10. Todestag Joachim Erwin: Der Ober-Oberbürgermeister

10. Todestag Joachim Erwin: Der Ober-Oberbürgermeister

Am 20. Mai jährt sich der Tod von Joachim Erwin zum zehnten Mal. Wir blicken auf die Amtszeit des ehemaligen Oberbürgermeisters zurück, in der Düsseldorf aufblühte.

Joachim Erwin (CDU) war vor nix fies, wie man im Rheinland sagt. Er wollte ein populärer Politiker sein, agil, zupackend, ein ganz normaler Düsseldorfer, aber eben besonders qualifiziert. Als Journalist bin ich ihm erstmals am 25. Februar 1985 begegnet - im Schwimmbad, wo er sich in einer größeren Gruppe sportlich abmühte. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich zehn Tage zuvor als Praktikant erstmals meinen Fuß in die Redaktion einer Düsseldorfer Tageszeitung gesetzt hatte und die ersten Artikel die Zeit in einem Umschlag überdauert haben.

Einer der ersten Termine, den man mir zutraute, war der Start der Aktionswoche Treffpunkt Bad im Wellenbad an der Grünstraße. Ich hatte schon den Vorbericht geschrieben und darin angekündigt, dass der Vorsitzende des Sportausschusses, der Ratsherr Joachim Erwin, die Eröffnung vornehmen werde. Im Text erläuterte der Praktikant, dass der 35-jährige Politiker an der Wassergymnastik teilgenommen hatte. "Er ging buchstäblich baden und machte alles mit." Mehr als 15 Jahre später habe ich als Lokalchef der Westdeutschen Zeitung zwei Mal mit dem Oberbürgermeister Erwin Schwimmbäder eingeweiht und getestet - das Rheinbad und die sanierte Münstertherme. Auch da machte er "alles mit", sprang ins Becken, schwamm, tauchte, diskutierte mit den Bürgern über Vor- und Nachteile der Bäder. Erwin zeigte sich da nahbar und unkompliziert.

Oberbürgermeister neuen Zuschnitts

Bei dem Termin 1985 sagte Erwin auch, er gehe jeden Sonntagmorgen schwimmen. "Meinen beiden Kinder, zwei und vier Jahre alt, schmeißen mich deswegen immer aus dem Bett." Die Familie, die 1999 aufs Wahlplakat kam, war also auch damals bereits präsent, und die offensive Art, sich einzubringen, passte zur modernen Art des Politikertypus, den Erwin in den USA erlebt und sich zum Vorbild gemacht hatte. Der Zweispalter von vor 33 Jahren verrät zudem eine Grundhaltung des späteren Stadtoberhaupts. Düsseldorf ist zwar gut, aber noch nicht gut genug. "Unsere Bäder müssen attraktiver werden", forderte er. "Die Sonnenlandschaft hier im Wellenbad ist ein guter Anfang, aber es sollte noch mehr getan werden." Was, sagte er auch: "Die Video-Disco-Show am Freitag sollte regelmäßig veranstaltet werden." Oha, kann man da nur sagen, ein paar Jahre später kamen dank der Gestaltungsmacht und -kraft des Oberbürgermeisters neuen Zuschnitts, der nun Rat und Verwaltung führte, andere Dinge auf die Liste: eine Arena (die er übrigens anfangs abgelehnt hatte), ein Dome, ein Castello, ein paar Museen, eine U-Bahn und ein Kö-Bogen mit Tunnelsystem (das der Stadtrat größer wollte als er).

Also alles nur eitel Sonnenschein? Im Fall von Joachim Erwin ist es sicher richtig, nicht der Gefahr der Schmeichelei zu erliegen. Es gab mal eine Sitzung des Hauptausschusses, in der ein CDU-Ratsherr genau dies tat: Er stellte dem Sitzungsleiter Erwin eine Frage, deren Antwort er selbst kannte, eine überflüssige Vorlage, die nur dazu dienen sollte, dem OB Raum zur Selbstdarstellung zu geben. Man konnte förmlich sehen, wie sich bei diesem die Nackenhaare aufstellten und er die Liebedienerei mit einer schneidenden Bemerkung beendete.

Lust zu polarisieren

Diese Randnotiz sagt viel aus über Erwin. Harmonie-Soße war ihm zuwider. Er schätzte die Auseinandersetzung, suchte sie oft auch, das trieb ihn an. Die Lust zu polarisieren prägte ihn und irgendwann auch die CDU-Politik. In den neunziger Jahren regierte in Düsseldorf eine rot-grüne Koalition, und Erwin wollte einen klaren Oppositionskurs, was nicht alle Christdemokraten teilten. Manche von ihnen hatten Jahre lang als Teil der so genannten Fraktion Düsseldorf den überparteilichen Konsens in wichtigen Fragen gesucht. Erwin dagegen wollte Kampf - und ihn gewinnen.

