1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf

Düsseldorfer Geschichten: Dickes D am Rhein

Düsseldorfer Geschichten : Dickes D am Rhein

Unser Autor ist jetzt seit vier Wochen in Düsseldorf. Wir baten ihn, seine ersten Eindrücke von der Stadt aufzuschreiben. Seltsamerweise fand er nicht alles gut. Aber immerhin zeigt er sich lernfähig.

In meiner Kindheit war Düsseldorf der Inbegriff urbanen Lebens für mich. Ein Ausflug in die Landeshauptstadt gehörte zu unseren Familienritualen, wir liefen dann über die Königsallee, mein Vater kaufte Champagnertrüffel bei Otto Bittner, und wir Kinder drückten uns die Nasen an den Schaufenstern platt, irritiert ob der Preise, die manche dieser Großstädter offenbar bereit waren für Uhren zu bezahlen, und ob der historischen Bügeleisen, mit denen ein Herrenausstatter sein Geschäft dekoriert hatte. Bei jenem Herbert Stock hatte mein Vater einmal einen Anzug gekauft, auf den er sehr stolz gewesen war; soweit ich mich erinnere ein furchtbares Ding, zudem untragbar bei uns, die wir doch auf dem Land lebten, wo — um es charmant zu sagen — nicht einmal der Hund mehr begraben sein wollte.

Wir kamen meist sonntags aus Goch nach Düsseldorf. Der Vorteil für meinen Vater war, dass die Geschäfte geschlossen hatten. Bis auf jene Pralinen also, die er sich mit meiner Mutter teilte und zwei Eis für mich und meinen Bruder, waren die Ausflüge vergleichsweise günstig. Anders als im Zoo etwa verlangte man auf der Königsallee noch nicht einmal Eintritt, obwohl es aus heutiger Sicht sicher angemessen gewesen wäre, etwas für diese Schau zu bezahlen. Es waren schließlich die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die Leute toupierten sich die Harre, trugen goldene Brillen und lebten in der Rheinischen Republik. Düsseldorf war eine unbekannte Schöne für mich, unerreichbar wie das Mädchen auf dem Vogue-Cover. Doch das änderte sich im Laufe der Pubertät.

Ich weiß noch, wie ich einmal am Rheinufer stand, damals wohl schon 16 Jahre alt, und auf Oberkassel blickte, auf die Wohnungen mit Rheinblick, von denen ich dachte, sie seien ausnahmslos von gegeelten Architekten oder Werbern bewohnt, Porsche-Fahrern jedenfalls, und Neid kam in mir auf. Ich war zwar verwundert, wie hübsch die Stadt inzwischen war, doch ich mochte sie nicht mehr, das Bürgerliche schien mir piefig, das Treiben in der Altstadt ordinär. Das kindische Staunen hatte sich in Ablehnung verwandelt und wurde im Laufe der Jahre, in denen ich schließlich auch das Rheinland verließ, zu Ignoranz. Übrig blieb nur eine flüchtige Erinnerung an eine Stadt voller verzweifelt einkaufender Hausfrauen, die Tüten mit der Aufschrift "Ich liebe Pralinen von Heinemann" in die Kofferräume PS-Starker Autos wuchteten. Ich lebte inzwischen in Berlin, und wie jeder dort war ich mit mir selbst und in dieser Stadt beschäftigt. Wie alle Neu-Berliner ätzte ich über Hamburg, machte mich über München lustig und lachte schallend über Hannover, doch Düsseldorf? "Keene Ahnung, was'n dit?"

Ich erzähle das alles, um zu erklären, wie ahnungslos, ignorant und — ja — auch dumm ich lange Zeit war. Und, um klarzustellen, wie das Bild, das Image, dieser Stadt bei denen ist, die sie nicht kennen.

Sicherlich hatte sich mein Bild von Düsseldorf wieder gewandelt. Als ich vor vier Wochen anfing, hier zu arbeiten, wohnte ich nach zwölf Jahren Berlin doch schon wieder zwei Jahre in der Peripherie. Aber auch in dieser Zeit trug ich das Klischee mit mir.

Nun denn. Düsseldorf. Meinetwegen.

Ich war nicht frei. Immer noch war mir diese Stadt ein wenig suspekt. Wenn ich sie besuchte, fühlte ich mich in der Bahnhofsgegend am wohlsten, die Türken, die Obdachlosen, die Prostituierten, die Wettbüros und Döner-Buden, die Schnellimbisse und Leuchtreklamen, das Rauschen des Verkehrs, die Streitereien der Jugendlichen erinnerten mich an Berlin, seltsamerweise fand ich gerade dort auch eine der besten und schönsten Bars der Stadt. Nicht zuletzt mochte ich die Bahnhofsgegend wegen des Bahnhofs. Da war man halt schnell wieder weg. Nun arbeite ich seit vier Wochen hier, und zu Anfang schon entwickelte sich im Kollegengespräch die Idee einer Geschichte. Wie die Stadt denn auf einen Neuankömmling wirkt, wie sie sich dem präsentiert, der sie neu entdeckt. Ich sagte damals, dass ich noch etwas Zeit dafür bräuchte, hoffte auch ein bisschen, die Geschichte geriete in Vergessenheit, was sie aber nicht tat. Nun denn, Düsseldorf. Meinetwegen.

