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Die Geschichte der Benderstraße in Düsseldorf-Gerresheim

Historie in Düsseldorf : Die Geschichte der Benderstraße

Zehn Gerresheimer zeigen anhand vieler alter Fotos und Anekdoten auf einer Online-Plattform die Entwicklung der Straße ab 1875. Damals wurden in Gerresheim noch Kinder verkauft oder Katzen und Hunde gegessen.

Es war einmal eine Handvoll Geschichts-Interessierter, die wollten sich austauschen, gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Es mag nicht überraschen, dass dies ausgerechnet in Gerresheim geschah, in wahrscheinlich keinem anderen Stadtteil in Düsseldorf ist der historische Forscherdrang derart ausgeprägt. Und natürlich war schnell klar, dass man etwas über Gerresheim machen wollte. Da gerade der aufwendige Umbau der Benderstraße abgeschlossen war (vor drei Jahren), dachten sich die (Hobby-)Wissenschaftler: Das wär‘s doch, wir erzählen die Geschichte der Benderstraße. Aber wie? Eine Ausstellung? Eine Publikation? „Das wäre jedoch so endgültig und abgeschlossen gewesen. Wir haben das eher als Projekt angesehen, an dem fortlaufend gearbeitet werden kann, weil ja hoffentlich auch immer neues Material auftaucht“, sagt Peter Stegt. Die Lösung: Eine Internetseite. Und da mit Manfred Klöppel einer der glorreichen Zehn zufällig auch noch Webdesigner war, war das Podium schnell geschaffen.

Jetzt ist sie online. Auf unzähligen Fotos, noch wenigen Menschen-Geschichten, dafür schon etwas mehr Anekdoten von Gerresheimer Originalen wird die Geschichte einer Straße von 1875 bis heute erzählt. Im Pfarrarchiv wurde man fündig, es kamen aber auch immer wieder Privatleute zu den regelmäßigen Treffen, die auf ihrem Speicher in alten Kisten historische Schätze bargen und diese der Gruppe zur Verfügung stellten. Und es gibt Günter Behr: „Ich habe mehr als 1000 größtenteils sehr alte Fotos von Gerresheim, mindestens 50 davon zeigen die Benderstraße“, erzählt der ehemalige Drogist, dem oft Kunden diese Aufnahmen überlassen haben und der aus diesem Archiv schon drei Foto-Bände herausgegeben hat. Die älteste Aufnahme stammt von 1875. Da stand das Neußer Tor noch. Klaus-Dieter Schmidt hat vom Haus Nummer 37 eine ganze Grundstücksakte. Heribert Welsing sammelt Filmmaterial zur Benderstraße. So hat jeder in dem Kreis seine Aufgabe.

Die Benderstraße wurde erst 1890 befestigt und allmählich mit Häusern bebaut. Foto: Peter Stegt/Marc Ingel

Hinter sämtlichen der abrufbaren Fotos schlummert eine kleine, machmal aber auch eine große Geschichte. Wo heute Rewe ist, war früher beispielsweise das Germania-Lichtspielhaus. Elisabeth Huth verkaufte in den 60er Jahren dort Kinokarten. Wenn man sie fragte, was sie denn arbeite, sagte sie immer: „Ich bin beim Film!“ Ein Foto aus den 30er Jahren zeigt, wie eine offene Limousine am Filmpalast vorbeifährt, am Straßenrand stehen die Menschen und recken den rechten Arm zum Hitlergruß nach oben.

Die Erbauer des Hauses Nummer 37, Edith und Meinhard Suker, wurden auf der Fassade verewigt. Foto: Peter Stegt/Marc Ingel

Es gibt auch Abbildungen alter Zeitungsannoncen. Etwa diese um 1914: „Kind (Knabe), 4 Monate alt, gefunden und ansehnlich, von ordentlichen armen Eltern, ist gegen einmalige Vergütung abzutreten.“ Direkt darunter: „Kinderloses Ehepaar wünscht ein Kind gegen angemessene Vergütung als eigen oder in Pflege zu nehmen.“ Ob sie zueinander gefunden haben? „Das Adoptionsrecht war zur damaligen Zeit offenbar ein anderes“, spekuliert Klaus-Dieter Schmidt.

Haushaltswaren Fürdens eröffnete 1937 sein Geschäft an der Benderstraße. Foto: Peter Stegt/Marc Ingel

Natürlich wird auch Otto Bender, Namensgeber der Straße und von 1878 bis 1904 Bürgermeister von Gerresheim, ein Kapitel gewidmet. Er trug mit seiner Politik zur rasanten Entwicklung der damals noch eigenständigen Stadt bei, ordnete die Finanzen, ließ Bürgersteige anlegen und Straßen bauen, richtete die Straßenbahnlinie nach Düsseldorf ein. Alle Gerresheimer Straßenlaternen trugen am Tage seiner Beerdigung einen tiefschwarzen Trauerflor, erinnert sich Schneidermeister Joseph Stock.

Ein Blick auf die Ecke Benderstraße/Am Poth aus dem Jahr 1938. Hiltrud Moers fand dieses Foto und überließ es den Gerresheimer Geschichtsforschern.  Foto: Peter Stegt/Marc Ingel

Wohl fast ebenso bekannt in Gerresheim dürfte Vatter Held gewesen sein, von ihm erzählt Martin Kreutz auf der Internetseite: „Er war ein komischer Alter mit grauem, fusseligem Bart. Still und gebückt, von kleiner Gestalt ging er daher. Doch seine Augen erspähten manchen Hund, der da herrenlos herumlief. Wir Kinder sahen den Alten mit etwas gemischten Gefühlen an, denn es war bekannt, dass er Hunde und Katzen verspeist. Wollte jemand seine Pussi aus irgendeinem Grunde los sein oder konnte ein Hundehalter seinen Hund der Steuer wegen nicht mehr halten, dann war der letzte Weg zum Vatter Held. Der Alte nahm den ersehnten Braten immer hocherfreut in Empfang. Manches leckere Kätzchen schmorte er in der Kasserolle. Ein Hund hielt mehrere Tage vor, denn er kam in Essig, mit Zwiebeln und Lorbeerblatt.“ Ja, so ging es zu im alten Gerresheim.

Das „Sensationsfoto“: Eine unbekannte Nazi-Größe fährt im offenen Wagen über die Benderstraße, die Menschen stehen mit hoch gerecktem rechten Arm Spalier. Foto: Peter Stegt/Marc Ingel

Natürlich hoffen die zehn Geschichtsforscher darauf, dass jetzt, wo die Internetseite im Netz jederzeit abrufbar ist, die Resonanz noch viel größer sein wird, dass noch weit mehr Gerresheimer ihre verstaubten Truhen im Keller oder auf dem Speicher öffnen, um gezielt nach Material über die Benderstraße zu suchen.