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Als er 1999 bei der Stichwahl gegen Marlies Smeets siegte, kletterte er im Rathaus auf einen Tisch und rief aus: "Joachim Erwin und die CDU führen Düsseldorf in das neue Jahrtausend." Es war klar, dass dieser Triumph nicht nur der bei einer Kommunalwahl war. Erwin hatte sich und vielen anderen bewiesen, was in ihm steckt. Denn die CDU hatte ihn lange gar nicht als Spitzenkandidaten haben wollen. Zwei Mal unterlag er beim Kampf um die Spitzenkandidatur. Die Strecke ins OB-Büro war für Erwin ein Langstreckenlauf, durch den er sich biss wie durch den ersten Düsseldorfer Marathon, den er natürlich mitlief.

Großes Maß an Identifikation

Wolfgang Schulhoff, damals Parteichef, bedankte sich am Abend des Sieges bei den vielen Wahlhelfern. Er hat mit Joachim Erwin hier und da wegen dessen forscher Art gehadert, aber er schätzte seine analytische Kraft und seinen Elan. Er habe was zu bieten, meinte Schulhoff, und: "Joachim Erwin hat ein Anliegen." Das ist eine zentrale Einschätzung, die auch Erwin selbst bei der Beurteilung von Gesprächspartnern wichtig war: Wollte da jemand wirklich etwas für Düsseldorf? War er ernsthaft interessiert, würde ein Mehrwert entstehen?

Als Vodafone im Jahr 2000 Mannesmann übernahm, telefonierte Joachim Erwin mit Chris Gent, der bei Schneefall am Münchner Flughafen festsaß. "You want to invest in my City?" fragte er den Konzernboss. Investieren in SEINER Stadt, das wirkte ein bisschen anmaßend, das war andererseits ein großes Maß an Identifikation und auch dies: typisch und stilprägend. Als Aufsichtsratschef von Fortuna Düsseldorf soll er sich mal auf den Weg in die Arena-Katakomben gemacht haben, um den Schiedsrichter für seine miese Leistung zu maßregeln.

Ziel erfüllt

Joachim Erwin, der einem hohen Anspruch an Pflichterfüllung folgte, hatte Temperament und eben: ein Anliegen. Dafür legte er sich mit vielen Menschen und Gruppierungen an, was zu zwei Bürgerentscheiden führte (Verkauf Jan-Wellem-Platz und Schutz Golzheimer Friedhof), er schoss hin und wieder über das Ziel hinaus, auch im Umgang mit Journalisten, die sich an Post vom Anwalt gewöhnen mussten. Nicht selten kam es andererseits vor, dass man eine Sache ausfocht und dann in rheinischer Manier fünf gerade sein ließ. Eine Fähigkeit, die Blüten treiben konnte. So tat der Law-and-Order-Mann Erwin die Kokain-Sause von Jörg Immendorff im Parkhotel mit der Bemerkung ab, Künstler tickten halt anders. Einfach war es mit ihm selten, langweilig eigentlich nie. Das reichte bis zum Anruf am Samstag um 9 Uhr, weil der Kommentar zum Flughafen so nicht akzeptabel war. Amtsleiter wurden ab 7 Uhr angerufen.

Als Joachim Erwin OB wurde, war die neue Rheinuferpromenade vier Jahre alt. Der Weg des "neuen Düsseldorf" zu größerer Attraktivität für Unternehmen und Menschen hatte gerade erst begonnen. Erwin hat diesen Prozess dynamisch vorangetrieben, auf viele Weise neue Infrastruktur geschaffen und Architekturen besonderer Güte ermöglicht. Er hat gezeigt, welches Potenzial diese Stadt im Herzen eines der wirtschaftsstärksten Ballungsräume Europas hat. WM- und Olympiabewerbung, obgleich gescheitert, waren deswegen ein Gewinn. Die Schuldenfreiheit war am Ende, gepaart mit der Schuldenbremse, die größte Leistung, weil sie Politiker diszipliniert und Handlungsspielräume sichern kann. Als Erwin antrat, nannte er Wilhelm Marx und Konrad Adenauer als Vorbilder. Er wolle ein großer rheinischer Oberbürgermeister werden wie sie. Heute, zehn Jahre nach seinem Tod, lässt sich sagen: Es ist ihm gelungen.

(ujr)