Um nicht klein zu gebrauchen, würde ich die Stadt als kompakt oder übersichtlich bezeichnen. Das Seltsame aber an dieser an sich überschaubaren Größe ist aber auch, wie schnell sie ihr Erscheinungsbild verändert. Düsseldorf wirkt auf einen Neuling wie der Versuch, eine wirklich große Stadt auf kleinsten Raum zu bauen. Auf der Breite Straße etwa hat die Stadt etwas von Manhattan, die Häuserschluchten, der Asphalt, kein Grün, alles ist eng und dunkel, was sich auf der Benrather Straße fortsetzt, mit dem Flair der Wall Street. In der Altstadt wirkt Düsseldorf dann pittoresk, bodenständig — kleine Gassen, die besonders am Morgen, wenn sich die Menschen nicht in ihnen drängeln, etwas verträumt Romantisches haben. Neulich war ich zum ersten Mal am Fürstenplatz, der genauso auch ein Platz in Berlin-Prenzlauer Berg sein könnte, inklusive Kinderspielplatz und Müttern, die kiloweise Holzspielzeug in die Gründerzeitaltbauten tragen. Die Rede war schon vom Bahnhofsviertel, nicht weit davon ist ein japanisches Viertel. Ich frage mich oft, warum es mir so schwer fällt, mich in der Stadt zu orientieren, obwohl sie doch auf dem Stadtplan so gleichförmig, so übersichtlich, so geordnet zu sein scheint. Ich glaube es liegt — neben meiner Blödheit — auch an diesem ständigen Wechsel des Stadtbildes, des Charakters. Düsseldorf hat keine sanften Übergänge, in dieser Stadt dreht man sich einmal um, und wenn man nicht aufpasst, ist man in einer anderen Welt.

Das wohl Schönste an dieser Stadt aber ist der Rhein. Ich lebte zu lange in Berlin, wo man lächerlicherweise davon ausgeht, dass die Spree tatsächlich ein Fluss ist. Der Rhein bei Düsseldorf allerdings ist ein Fluss, und wohl nur in Hamburg weiß man einen Fluss so in Szene zu setzten wie hier. Da ist natürlich zunächst die Rheinpromenade, interessanter und schöner allerdings sind die Strände, von denen man auf ein Panorama schaut, das besonders am Abend einmalig ist. Wenn die Sonne untergeht, fängt die Stadt tatsächlich an zu strahlen. Meine morgendliche Fahrt über die Rheinkniebrücke, wäre wohl ein einziges Vergnügen, wenn, ja wenn die ganzen anderen Menschen nicht wären, die dieses Vergnügen mit mir teilen wollen.

Denn ebenfalls zu den ersten Eindrücken der Stadt gehört der Verkehr. Vielleicht hätte man all den Menschen aus Viersen, Duisburg, Mönchengladbach und Kleve irgendwann mal sagen müssen, dass Düsseldorf eben nur so groß wirkt, in Wahrheit aber der Raum begrenzt ist. Seien wir ehrlich: Der Verkehr in dieser Stadt ist ein Ärgernis, vom Parken ganz zu schweigen. Ich wundere mich immer noch ein bisschen, mit welcher Gelassenheit das von den Düsseldorfern hingenommen wird, aber vielleicht gewöhnt man sich ja wirklich einfach an alles, wenn man es nur lange genug ertragen musste.

Am Anfang verfiel ich der romantischen Idee, mit dem Fahrrad die Stadt zu erkunden. Es wäre ideal, aber der Umgang der Stadt mit Fahrradfahrern, die Beschilderung von Radwegen, das alles grenzt an Irrsinn. Ich kenne keine Stadt in Deutschland, die solche Verkehrsprobleme hat und gleichzeitig Radfahrer so wenig achtet. Berliner, Hamburger, selbst Münchner, die etwas auf sich halten und in der Stadt leben, erledigen inzwischen die meisten Wege mit dem Fahrrad, doch der Düsseldorfer streitet sich lieber um Parkplätze. Warum hat sich mir noch nicht erschlossen.

Armut ist eher peinlich

Womit wir bei den Menschen wären. Vor zwei Wochen hatte ich ein Erlebnis, das mich nachdenklich gemacht hat. Ich stand in der Altstadt beim Bier, ein "fiftyfifty"-Verkäufer kam vorbei und nervte. Neben mir stand ein Düsseldorfer, der nichts gab, was ich nicht schlimm finde, der sich aber dann im breiten Rheinisch darüber auslies, wie nervig, wie aufdringlich, wie furchtbar die Bettler sind. Ich glaube nicht, dass jeder Düsseldorfer das so sieht, aber Armut ist in dieser Stadt eher peinlich. Vielleicht weil der Reichtum der Stadt so offensichtlich ist. Man bekommt ihn ständig vor Augen geführt, wohl deshalb mieten sich türkische Jungs am Wochenende Ferraris oder Porsches und rasen damit die Blumenstraße entlang, vorbei an den Schadow Arkaden, wo mein Schreibtisch steht.

In Berlin leben viel Menschen ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Perspektive, es war eine leichtere Stadt. Der Nachteil Berlins war, dass die Stadt jeden Ehrgeiz, jedes Engagement erstickt. Es ist in Berlin nicht verwerflich mit Anfang 40 noch irgendwelche Projekte zu planen, das Leben ist finanzierbar. Als ich neulich eine Reportage am Rheinufer machte, traf ich etwa zehn Leute, alle etwa Mitte 20, alle hatten einen Beruf, alle arbeiteten. In Berlin hätte von all diesen Leuten kein einziger gearbeitet.

Und trotzdem: Es gibt hier auch eine unangenehme Selbstzufriedenheit, die zumindest bei den politischen und gesellschaftlichen Größen an Selbstüberschätzung grenzt. Understatement suche ich da noch. Unfassbar war meine Begegnung mit dem Chef einer Düsseldorfer Bank, den ich eher dem Kreis um Berti Wollersheim zugeordnet hätte. Aber gut. Wir lernen uns ja gerade erst kennen, die Schöne und ich.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Street View historisch: Wie Düsseldorf mal aussah

(top)