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Düsseldorfer Geschichten: Der Supermarkt aus einer anderen Welt

Düsseldorfer Geschichten : Der Supermarkt aus einer anderen Welt

"Die Russen kommen" hieß es zuletzt in den 1980er Jahren. Dass sie einmal kommen würden, um in Supermärkten fette Bauernwürste und bunte Marienfiguren aus Plastik zu verkaufen - daran hat damals im Kalten Krieg niemand gedacht.

Mein guter Freund aus alten Tagen, der die schrillsten Winkel der Stadt spürnasenmäßig aufdeckt, lädt mich ein zur Einkaufsfahrt in den russischen Supermarkt.

Der russische Supermarkt „Continent“ in Rath. Foto: Endermann, Andreas

"Nein, danke" lautet meine Antwort. Nur allzu gut erinnere ich mich an den russischen Supermarkt in Bingen, den wir anlässlich einer Rheinpartie besuchten. Bunte Plastikmarienfiguren wechselten sich ab mit noch bunteren, grellsüßen Bonbons, und zwischen all dem lagen fette Würste und viele Konserven mit Eingemachtem aus der fernen Taiga und Tundra. Ich bin damals ohne Ware hinausgegangen.

Der Freund schleppte stolz ein Pfund Spaghetti heim. Die kauft er überall auf der Welt - selbst von einer mehrwöchigen Indienreise kehrte er kürzlich zurück, mit zwei Kilo Spaghetti aus Kalkutta. Nun stellt er mir aber in Aussicht, nach dem Zehnminuteneinkauf ins Eiskaffee zu gehen, zum Plauderstündchen, und so bin ich doch schnell überredet und fahre mit in einen der rustikaleren Stadtteile, wo sich in einem versteckten Hof der russische Supermarkt befindet.

Auf dem großen Parkplatz steht ein Wagen mit der Aufschrift "Jakobs-Kaffee", drinnen thront der Meister des russischen Schaschlik. Freundlich fordert er uns auf, die Spieße zu besichtigen, die auf einem überdachten Grill vor sich hin brutzeln. Wir vertrösten ihn auf später, wollen hungrig einkaufen. Das ist gut so - man kauft dann unwillkürlich mehr, als man braucht. Schon beim Betreten des Supermarktes fühle ich mich, wie in einer anderen Welt. Im Entreé sitzen russisch sprechende Menschen auf Barhockern und trinken Kaffee. Eine Salatbar mit appetitlichen Heringssalaten aller Art lockt mit zartem Meeresduft zum Kauf der farbigen Majonnaisespeisen, in denen sich Heringstückchen ausbreiten.

Wir genießen jeder ein Schälchen als Vorspeise zum Schaschlikspieß, der draußen auf uns wartet. Ich reise bei jedem Bissen ein wenig mehr in die Vergangenheit, sehe mich im Bus in Leningrad sitzen, wo ich in den achtziger Jahren eine Woche im Winter bei einer Kulturreise verweilte. Die Reiseleiterin begrüßte uns: "Damit Sie Bescheid wissen über die Größe der russischen Seele, sage ich Ihnen nun folgendes: "1000 Kilometer sind keine Entfernung für uns, 100 Liter Wodka kein Alkohol - und zehn Männer in einer Nacht ist keine Liebe für uns..." Das sagte sie wirklich, und wir zuckten unwillkürlich zusammen. Ich dachte auch an die Festung, in der Nikolaj Tschernytschewki, Autor des Buches "Was tun?" mehrere Jahre in Isolationshaft saß.

Und an das Leninmuseum. Dort hatte einer von uns gewagt, die Reiseleiterin zu fragen, warum hier kein Foto hänge von Trotzki? "Hat Fählerr gemacht", lautete ihre Antwort. "Fählerr gemacht", denke ich, während ich nun mein Wägelchen durch den Supermarkt schiebe, und mir fällt ein, das ich in den Achtzigern ganz schön sowjetophil war. In der WG von Freunden hingen Fotos einer Balletttänzerin. Darunter stand: "Die Russen kommen".

