Serie Düsseldorfer Geschichten: Der Kunstgießer von Düsseldorf

Serie Düsseldorfer Geschichten: Der Kunstgießer von Düsseldorf

Bei Schmäke entstehen seit mehr als 90 Jahren Kunstwerke, auch solche von Weltrang. Im Stadtmuseum gibt es jetzt eine Schmäke-Schau.

Wer in diesem großen Raum die Augen schließt, fragt sich vielleicht: Ist das eine Autowerkstatt, wo der Lack von Karosserien heruntergeholt wird? Die lauten, oft kreischenden Geräusche, die aus vielen Maschinen dringen, machen eine Unterhaltung fast unmöglich. Wer die Augen aufmacht, sieht in verschiedenen Arbeitsecken Männer mit Schutzbrillen stehen, die Metallteile bearbeiten. Meist sind diese Teile glatt und glänzen, haben organische Formen. Dann stammen sie wohl von Tony Cragg, der Stammgast ist bei Karl-Heinz Schmäke, der in Oberbilk keine Autowerkstatt betreibt, sondern eine Kunstgießerei. Aus den vielen Einzelteilen, oft bis zu 50 und mehr, denen an den Arbeitstischen so energisch zu Leibe gerückt wird, entstehen Kunstwerke, die wie aus einem Guss wirken. Dafür sorgen die Ziseleure.

Die Kunstgießerei Schmäke ist bald 100 Jahre alt und ein Zauberort, hinter dessen Türen und Wände wundersame Dinge geschehen. Handwerk und Kunst sind dort Geschwister, ihre Talente fließen zusammen wie die 1100 Grad heiße Bronze im Schamottblock mit dem Wachs. Wo die Wachsform war, entsteht beim Erkalten ein Werk. Heute hilft beim Anheizen des Ofens der Strom und bei Transporten der Kran, aber ansonsten gilt: Das Gießen ist ein uraltes Verfahren, an dem sich seit Jahrhunderten nichts geändert hat. Sophia, die Göttin der Weisheit, war ursprünglich auch für das Handwerk "zuständig", und dazu passt es, dass Tony Cragg, als er noch Rektor der Kunstakademie war, Karl-Heinz Schmäke zum Professor gemacht hat.

Nun ist er fast 74 und zumindest offiziell als Lehrer im Ruhestand, tatsächlich aber gehen die Studenten aus der Akademie bei ihm nach wie vor ein und aus, wollen lernen und sehen, wie aus Ideen, Entwürfen und Modellen Kunstwerke werden. Heute ist beispielsweise Michael Dekker da, erfolgreicher Absolvent der Kunstakademie. Schutzbrille auf dem Kopf, kontrolliert er mit Mitarbeitern der Gießerei die Abschlussarbeiten an seinem neuesten Werk. Geästartige, verschlungene Gebilde sind zu sehen, feingliedrig gearbeitet. Dekker interessiert sich für das, was Gestalten erst möglich macht, Strukturen in der Erde, gestoßen, verborgen, verformt.

Die Kunst ist hier meist kompliziert, jeder Künstler hat eine andere Vorstellungswelt im Kopf. Der enge Kontakt zu ihnen, das gegenseitige Verständnis, sind für Schmäke das A und O. "Deswegen muss man viel mit ihnen reden", sagt Schmäke. Welcher Wille steckt in diesem Modell, worauf ist zu achten? Tony Cragg etwa ist ein Bildhauer, dessen Werke filigrane Bestandteile prägen und den Kunstgießer beinahe zum Juwelier machen. Viele Einzelteile, feine Nähte. "Wenn die mal nicht ganz gerade sind, muss ich in der Lage sein, mit ihm über Modell und Form zu sprechen, und warum es so ausgekommen ist." Beim Rundgang sagt Schmäke, der sehr bodenständig ist, "dass die Künstler oft auch sehr sensibel sind". Wie Markus Lüpertz etwa, der kreative Furor? Der hat in der Gießerei seit Jahren ein eigenes Atelier. Bunt, chaotisch, auf den Regalen stehen Modelle.

Wenn der Meister mit der Arbeit durch ist, wirft er seine Klamotten auf Tisch oder Boden und geht. Bei Schmäke sitzt er oft stundenlang im Büro und unterhält sich mit ihm. Worüber? "Über alles." Während Cragg und Bert Gerresheim mit vielen Einzelteilen operieren, geht's bei Lüpertz gern rustikal-imposant zu. Da können drei Einzelteile eine Großskulptur werden. "Eine Herausforderung, aber wegen der ganz anderen künstlerischen Methodik auch eine Erholung." In einer der Hallen steht gerade eine riesige Flora-Figur, um die vier Meter hoch, Bestimmungsort China. Lüpertz ist ein enger Freund. Wie viele andere Künstler hat er Schmäke als Dank für seine Leistung Werke geschenkt.

