man könnte nun denken, das sei eine Selbstverständlichkeit, sagt ja schon der Name "Arbeitsvermittler", aber so einfach ist es nicht. Frau Franzen vermittelt nämlich tatsächlich, sie hat eine Quote von 71 Prozent, sagt sie, und unabhängig davon, wie viele dieser Vermittelten irgendwann dann doch wieder bei Hartz IV landen, kann man sich sehr gut vorstellen, warum das bei ihr so gut klappt: Frau Franzen ist nämlich einer der Menschen, die nichts lieber tun, als sich um die Probleme anderer Leute zu kümmern, seien sie finanzieller, physischer oder psychischer Natur. Frau Franzen findet Lösungen und schneidert sie nach Maß.

Frau Franzens Chef sagt, dass ein Arbeitsvermittler vor allem einfühlsam sein, sich gut mit Menschen auskennen müsse. Frau Franzen denkt das wohl auch, was vielleicht an ihrer Zeit beim Privatradio in ihrer thüringischen Heimat liegt. Jeder weiß ja, dass man dort jeden Hörer am liebsten in den Arm nehmen und knuddeln würde. Aber anders als ihr Chef kommt sie ohne diese Lethargie verströmende, gutmenschelnde Art eines ehemaligen Sozialarbeiters daher. Frau Franzen hat vor ihrer Zeit als Arbeitsvermittlerin viele "Coachings" gemacht, sie war viel unterwegs, "auch international" für große Firmen, wie sie betont. Frau Franzen ist eine Frau der Tat, dynamisch, erfindungsreich, wohlwollend.

"Durchstarten" markiert das vorläufige Ende der Hartz-Evolution, hier kennt der Vermittler seinen Kunden mit Namen, hier stehen nahezu unbegrenzte Mittel zur Verfügung, ein kaum überschaubarer Werkzeugkasten, um Menschen zu beschäftigen. Frau Franzen ist die Idealbesetzung um "Durchstarten" umzusetzen, diese Wirklichkeit gewordene Utopie eines sich um alles kümmernden Staates.

Acht Uhr also am kommenden Montag, vorher müssen die Teilnehmer von "Durchstarten" gefragt werden, ob sie damit einverstanden sind, dass die Zeitung dabei ist, während ihnen eine Beschäftigung gesucht wird. "Datenschutz", raunt Frau Franzens Chef. "Wir klären das", sagt Frau Franzen lächelnd. Ich komme ein bisschen zu spät am besagten Montag, was der Stimmung keinen Abbruch tut. Das Projekt ist im dritten Stock der Luisenstraße untergebracht, auf dem Gang schon hört man das Lachen, in einem Großraumbüro sitzen die Teilnehmer an zwei Computerinseln, in zwei Büros werden die Einzelgespräche geführt, ein Konferenzraum steht zur Motivation der Gruppe zur Verfügung, Grünpflanzen gibt es auch, Büromaterial, die Leute haben Mappen mit. Es ähnelt sehr der Kulisse von "Stromberg", dieser imaginären Abteilung eines Versicherungskonzerns. Das Ganze sieht sehr nach echter Arbeit aus und riecht schon am Morgen nach in der Mikrowelle aufgewärmtem Eintopf.

Motivation ist ja das Wichtigste, hat Frau Franzen gesagt. So kämen die Leute meistens, um zu sagen, was alles nicht geht. Und dabei geht es nicht um das Aufstehen, das Finden in einen regelmäßigen Tagesablauf. Die "Durchstarter" haben einen geregelten Tagesablauf, stehen früh auf, kümmern sich um ihre Kinder, gehen Hobbys nach, Ehrenämtern, ihr Tag ist voll. Vielmehr gehe es um das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Aufbauarbeit müsse man hier leisten, Sicherheit geben. "Da ist der Fußball-Fanclub, dessen Vorsitzender man seit Jahren schon ist, ein Ansatz", sagt sie, etwas, auf das man stolz sein könne. Die Gruppe im Seminarraum ist schon weiter. Frau Franzen erklärt den Leuten die Homepage der Arbeitsagentur. Wie man als Arbeitssuchender sein Profil schärft, wie man nach Stellen sucht, hier klicken, da klicken, sie versucht, die drei Männer und sieben Frauen einzubinden. Stellt etwa einen "Aktivierungsvermittlungsgutschein" in Aussicht, mit dem ein privater Arbeitsvermittler seine Leistung beim Jobcenter abrechnen kann. "Ich finanziere auch den Führerschein", sagt Frau Franzen, wenn sie einen passenden Job gefunden haben, für den sie aber fahren müssen. "Wenn jemand sagt, Frau Franzen, ich brauche Unterstützung, dann gebe ich die", sagt Frau Franzen. Zaghaft lächelt die Runde, niemand fragt, aber schließlich ist jetzt Kaffeepause. Frau Franzen wedelt mit einem Formular, sie bittet darum, es korrekt auszufüllen, damit die Fahrtkosten schnell überwiesen werden können. "Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare", sagt ein Teilnehmer, bevor er sich auf den Weg nach unten macht, um vor dem Jobcenter eine Zigarette zu rauchen.

Wir stehen auf dem Gehweg, schnippen die Kippen auf die Straße, der am Gebäude angebrachte Aschenbecher ist voll, obwohl er regelmäßig von den Reinigungskräften geleert wird. Ein Teilnehmer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt, dass dies eine der besten Maßnahmen ist, die er seit Jahren mitgemacht hat. Der Mann hat eine Frau und zwei Kinder, die Familie lebt in einer Eigentumswohnung, die er sich vor einigen Jahren von einer Erbschaft gekauft hat. "Das Amt zahlt nur Unterhalt und Instandhaltung", sagt er, "das ist billiger, als Mietkosten zu übernehmen."

