Serie Düsseldorfer Erfinder: Die erste vollautomatische Waschmaschine

Serie Düsseldorfer Erfinder: Die erste vollautomatische Waschmaschine

Der Unternehmer Heinrich Reining erdachte an der Hansaallee die Constructa, die 1951 erstmals öffentlich präsentiert wurde.

Es war das Jahr, in dem Hildegard Knef als "Sünderin" die Hüllen fallen ließ. Catarina Valente verlieh mit "Ganz Paris träumt von der Liebe" der Reiselust Flügel und Ludwig Erhard, Minister des Wirtschaftswunders, versprach "Wohlstand für alle." Frauen trugen Petticoats und Männer Pomade im Haar. Zu dieser Zeit tüftelte in Oberkassel der Ingenieur Peter Pfennigsberg an einer Idee, die sich gewaschen hatte. Das Ergebnis wurde der staunenden Öffentlichkeit 1951 auf der Hannover-Messe präsentiert: die erste vollautomatische Waschmaschine mit gläsernem Bullauge. Der passende Werbespruch klingt wie aus einem Loriot-Sketch: "An Mutti denken, Constructa schenken..."

Ein Waschtag zu Beginn der 50er Jahre war Knochenarbeit: einweichen, rühren, kochen, schrubben, spülen, schleudern. Zwar erleichterten Rührwerke und Wäschewringer die Arbeit, trotzdem mussten die Einzelteile mehrmals zwischen gegeneinander laufende Walzen gedrückt werden - mit Muskelkraft. Die "große Wäsche" war eine Plackerei, zeitraubend und kräftezehrend. und plötzlich sollte das alles auf Knopfdruck Vergangenheit sein. "Die Frauen waren erst skeptisch, sie konnten nicht glauben, dass das funktionieren würde", erinnert sich Johannes Bollien (82), der 1952 als junger Schreiner zu den Oberkasseler Constructa-Pionieren kam.

Die Geschichte dieses "Wunderwerks der Technik" hatte im Jahr zuvor an der Hansaallee begonnen, in einem fensterlosen Raum, knapp 20 Quadratmeter groß. Dort bot der Düsseldorfer Unternehmer Heinrich Reining einem seiner Konstrukteure die Möglichkeit, an einer Vision zu arbeiten: der ersten vollautomatischen Maschine, die die Schmutzwäsche durchfluten, waschen und schleudern, gleichzeitig auch noch das Wasser aufheizen sollte - und alles in nur einer Stunde. Vorbild für Pfennigsberg war eine amerikanische Maschine, die er auseinander genommen und studiert hatte.

Allerdings war diese erste Constructa ein 600 Kilo schwerer Klotz, der pro Waschgang 225 Liter Wasser verschluckte und stolze 2280 Mark kostete - fast so viel wie ein Messerschmidt Kabinenroller, diesem populären Zwitter zwischen Auto und Motorroller. "Um die erste Waschmaschine zu tragen, waren vier kräftige Männer nötig", berichtet Johannes Bollien. Auch an einen der ersten Kunden erinnert er sich: "Wir haben sie an das Kö-Restaurant Müller-Fest geliefert und fünf Etagen hochgeschleppt." Und dann musste das Schwergewicht mit vier Schrauben in einem Betonsockel verankert werden, "sonst wäre die Maschine uns durch die Wohnung gesprungen."

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"Für die meisten Privathaushalte war die neue Waschmaschine viel zu teuer", erläutert Michael Lumer, Vorsitzender des Heimatvereins Ratingen und Experte für Technikgeschichte. In seinem Arbeitszimmer belegen etliche Aktenordner die Geschichte der Constructa. Und ihren Siegeszug im Schleudergang. Wurden im ersten Jahr 155 Geräte in Oberkassel produziert, waren es 1958 bereits mehr als 66 000 Stück. Zu diesem Zeitpunkt war die Peter Pfennigsberg GmbH auf ein größeres Betriebsgelände nach Lintorf gezogen. Längst hatte es die Constructa vom Luxusgut zum Massenprodukt geschafft, aber sie hatte auch jede Menge Konkurrenz bekommen, mehr als 30 andere Hersteller bauten inzwischen Waschautomaten. Allerdings war keiner so erfolgreich wie Constructa. Eine Firmenchronik berichtet über einen Marktanteil von 80 Prozent, und sie hat auch die Erklärung parat: "Die Constructa war Statussymbol."

Johannes Bollien blieb 20 Jahre im Unternehmen, baute zu Beginn die Holzpaletten für die neuen Waschmaschinen, leitete später den Vertrieb, dann die Werbung. Und hat als Mitglied der "Constructa-Familie" erlebt, was es bedeutete, zu diesen Pionieren zu zählen. "Wenn es nötig war, wurden Getränke und Brötchen in die Produktionshalle gerollt, und dann haben die Jungs drei Schichten durchgearbeitet." Aber auch die Freizeit verbrachte man gern im Kollegenkreis, ob im Firmenchor oder im Fußballclub, und in Werkswohnungen lebten sowieso alle.

Etliche Patente wurden von Peter Pfennigsberg in diesen Anfangsjahren angemeldet. "Das Unternehmen und die Constructa passten perfekt in die Wirtschaftswunderjahre", sagt Michael Lumer. Ein Foto aus seinem Archiv zeigt einen Firmenparkplatz mit 1000 Volkswagen. "Mit denen fuhren die Vertreter zu ihren Kunden. Beim ersten Waschgang waren sie selbstverständlich dabei und schauten gemeinsam mit der begeisterten Hausfrau dem Fortschritt zu - durchs Bullauge.

(RP)
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