Die Gießerei hat 30 Mitarbeiter. Schmäke ist wie Großvater Gustav und Vater Herbert Kunstgießermeister. Die Lehre als Metall- und Glockengießer haben die meisten im Team absolviert, es gibt Sandformer, Wachsgießer, Ziseleure. Gegossen wird einmal in der Woche. Nachts um drei wird dann der Ofen angestellt. Zunächst werden 600 Kilogramm Bronzebarren eingebracht, um 5 Uhr folgen weitere 200 Kilogramm. Bronze ist eine Legierung, die zu 90 Prozent aus Kupfer und zu zehn Prozent aus Zinn besteht. Vom Tiegel fließt das flüssige Metall in die Einfüllstutzen des Schamottblocks, der die Negativform enthält. Die kann aus Wachs oder Sand sein. Schamott ist eine feuerfeste Masse, die aus Gips und Ziegelmehl besteht. Die Bronze schmilzt bei 1100 Grad. Aluminium bei 700 Grad. Auch damit arbeitet Schmäke, wie sich auf dem verwinkelten Areal zeigt. Der Künstler Josef Rosalia Hein hat in Düsseldorf gerade einen gigantischen silberfarbenen Alu-Fuß gießen lassen. Der besteht aus 53 Teilen, ist zwei Tonnen schwer und wird in Landau in der Pfalz das Wohnprojekt Philosophenpark schmücken. Gold kommt seltener vor, für den Deutschen Sportbund hat Schmäke mehrfach Medaillen für Welt- und Europameisterschaften kreiert. Zinn und Zink kamen in den Ofen, Blei früher auch, "über die Gesundheitsgefährdung hat sich damals niemand Gedanken gemacht".

Früher. Großvater Gustav war Berliner und kam Anfang der zwanziger Jahre nach Oberkassel, arbeitete in der "Düsseldorfer Broncegießerei" und machte sich 1927 selbstständig. Die erste Adresse war der Keller des Atelierhauses am Nordpark, wo er wegen hoher Akzeptanz in der Künstlerschaft einen rasch wachsenden Betrieb aufbaute. Nach dem Krieg belegten die Engländer den Bau. Es ging zum Atelierhaus an der Sittarder Straße und dort in die ehemalige Pumpstation.

1956 verlagerte Vater Herbert den Betrieb schließlich nach Oberbilk. Heute ist mit Kirsten und Stephan Schmäke die vierte Generation in der Geschäftsführung des Familienunternehmens aktiv, und mit dem 18-jährigen Dominik, der gerade die Lehre zum Metall- und Glockengießer macht, ist die Zukunft vorgezeichnet. Der 73-Jährige hat zwei Töchter und fünf Enkel, alle heißen Schmäke, was ihn als "Pater familias" sichtlich zufrieden macht. Die Produktionen der Familie stehen überall in der Welt.

Am 20. März startet eine Ausstellung über die Kunstgießerei im Stadtmuseum. Teile aus Archiv und Bibliothek werden bis Ende Juli zu sehen sein, 200 Exponate, darunter eine Fertigungsstraße, Skulpturen und sonstige Arbeiten, aber auch in Fertigstellung begriffene Kunstwerke. Vieles davon zum Anfassen, was Museumschefin Susanne Anna ziemlich glücklich macht. Sie hat mit ihren Mitarbeitern im Betrieb Foto- und Aktenberge gesichtet, konnte vieles mitnehmen, recherchierte aber auch in mehreren Archiven. "Wir lassen nichts aus", sagt Anna, "auch die NS-Zeit nicht." Nicht gerade das Lieblingsthema des Inhabers, aber er hat nichts gegen dessen Behandlung. Denn natürlich hatten mit dieser Periode auch die Schmäkes zu tun. Bilder vom Vater in Wehrmachtsuniform finden sich in der Fotokiste, auch habe die Kunstgießerei ihre Arbeit im Nationalismus weitergemacht. "Dass da auch mal ein Hitler-Kopf bei war, kann ich nicht ausschließen."

Den jungen Karl-Heinz hat Ende der fünfziger Jahre eine Begegnung beeindruckt: die mit Arno Breker, der einer von Hitlers Lieblingskünstlern war und sich nach dem Krieg in Düsseldorf niederließ. Unter anderem entstand Brekers berühmter Dali-Kopf bei Schmäke. "Breker war sehr anspruchsvoll, hat aber viel mit uns gesprochen, erklärt und Leistung anerkannt." Er habe viel von ihm gelernt und lasse nichts auf ihn kommen. Politisch ist Schmäke eher nicht, aber er stellt politische Forderungen. Dass Düsseldorf seine großen Bildhauer nicht längst mit einem Skulpturen-Walk in der Stadt geehrt hat, hält er für ein großes Versäumnis.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Der Kunstgießer von Düsseldorf

(RP)