Nach etlichen Weiterbildungen ist er nun Busfahrer, das heißt, er könnte Busfahrer sein, wenn... Wenn bei der Rheinbahn nicht alle guten Routen unter der Hand weggingen, wenn die Busunternehmen nicht nur erfahrene Busfahrer einsetzten, wenn die Arbeit, die er angeboten bekommt, besser bezahlt wäre.

Ein anderer Mann will in der Logistik arbeiten, "Lagerleitung oder so was", schließlich kenne er sich in allen gängigen Software-Systemen aus. Aber diese Jobs gebe es nicht mehr, nur Zeitarbeitsfirmen hätten noch Stellen. Die Diskussion geht um Zeitarbeit. Man werde schnell gekündigt, die Bezahlung sei schlecht, das Klima in den Betrieben leide darunter. "Wieso schulst Du nicht auf Busfahrer um", sagt der arbeitslose Busfahrer. "da gibt es keine Zeitarbeitsfirmen." Der Logistiker überlegt, die Kaffeepause ist schon lange um, oben stehen Einzelgespräche an.

Vermittler Carsten Zunk sitzt einer 28 Jahre alten Systemgastronomin gegenüber, die nicht mehr in ihrem Job am Flughafen arbeiten wollte und nun einen Job als Verkäuferin sucht. Am Flughafen sei es "zu stressig", das Arbeitsklima sei mies gewesen, die Bezahlung schlecht. "Teilzeit war gewünscht, oder?", fragt Herr Zunk.

In der vergangenen Woche war sie "ortsabwesend", Herr Zunk sagt, sie sei "dem Projekt abhanden gekommen", aber nun sei ja alles geklärt. Er lächelt freundlich. Sie hatte ihren Bruder auf ein Kickbox-Turnier nach Basel begleitet, offenbar verlor der Bruder, Herr Zunk erkundigt sich, wie denn die Operation verlaufen ist. "Gut, danke." Ja, sie hat trotzdem ihre "Eigenbemühungsliste" dabei, ein Ringbuch DIN A4-Blatt auf dem vier Stellenangebote stehen, die sie selbst herausgesucht hat. Doch zunächst geht es um den Antrag für das Sozialticket, den Herr Zunk mit ihr ausfüllt: "Haben Sie ihre Kontoverbindung dabei?" Die Eigenbemühungen bestehen aus zwei Stellen als Aushilfe für Weihnachtsmärkte und einer Stelle als Verkäuferin bei Woolworth, "na das ist doch was", Herr Zunk stellt noch eine Stelle bei einem Autozulieferer vor, der "Frauen mit Fingerfertigkeit sucht", die im Akkord Komponenten zusammenstecken. "Das hört sich ja interessant an", sagt die 28-Jährige, die ebenfalls anonym bleiben will, weil die meisten Menschen ja denken, Hartz IV-Empfänger sitzen den ganzen Tag vor dem Fernseher und tun nichts. "Ich aber gehe jeden Tag zum Fitness."

Ja, es gibt dieses Stigma, mit dem Hartz IV-Empfänger leben müssen. Auch Doris M. leidet darunter, dabei macht sie ja was, kümmert sich um ihren Sohn, der inzwischen 18 Jahre alt ist, um ihren Lebensgefährten, und sie ist stolz auf ihr Ehrenamt. Sie habe eben Lücken in ihrem "CV". Sie verwendet die Abkürzung für Curriculum Vitae, der lateinischen Entsprechung des Lebenslaufs, um zu zeigen, blöd ist sie auch nicht. Bei der Bahn sei sie mal gewesen, auch Sachbearbeiterin, doch Jobs gebe es nicht für sie. Außer bei Zeitarbeitsfirmen für sieben oder acht Euro in der Stunde, mit kurzfristig kündbarem Vertrag, zu unzumutbaren Zeiten. Frau Franzen sagt, dass sie Frau M. eine Computer-Fortbildung genehmigt habe, die 4500 Euro kostete. Bis heute habe sie nicht einmal ihr Zertifikat bei der Weiterbildungsstelle abgeholt. Sie rollt mit den Augen. Frau M. ist eines ihrer Sorgenkinder.

Sonja H. hingegen hat sich gut entwickelt. Ihr liegt der Arbeitsvertrag einer Zeitarbeitsfirma vor, die ihr für einen Aushilfsjob im Kaufhofsieben Euro in der Stunde zahlen will, drei Mal in der Woche, jeweils acht Stunden. Frau H. zögert, "wir sehen uns den Vertrag noch einmal genau an, unterschreiben sie noch nicht", sagt Frau Franzen und tätschelt ihre Wange. Frau H. sieht Probleme, so übernimmt ihr Arbeitgeber etwa nicht die Kosten für ihren Weg zur Arbeit. "Solche Verträge bekommen wir vorgelegt", sagt sie. Empörung, zustimmendes Nicken und immer wieder: "Da muss ich ja mit Hartz IV aufstocken und außerdem noch arbeiten."

Ein Mann sagt es so: "Gäbe es Hartz IV nur für ein halbes Jahr, müsste ich diese Jobs annehmen." Er hat einen sechs Jahre alten Sohn, dem er gerne mehr bieten würde, Kino zum Beispiel. "Aber so bleib ich lieber bei meiner Familie, solange ich nichts finde, wo ich deutlich mehr verdiene."

(RP)