Serie Düsseldorfer Geschichten: Der vergessene Prozess um Treblinka

Serie Düsseldorfer Geschichten: Der vergessene Prozess um Treblinka

Vor 50 Jahren begann am Düsseldorfer Landgericht der Prozess um das Vernichtungslager Treblinka. Eine Spurensuche.

Das Vermächtnis von Alfred Spieß sind achteinhalb Regalmeter Akten. Sie lagern im Stadtarchiv am Hauptbahnhof, vieles ist aus Gründen des Datenschutzes noch unter Verschluss, doch die Akten zu Treblinka kann man einsehen.

Nur, es interessiert sich niemand wirklich dafür. Eigentlich ist damit auch schon das Sonderbare dieses Prozesses beschrieben, der vor 50 Jahren, am 12. Oktober 1964, am Landgericht in Düsseldorf begann. Fast scheint es, als habe man ihn vergessen. Vielleicht will man ihn auch vergessen. Angesichts dessen, was damals verhandelt wurde, wäre das durchaus verständlich.

So spielt der Treblinka-Prozess unter Historikern kaum eine Rolle, steht er doch im Schatten des ersten Auschwitzprozesses, der parallel in Frankfurt geführt wurde. Ein Ereignis, über das Journalisten aus der ganzen Welt ausgiebig berichteten. Auschwitz ist seitdem ein Synonym für den Völkermord. Doch was ist Treblinka?

SS-Männer posieren auf dem Bagger, der die Massengräber aushob. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Es gibt ein Interview mit dem SS-Unterscharführer Manfred Suchomel, das der Filmemacher Claude Lanzmann für seinen Film "Shoa", die wohl umfassendste Dokumentation über den Holocaust, geführt hat. Mit versteckter Kamera, Ende der siebziger Jahre, unvorstellbarerweise in Braunau am Inn, Hitlers Geburtsort.

Suchomel, einer der zehn Angeklagten im Düsseldorfer Treblinka-Prozess, beschreibt Auschwitz darin als Fabrik, Treblinka hingegen sei "ein zwar primitives, aber gut funktionierendes Fließband des Todes" gewesen. Man scheut sich die Sprache der Täter zu übernehmen, auch weil da wohl ein bisschen Stolz in Suchomels Stimme mitschwingt, aber seine Beschreibung trifft es ganz gut.

Nach seriösen Schätzungen wurde in Treblinka etwa eine Million Menschen innerhalb eines knappen Jahres ermordet. Dabei war das Lager kaum mehr als ein Stück eingezäuntes Feld, ein Provisorium, anders als in Auschwitz gab es keine Werkstätten, wo die Menschen bis zur Erschöpfung Sklavenarbeit leisten mussten, keine Barackenwelt. Es gab auch keine Listen im Lager, keine Nummern und erst recht keine Namen. So weiß man nur sicher, dass eine von Sigmunds Freuds Schwestern in Treblinka ermordet wurde, weil sich ein Zeuge im Düsseldorfer Prozess daran erinnerte, wie SS-Männer ihren Schmuck unter sich aufteilten.

Es gab auch keine Befreiung von Treblinka. Treblinka wurde von der SS am Ende geschleift, die Leichen, die man zunächst in Massengräbern verscharrt hatte, wurden ausgegraben und auf einem Rost aus Bahnschienen verbrannt, die Asche verstreut, selbst die letzten knöchernen Überreste ließen Himmlers Truppen mit Knochenmühlen zermahlen. Die Mörder säten Lupinen auf dem Gelände aus, nachdem sie die letzten 30 Menschen erschossen, die alle Spuren hatten verwischen müssen.

Treblinka wurde von der SS am Ende geschleift, die Leichen, die man zunächst in Massengräbern verscharrt hatte, wurden ausgegraben und auf einem Rost aus Bahnschienen verbrannt, die Asche verstreut, selbst die letzten knöchernen Überreste ließen Himmlers Truppen mit Knochenmühlen zermahlen. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Kaum 70 Menschen haben das Lager überlebt. Sie konnten fliehen. Die meisten von ihnen sagten im Prozess als Zeugen aus. Ihnen ist es zu verdanken, dass das Schicksal der Ermordeten nicht — wie von den Mördern beabsichtigt — in Vergessenheit geriet. Und eben Alfred Spieß, jenem Düsseldorfer Staatsanwalt, der den Prozess ins Rollen brachte, geboren am 12. Oktober 1919 in Hilden. Ähnlich wie der damalige Generalstaatsanwalt in Hessen, Fritz Bauer, ist Spieß ein deutscher Held, auch wenn er heute kaum Beachtung findet. Es ging damals in Düsseldorf nicht um Sühne, Rache oder Gerechtigkeit. Es ging darum, jenes Nichts aufzuheben, das die SS hatte entstehen lassen und den Opfern einen Teil ihrer Würde zurückzugeben.

Seit 1959 versuchten Spieß und seine nicht weniger engagierten Kollegen eine Anklage auf die Beine zu stellen. Hauptangeklagter war Kurt Franz, zunächst stellvertretender, später Kommandant von Treblinka, in Düsseldorf geboren, aufgewachsen, Kreisläufer bei Ratingen 04. Franz hatte ein Kochlehre abgebrochen und kam 1937 auf eigenen Wunsch in die die 3. SS-Totenkopfstandarte "Thüringen" (SS-Nr. 319.906).

Nach dem Krieg floh er aus amerikanischer Gefangenschaft und lebte unter seinem echten Namen in Düsseldorf mit seiner Frau. Zunächst arbeitete er als Brückenbauer, dann wieder als Koch, bis er am 2. Dezember 1959 in der Augustastraße 25 festgenommen wurde. Am 12. Oktober 1964 schließlich wurde ihm der Prozess gemacht. Gemeinsam mit neun weiteren Angeklagten. Die Anklage umfasste 243 Seiten.

