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Integration durch Ausbildung: "Der Meister der Zukunft ist ein Türke"

Integration durch Ausbildung : "Der Meister der Zukunft ist ein Türke"

Bundesweit wollen Unternehmen gezielt um Jugendliche mit Migrationshintergrund werben, um einem Fachkräftemangel vorzubeugen. In Düsseldorf wird das Problem umfassender gesehen. Im Blickpunkt steht Ausbildungsfähigkeit generell.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks schlägt Alarm: Mit einem Mangel an Fachkräften sei in naher Zukunft zu rechnen, wenn nicht junge Ausländer nach der Schule und Lehre verstärkt für Handwerksberufe gewonnen werden. In einem soeben herausgegebenen Integrationsatlas steht als griffige Formel für die nötigen Bemühungen der Satz: "Der Meister der Zukunft ist ein Türke." Denn allein mit jungen Menschen deutscher Herkunft seien die frei werdenden Stellen in den Betrieben nicht zu besetzen. Deshalb sollen Betriebe und Unternehmen, nicht nur im Handwerk, nun gezielt um junge Menschen mit Migrationshintergrund werben.

"Herkunft spielt keine Rolle"

Für Aylin Bulut ist Handwerk schon selbstverständlich. Die Türkin hat im vergangenen Jahr ihre Meisterprüfung als Friseurin abgelegt, im November einen Salon an der Pfalzstraße eröffnet. Gedankenspiele, dass beispielsweise türkische Meister auch wiederum türkische Jugendliche ausbilden sollen, um sie dazu zu bewegen, überhaupt eine Lehre zu machen, sieht die 27-Jährige mit Skepsis: "Dann zieht man sich doch wieder nur in die eigene Welt zurück." Sie selbst habe bei einem Italiener gelernt — "und das hat mir viel mehr gebracht, als bei einem Türken zu lernen".

Buluts Ansicht nach sind die Jugendlichen in Düsseldorf sehr viel weiter als anderswo. "Die Herkunft ist völlig egal, in meiner Generation und der nächsten spielt das keine Rolle mehr", sagt sie. Umfeld und Erziehung seien viel wichtiger, wenn es darum geht, ob ein Jugendlicher eine Ausbildung beginnt und durchzieht oder nicht.

Eleni Bougia sieht es ähnlich. "Die einzigen Kriterien sind heute, dass man die Sprache spricht und lernwillig ist", sagt die 27-jährige Griechin, die seit August bei einem Dentallabor eine Ausbildung zur Zahntechnikerin macht.

Die Handwerkskammer Düsseldorf ist derselben Meinung und hält die Befürchtungen des Zentralverbands zumindest für Ballungsräume für unzutreffend. Sie sieht sich bereits jetzt bestens aufgestellt für die Zukunft — gerade wegen des hohen Ausländeranteils von acht Prozent (siehe Info). "Manche Meisterschulen — etwa im Baubereich, im Friseur- und im Kfz-Handwerk — könnten wir ohne die Azubis mit Migrationshintergrund sofort dicht machen", sagt Geschäftsführer Axel Fuhrmann. "Es wäre ein Armutszeugnis, wenn wir jetzt erst diese neue Zielgruppe entdecken würden. Dann hätten wir in den vergangenen 100 Jahren etwas gravierend falsch gemacht."

Allerdings gibt Fuhrmann zu bedenken, dass die Situation in Düsseldorf und im "Speckgürtel" drum herum im Vergleich zu anderen Städten "außergewöhnlich gut" sei. Die einzige Schwelle, die es zu überwinden gelte, sei die von der "Pflicht" Schule zur "Kür" Berufsausbildung, sagt Fuhrmann — und diese sei für viele Jugendliche aus sozial schwierigen Schichten, völlig unabhängig von der Nationalität, gleich hoch.

Michael Grütering schlägt in dieselbe Kerbe. "Fakt ist, die Ausbildungsfähigkeit insgesamt hat abgenommen", sagt der Hauptgeschäftsführer der Düsseldorfer Unternehmerschaft. Dies habe neben der demographischen Entwicklung zwei Ursachen: "Bei vielen Jugendlichen mangelt es an Grundkenntnissen — und viele Betriebe stellen zu hohe Ansprüche." An diesen Punkten müsse man ansetzen. Und da man nicht nur jammern und die Verantwortung allein auf Schule und Eltern abwälzen wolle, gehe man das Problem aktiv an.

Ausbildungsfähigkeit fördern

"Wir haben mit der IG Metall einen Tarifabschluss zur Förderung der Ausbildungsfähigkeit erreicht", sagt Grütering. So soll bei Bedarf der Ausbildung eine maximal einjährige Förderphase vorgeschaltet werden — um elementare Mängel in Lesen, Schreiben und Rechnen auszugleichen. Auf der anderen Seite müssten Betriebe von ihrem "Weltmeisterdenken" Abstand nehmen: "Es ist nicht immer sinnvoll, den besten Azubi zu nehmen. Denn der fängt nach der Lehre vielleicht ein Studium an."

Der Konjunkturmonitor habe gesagt, dass die Ausbildungsbereitschaft in Düsseldorf nach wie vor hoch ist, sagt Grütering — auf einen Azubi kommen 1,3 Ausbildungsplätze. "Wenn es uns jetzt noch gelingt, gezielt den demographischen Wandel aufzufangen, stehen wir auch weiterhin sehr gut da."

Hier geht es zur Infostrecke: Die beliebtesten Ausbildungsberufe 2008

(RP)