Der Pantomime Nemo aus Düsseldorf wird 70 Jahre alt.

Düsseldorfer Pantomime Nemo wird 70 : Ohne Worte

Was der Düsseldorfer Pantomime Nemo zu erzählen hat

Der Düsseldorfer Pantomime Nemo wird an diesem Wochenende 70 Jahre alt. Obwohl er bildreich erzählen kann, ist seine Kunst das ausdrucksvolle Schweigen.

Wer mit dem Pantomimen Nemo über seine Kunst, sein Leben und sein Werden spricht, merkt sehr schnell: Dieser Mann, der seit seiner Jugend davon lebt, stumm aufzutreten, ist ein Meister des gesprochenen Wortes. Er erzählt bildreich, Leidenschaft und Freude schwingen mit in seinen Sätzen, und er nutzt wunderbare Wörter wie „Mitteilungs-Rückstau“ oder „hermetische Kunst“.

Er beschreibt seine grenzenlose Freiheit in der Phantasie, und wenn er schließlich feststellt „Ich werde auf der ganzen Welt verstanden!“, dann macht das den Zuhörer – nun ja: sprachlos. Weil der Satz, so noch nie gehört, in seiner Wucht klar macht, wie universal und Verständnis fördernd Pantomime ist. Diese inszenierte Kommunikation durch Gestik, Mimik, Ausdruck, Bewegung der Glieder, die so gar nichts hat von der uns allen angeborenen (und nur schwer zu beeinflussenden) Körpersprache, sondern, wenn man so will, ein eigenes Idiom ist. Allerdings ohne Grammatik, Orthographie, lautmalerische Akustik und geregelte Stilistik. Erlernbar – Talent vorausgesetzt – in einem langen Prozess, verständlich – für jeden – auf Anhieb.

Nemo hieß noch nicht so, als er mit sechs Jahren erstmals der Familie einen Auftritt präsentierte, ohne einen Ton von sich zu geben. Ausgerechnet Bill Haleys „Rock around the clock“, ein nicht gerade leises Stück, spielte er pantomimisch nach. Aber dem kleinen Wolfgang (so heißt der Künstler bürgerlich, Familienname Neuhausen), also dem kleinen Wolfgang schien der legendäre Song des Rock’n’Roll geeignet für seinen Einstieg in die wortlose Welt der Pantomime. Das geschah natürlich eher instinktiv, vermutlich hatte er den Begriff dafür damals noch nie gehört. Sämtliche Zuschauer, daran erinnert er sich, haben sehr gestaunt.

Wie ein Kind dazu kommen konnte? Er sieht es so: „Meine Eltern habe beide sehr viel gesprochen. Vermutlich war dazwischen wenig Platz für mich und ich hatte deshalb einen Mitteilungs-Rückstau.“ Dinge nur mit Hilfe des Körpers zu erzählen, sah er erstmals beim Vater. Der war Kripo-Beamter, arbeitete bei der Mord-Kommission und hatte ein großes Talent, Menschen nachzuahmen. Fasziniert schaute Neuhausen junior zu, nicht ahnend, gerade die Prägung für sein Leben zu erhalten. Der in Düsseldorf Geborene machte auf dem Görres-Gymnasium das Abitur und studierte Latein und Philosophie. Das jedoch brach er bald ab, denn schon zur Abiturfeier war er als Pantomime aufgetreten und entdeckte diese Leidenschaft für sich. Ab dem 28. Lebensjahr konnte er von diesen Auftritten leben.

Nemo wird er seit seinem 16. Lebensjahr genannt. Damals ging er regelmäßig mit den redseligen Eltern zum Schwimmen. Beide waren Leistungssportler, und der kleine Wolfgang versuchte erst gar nicht, ihnen nachzufolgen. Also schwamm er nicht – er tauchte. Und das mit viel Freude. „Ich habe mich auf den Grund des Beckens sinken lassen, ausgeatmet und gewartet, bis ich wieder auftauchen musste.“

Einer seiner Freunde, offenbar mit den Romanen des französischen Autors Jules Verne vertraut, erinnerte das an die Nautilus, das sagenhafte U-Boot aus dem Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“, den Verne geschrieben hatte. Der Kapitän dieses Schiffes hieß Nemo – ein Taucher also, im weitesten Sinne. Ab sofort nannte man so Wolfgang Neuhausen, und schließlich wurde es sein Künstlername. Bis heute. Und lange bevor der Film „Findet Nemo“ in die Kinos kam, als Hauptfigur immerhin ein Clownfisch, was der zweibeinige Nemo passend findet.

Aufs Lustige allein will er sich allerdings nicht festlegen lassen. Pantomime (griechisch für „der alles nachahmt“) ist eine ernst zu nehmende Sache, will – wie gesprochene Sprache – nur manchmal witzig sein, kann und muss Trauer, Hass, Neugier, Liebe und Dramatik darstellen. Lebensnah also. Vor allem aber verbindet die Pantomime die Menschen, weil sie die Sprachbarrieren knackt – oder besser: ignoriert.

Das erlebt Nemo bei seinen weltweiten Auftritten. In mehr als 40 Ländern hatte er Gastspiele, vorige Woche war er in Indien, jetzt gerade ist er in der Türkei. Dort tritt er seit Jahren stets gemeinsam mit einem türkischen Pantomimen auf, der weder Deutsch noch Englisch spricht. „Und ich spreche kein Türkisch – wir verstehen uns dennoch blendend“, sagt Nemo. Das muss man sich mal vorstellen.

Seit Jahren kümmert er sich um Jugendliche in den Townships Südafrikas, bietet Workshops an und ist mit einer dortigen Initiative Teil eines Programms, das Menschen jeden Alters mit der sehr eigenen Form der Kommunikation Mut macht, nicht die Hoffnung zu verlieren. Kreativität wird dadurch gefördert, Selbstbewusstsein aufgebaut – Nemo liegt das sehr am Herzen, und er investiert viel Zeit in solche Projekte.

Dort hat er gelernt, sehr schnell ins Gespräch einzusteigen – mit einem einfachen Satz. „Macht, was ich mache!“ lässt er seinen Zuschauern von einem Dolmetscher sagen, und schon ist man non-verbal mitten drin in der Kommunikation, die jeder versteht. Auch in den Townships Südafrikas. Honorar gibt es nicht dafür, meist nicht einmal eine Aufwandsentschädigung. Bereichert fühlt er sich dennoch – nicht zuletzt, weil er diese Arbeit wie einen Jungbrunnen erlebt.

Pantomime Photo : Andreas Endermann. Foto: Endermann, Andreas (end)
Pantomime Photo : Andreas Endermann. Foto: Endermann, Andreas (end)
Pantomime Photo : Andreas Endermann. Foto: Endermann, Andreas (end)

Entsprechend fit fühlt er sich mit 70. So alt (oder jung) ist er ab Sonntag.

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