Das hatte mich zutiefst beeindruckt. Damals war das eine zynische Anspielung auf den Kalten Krieg, dessen Kernaussage die Angst vor der Roten Armee war. Das die Russen tatsächlich mal kommen und hier in einem tollen Supermarkt Speisen aus Russland, Polen, Israel und Europa verkaufen, daran hätte damals niemand gedacht.

In diesen Düsseldorfer Supermarkt namens Continent kommen sie jedenfalls aus dem gesamten Ruhrgebiet und bestaunen die mannigfaltigen Bauernwurst-Spezialitäten aus Polen, den salzigen eingelegten Fisch aus Israel und die vielen frischen Gemüsesorten, die wir hierzulande zum Teil nur noch von unseren Großeltern kennen: rote Bete, Schwarzwurzeln, Petersilienwurzeln, frische Gurken zum Einlegen und jede Menge Kohl und Kartoffeln in allen Variationen.

Meine alte Liebe zu Russland ist plötzlich wieder entflammt. Aus den geplanten zehn Minuten Einkauf sind mittlerweile fast zwei Stunden geworden. Sehr viel Zeit verbringen wir staunend in der Spirituosenabteilung. Wodka mit 95 Prozent Alkohol steht da in riesigen Flaschen, die die Form einer Bombe haben. In einem großen Kasten liegt gleich eine gläserne Kalaschnikow, vollgefüllt mit Wodka und links in der Ecke des Kastens stecken sechs Gläser in Granatenform.

Rechts ist ein gläserner Molotowcoctail nachgeformt, mit honiggelber Flüssigkeit, wahrscheinlich Brandy. Es gibt Rotwein, dessen Etikett die russische Zarin Katharina zeigt. Damit sie sich nichts einbildet, steht gleich daneben im Regal "Stalin-Rotwein".

Tatsächlich ziert Stalins Konterfei die Flaschen. Wir entscheiden uns, eine für Freunde mitzunehmen, die sich nach Gorbatschow voller Grausen von der Sowjetunion und deren Revolution abgewandt haben. Kürzlich waren sie schon leicht verbittert über den mitgebrachten "Karl-Marx-Wein" aus Trier gewesen, und der "Stalin-Wein" würde unsere Freundschaft nun auf eine harte Probe stellen. Aber so sind wir nun mal, mein guter alter Freund und ich.

Nach drei Stunden verlassen wir den Supermarkt mit Kalaschnikow-Wodka und Stalin-Rotwein, mehreren Marien-Ikonen aus Plastik, einer knatschbunten Figur mit offenem Herzen und Heiligenschein, genannt "das heilige Herz". Ich finde so etwas wunderschön und rührend und stelle es daheim auf meinen Altar. Unsere weitere Ausbeute: Eine Möhrenreibe, Honig mit einer Bienenwabe drin, ein ganzer Fisch mit offenen Maul und traurigen Augen, Süßkartoffeln, eine rote Tunika aus Polyester, eine Filzkappe für die Sauna, drei fette, feste, polnische Würste, Schwarzwurzeln und Walnüsse aus Frankreich.

Wir freuen uns auf ein schmackhaftes Abendessen und auf das Öffnen der Kalaschnikow. Vielleicht sogar des Molotowcoctails - Mal sehen, wie der Abend so verläuft. Draußen streichen wir um den Schaschlikstand wie zwei hungrige Katzen und ziehen vor, zu fliehen, weil ich daran erinnere, das es sich hier eventuell um Pferdefleisch handeln könne. Bei den Russen wisse man schließlich nie so genau. "Bei den Deutschen auch nicht", fauchte der gute alte Freund, und während ich das hier schreibe, fummelt er an der gläsernen Kalaschnikow herum und meint, das bisschen, was wir essen, könnten wir auch trinken und der Fisch habe Zeit bis morgen.

"Echt russisch!" denke ich und begebe mich zum Musikkasten, um Ivan Rebroff zu spielen und anschließend die Popolskis.

(rl)