  • Prozess in Düsseldorf : Ex-Kumpel belastet Angeklagten in Hotelbrand-Prozess
  • Wehrhahn-Prozess in Düsseldorf : Frühere Nachbarin belastet Angeklagten

Natürlich war der Gerichtssaal am ersten Tag voll, vor den Fenstern hing eine Gesamtansicht des Lagers, das Bild eines Modells, dessen Grundlage eine Zeichnung von Franz war. Die Angeklagten ließen die Verlesung der Anklageschrift stoisch über sich ergehen, nur Franz lächelte, schüttelte den Kopf, wie auch manche unter den Zuschauern. Franz wurde gemeinschaftlicher Mord an mindestens 300 000 Menschen, hundertfacher eigenhändiger Mord, versuchter Mord vorgeworfen. Spieß sparte nicht an Details, um deutlich zu machen, warum Franz der "Schrecken des Lagers" war.

Es gibt ein Fotoalbum, das Franz von seiner Zeit in Treblinka angelegt hat. Es ist mit "Schöne Zeiten" überschrieben, wobei das Wort "Schöne" nach dem Krieg zunächst ausradiert worden war. In Spieß' Nachlass gibt es Abzüge der Bilder: Franz in Uniform, mit Kameraden lachend, an dem großen Seilbagger posierend, der die Gruben für die Massengräber aushob, im Hintergrund sieht man zwei Häftlinge mit einer Bahre. SS-Männer zu Pferd, ein Stelldichein mit Rotkreuzschwestern an irgendeinem See.

Die Mörder säten Lupinen auf dem Gelände aus, nachdem sie die letzten 30 Menschen erschossen, die alle Spuren hatten verwischen müssen. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Immer wieder hat Franz seinen Hund Barry fotografiert. Ein kalbgroßer Bernhardiner-Mischling, den er mit den Worten "Mensch, fass den Hund", auf Juden gehetzt hat, er biss sie in die Genitalien, warf sie zu Boden zerfleischte sie. Kurt Franz sagte, er habe niemanden getötet, von nichts gewusst. "Sollen wir diesen Unsinn, dem die Akten widersprechen, glauben", fragte der Vorsitzende Richter Rudolf Gottlebe am Ende des ersten Verhandlungstages. Die Angeklagten zuckten nur mit den Schultern.

Franz blieb bei seiner Haltung während des gesamten Prozesses. Er, den die Häftlinge "Lalka" (Puppe) nannten, weil er so gut aussah, verweigerte sich komplett. Dabei ließ der Prozessverlauf keinen Zweifel an seiner Schuld zu. Zeugen aus der ganzen Welt kamen nach Düsseldorf, identifizierten Franz als "Lalka", gaben Zeugnis ab über seine Taten als Herr über Leben und Tod.

Da war Abraham Kolski, ein 48-jähriger Kaufmann aus New York. Kolski arbeitete in der Baracke, in der sich die Frauen auszuziehen hatten, bevor sie "ins Bad" gingen, wie man ihnen versicherte. Das Bad war die Gaskammer. Eines Tages seien drei halbjährige Säuglinge von ihren Müttern in der Baracke zurückgelassen worden, ein SS-Mann habe eines der Kinder genommen und es mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen.

Franz habe dies gesehen, das zweite Kind an den Füßen genommen und es mit den Worten "Komm, ich zeig dir, wie man das macht" ebenfalls an die Barackenwand geschlagen, bis es tot war. Zum Schicksal des dritten Kindes wusste er nichts zu sagen, weil er entdeckt wurde und Franz ihn verprügelte.

Oder der Zeuge Samuel Rajzman aus Montreal, dessen Ehefrau und zwölfjährige Tochter in Treblinka ermordet wurden. Er berichtete, wie Franz Menschen an den Füßen aufhängen ließ und erst halbtot schlug, bevor er sie erschoss. Wie er zusammen mit dem Angeklagten August Miete 25 Menschen hintereinander erschoss.

Wolfgang Szenjnberg, der aus Paris angereist war, sagte aus, dass er für Franz und Miete vor der Gaskammer habe Frauen aussuchen müssen, die von den Angeklagten vor dem Mord vergewaltigt wurden. Franz hatte eine Zeit lang auch Gefallen an einem Mädchen gefunden.

Als sie schwanger wurde, ließ er sie erschießen. Der Zeuge Moses Rapaport brach zusammen, als er erzählen musste, wie Franz seine hochschwangere Frau erschoss, weil sie nicht schnell genug zum Sammelplatz laufen konnte. Mehr als 100 Zeugen wurden gehört, zum Teil sogar in den Vereinigten Staaten und Israel. Am 15. September 1965 wurden neun Freiheitsstrafen verhängt, davon vier mal lebenslänglich. Aus Mangel an Beweisen wurde ein Angeklagter freigesprochen.

Kurt Franz war Ende der siebziger Jahre schon wieder Freigänger. Es gibt ein Foto von ihm aus dieser Zeit, er sitzt neben seiner Frau auf einem Sofa, im Hintergrund die Blümchentapete. Sie lebten in Ratingen. Er, der seine Opfer das von im getextete Treblinka-Lied singen ließ ("Für uns gibt es heute nur Treblinka, das unser Schicksal ist"), gab dem WDR auch ein Interview, er habe niemanden getötet, auch nicht die Gaskammern gesehen, über deren Eingang der Davidstern angebracht war. Seine endgültige Entlassung 1993 blieb von der Öffentlichkeit unbeachtet. Er starb 1998 in einem Wuppertaler Altersheim.

Mehr von RP ONLINE