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Der Verein Krass vermittelt benachteiligten Kindern Kultur

Menschen aus Düsseldorf : Krass bringt Kinder zur Kultur

Vor zwölf Jahren hat Claudia Seidensticker den Verein gegründet. Inzwischen haben 36.000 Kinder die Angebote wahrgenommen. Auch Corona konnte die Arbeit nicht ausbremsen.

Der Anfang wäre für Claudia Seidensticker fast das Ende gewesen. Nach einem schweren Autounfall rang sie um ihr Leben, lag zwei Jahre im Krankenhaus, gewann den Kampf, war fortan aber schwerbehindert. Man sieht es ihr heute nicht mehr an, so agil wirkt die 62-Jährige, obwohl ihr das Gehen schwerfällt. Und auch vor zwölf Jahren war die Künstlerin nicht bereit, sich in ihr vermeintliches Schicksal zu ergeben. Sie lotete ihre physischen Möglichkeiten aus, betrachtete ihre Talente und kam zu einem Entschluss: „Ich kann Kunst und Kunstvermittlung. Was anderes kann ich nicht.“

Nun neigt Claudia Seidensticker immer ein wenig zum Tiefstapeln, denn natürlich kann sie noch viel mehr. Organisieren zum Beispiel, motivieren ebenfalls, und andere Menschen mit ihrem Tatendrang anstecken sowieso. Und so ersann die dreifache Mutter ihr erstes Projekt, das es sofort in das Guinness-Buch der Rekorde schaffte: In einem Straßenbahndepot bemalten 163 Kinder eine 60 Meter lange Leinwand, unzählige Ehrenamtliche halfen mit. „Es war ein schöner Tag“, sagt Seidensticker rückblickend. Und so hatte sie ihre neue Bestimmung gefunden. „Ich gründe einen Verein“, nahm sie sich vor – so entstand 2009 Krass.

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Es ging ihr darum, benachteiligte Kinder aus zumeist finanzschwachen Familien zu Kunst und Kultur zu bringen. So lautete zumindest die ursprüngliche Zielsetzung, inzwischen ist es längst viel mehr geworden, aber dazu später. Jedenfalls nahm die Arbeit des Vereins schnell Fahrt auf. Es wurden Kooperationen mit Schulen und Trägern wie Caritas und Awo geknüpft, Stipendien für Klavierschüler vergeben, deren Eltern nicht genug Geld für die Gebühren hatten. Natürlich brauchte Seidensticker dafür immer viele Freiwillige, die mit anpackten, dennoch war es ihr ein tief sitzendes Bedürfnis, dass die Bildenden Künstler, die direkt mit den Kindern arbeiteten, auch bezahlt wurden.

 163 Kinder bemalen eine Leinwand. Diese Aktion schaffte es ins Guinness-Buch der Rekorde.
163 Kinder bemalen eine Leinwand. Diese Aktion schaffte es ins Guinness-Buch der Rekorde. Foto: Marc Ingel

Da ihr Mann Grieche ist, hatte Claudia Seidensticker schon immer eine enge Bindung zu dem südeuropäischen Land. So entstand auch das EU-Projekt mit der griechischen Schule in Heerdt, bei dem am Ende Kinder aus 27 EU-Staaten 27 Leinwände bemalt hatten. Ein Solinger Unternehmer wollte 2014 eigentlich nur Wasserfarben spenden, doch er war derart begeistert von der Arbeit des Vereins, dass er Krass gleich einen ganzen Bus schenkte. Der fährt jetzt, bepackt mit Tischen, Bänken und Kunstutensilien, jeden Tag die Spielplätze in Düsseldorf an, oft im Süden. „Wir wollen da sein, wo die Kinder sind. Wir können nicht verlangen, dass sie alle zu uns kommen“, sagt Seidensticker.

In der Flüchtlingskrise zählten die Krass-Mitglieder zu den ersten, die in die Unterkünfte gingen, den Kindern die Langeweile nahmen, mit ihnen Ausflüge in den Wald machten, ihnen Aufmerksamkeit und Zuwendung entgegenbrachten. „Wir haben Familien auch zu Hause besucht, sie aufgeklärt und ihnen geholfen, sich zurechtzufinden“, sagt die Krass-Gründerin. Gerade für die Kinder hatte diese Zeit den positiven Effekt, dass sie quasi nebenbei Deutsch lernten. Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist dadurch der feste Programmpunkt Deutsch als Fremdsprache für ausländische Kinder im MediaLab von Krass an der Hallbergstraße geworden. Auch kostenlose Nachhilfe von richtigen Pädagogen wird dort gegeben, pandemiebedingt lange via Zoom.

Noch einmal einen Schritt zurück: Als Claudia Seidentsticker 2012 nach Shanghai zog (mit ihrem Mann, weil er dort eine neue Stelle antrat), wollte sie Krass nicht aufgeben. Also koordinierte sie die Projekte einfach von Asien aus, per Telefon und Skype. Das genügte ihr aber nicht, und als sie erfuhr, dass die Kinder von Wanderarbeitern vor Ort nicht zur Schule gehen durften, eröffnete sie in der ersten Etage ihres Hauses eine Art Kunstschule, um die Jungen und Mädchen zu „bekunsten“, wie sie gerne sagt, und um ihnen natürlich nebenbei noch ein paar andere Dinge zu vermitteln.

2015, zurück in Düsseldorf, ging Seidensticker in die Uni-Klinik, wählte dort schwerstkranke Kinder aus, die teilweise vollkommen isoliert waren, und setzte sich dafür ein, dass sie in den Genuss von Musik- oder Kunsttherapien kamen. Dass Kinder durchaus auch klar formulierte Rechte haben, geriet 2018 in den Fokus, als Kinderrechte im Grundgesetz verankert werden sollten (sind sie bis heute nicht). Aus diesem Anlass initiierte Krass 2019 einen eigenen Kinderrechte-Wagen für den Karnevalszug in Zusammenarbeit mit Jacques Tilly. 90 Kinder machten mit, nähten Kostüme, bemalten den Wagen, 35 Nationalitäten waren vertreten.

Im selben Jahr stieß Claudia Seidensticker auch eine Langzeitanalyse für den Verein an, in dem es nicht zuletzt um eine Nachfolgeregelung gehen soll. Nicht, dass die 62-Jährige schon den Vorsitz abgeben will, „aber irgendwie muss es ja nach mir weitergehen“, sagt sie. Die Zahl der Ehrenamtlichen ist während Corona zurückgegangen, für eine festangestellte Arbeitskraft reicht das Geld nicht, die Zuschüsse und Spenden sollen ja nun mal vor allem in die Projekte fließen. Rund 36.000 Kinder haben daran in den vergangenen zwölf Jahren teilgenommen, und das soll alles eine Fortsetzung finden. Claudia Seidensticker wird eine Lösung finden. Das hat sie in der Vergangenheit immer.