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Interview Henrike Tetz Und Ulrich Hennes: "Der Glaube hängt nicht am Gebäude"

Interview Henrike Tetz Und Ulrich Hennes : "Der Glaube hängt nicht am Gebäude"

Die Superintendentin Henrike Tetz und Stadtdechant Ulrich Hennes über rheinischen Humor, die Trauung Homosexueller, Grenzen der Ökumene und den Islam.

Frau Tetz, der Kölner Jürgen Becker hat mit seinem Song "Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin" in der Region seinerzeit einen richtigen Hit gelandet. Hat Sie das damals geärgert?

Tetz Becker ist Kabarettist und Karnevalist. Ich mag den rheinischen Humor. Nicht zufällig haben wir das Reformationsjahr unter den Leitspruch des niederrheinischen Kabarettisten Hans-Dieter Hüsch gestellt: Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. Auch Martin Luther hat sich immer wieder mit der Frage "Wie werde ich froh?" befasst.

Becker schätzt Protestanten offenbar so ein, dass sie verkopft und weniger offen für Sinnliches sind. Passt Katholischsein besser zum Rheinland?

Tetz Wir sollten regionale Mentalitätsunterschiede, wie es sie sicher gibt, nicht mit konfessionellen Unterschieden in einen Topf werfen und beide Ebenen vermischen.

Hennes Diese Medaille hat ja zwei Seiten. Das mit Karneval und der rheinisch-katholischen Leichtigkeit und Feierfreude ist die eine Sache. Aber auf der anderen Seite empfinden viele Menschen die katholische Kirche als streng und denken an die Morallehre, die Ge- und Verbote im Katechismus, die Pflicht sonntags zur Messe und mindestens einmal im Jahr auch zur Beichte zu gehen.

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Frau Tetz, die evangelische Kirche im Rheinland traut seit kurzem homosexuelle Paare, anstatt sie bloß zu segnen. Wie ist Ihre Position?

Tetz Ich stehe voll und ganz dahinter, auch wenn uns noch nicht alle Landeskirchen gefolgt sind. Es gibt keine Hinweise aus der biblischen Überlieferung, die dagegen sprechen, gleichgeschlechtliche Paare auch zu trauen.

Und wann ist es in der katholischen Kirche so weit?

Hennes So weit werden wir nicht gehen.

Warum?

Hennes Weil wir auch weiterhin zwischen einer Segnung und einem Sakrament unterscheiden. Die Liebe Gottes ist bedingungslos, eine Segnung von Menschen ist immer möglich. Wenn ich denke, wen und was die Kirche in der Geschichte schon alles gesegnet hat, ist es eigentlich nicht falsch, zwei Menschen auch gleichen Geschlechts zu segnen, die Verantwortung für einander übernehmen. Trotzdem sind wir da zurückhaltend, weil da oft nicht mehr differenziert wird. Und wir möchten nicht uneindeutig sein.

Und eine Trauung geht nicht?

Hennes Nein, wir respektieren andere Lebensformen und Lebensentwürfe, aber eine Trauung geht da bei uns nicht. Mann und Frau sind vom Schöpfer aufeinander hingeordnet, weil nur aus ihrer Verbindung Nachkommenschaft entstehen kann. Diese besondere Rolle für die Erhaltung der Schöpfung ist untrennbar verbunden mit der Sakramentalität der Ehe. Das können wir von Menschenhand nicht ändern oder aufheben. Wir müssen hier den Widerspruch zu dem, was vielen in den westlichen Gesellschaften als zeitgemäß erscheint, aushalten.

Ist Homosexualität Sünde?

Hennes Nein. Im Katechismus werden allerdings homosexuelle Handlungen noch als sündhaft bezeichnet. Auch da möchte ich vorsichtig sein. Das haben wir nicht zu bewerten und schon gar nicht zu beurteilen. Wenn ich manche Worte von Papst Franziskus und Kardinal Woelki richtig deute, sind zumindest diese beiden dem Katechismus da schon ein Stück voraus. Vor allem, und da halte ich es mit Papst und Kardinal, dürfen wir einen Menschen nicht auf seine sexuelle Orientierung reduzieren.

Einheit wird es also an diesem Punkt nicht geben. Überhaupt hatten sich manche Gläubige zur 500-jährigen Wiederkehr der Reformation mehr Ökumene erwartet. Wo hakt es?

Tetz Der springende Punkt ist das Amtsverständnis.

Ein etwas sperriges Wort. Sie meinen das Priestertum aller Gläubigen...

Tetz Genau. Luther hat es treffend auf den Punkt gebracht: Ist einer getauft, ist er im gleichen Moment auch Priester, Bischof und Papst. Er braucht keine Weihe dafür. Deswegen sind wir auch offen, wenn bei gemischt-konfessionellen Ehepaaren der Katholik an unserem Abendmahl teilnimmt und haben keinen Einwand, wenn ein evangelischer Christ das in der katholischen Kirche so macht.

Hennes Das sehen wir anders. Der Priester ist durch das Weihesakrament bevollmächtigt, die Eucharistie zu feiern. Ohne geweihten Priester keine Eucharistie. Von daher trennt uns schon dieses Verständnis des Amtes und in der Konsequenz dann auch das Verständnis der Eucharistie. Für die Eucharistie gilt dann außerdem: Sie ist das sichtbarste Zeichen einer tatsächlichen Einheit und solange es diese nicht gibt, können wir auch keine Mahlgemeinschaft haben.

Den Schmerz der Betroffenen verstehen sie aber schon.

Hennes Das tue ich. Und ich erwarte auch nicht, dass ein gemischt-konfessionelles Ehepaar am Sonntag in zwei verschiedene Kirchen geht.

Tetz Auch mich schmerzt es, bei Gottesdiensten in katholischen Kirchen in der Bank sitzen bleiben zu müssen. Aber ich respektiere natürlich die Regeln der anderen.

"Die Regeln der anderen" ist ein gutes Stichwort. Offensichtlich fällt das bestimmten Richtungen im Islam sehr schwer.

Hennes Was den Anspruch von Wahrheit angeht, müssen wir Christen uns nicht verstecken. Das gehört sehr klar zu unserem Selbstverständnis. Und zwar in Treue zu Jesus Christus selbst. Der Wahrheitsanspruch allein führt noch nicht zur Radikalisierung und zur Intoleranz. Wer jedoch die Wahrheit nicht in Respekt und Liebe gegenüber dem andern verkündet, ist in Gefahr, intolerant zu werden. Das gilt dann auch für alle Religionen.

Was meinen Sie: Gehört der Islam zu Deutschland?

Hennes Nein. Gehört er als solches erst einmal nicht. Anders sieht das aus, wenn wir über Menschen reden, die sich diesem Glauben zugehörig fühlen und hier bei uns leben und das zum Teil schon seit vielen Jahren oder Jahrzehnten.

Tetz Ich würde die Sorgen beim Thema Islam nicht primär an der Religion festmachen. Schauen Sie nach Belgien und Frankreich: In aller Regel radikalisieren sich dort junge Menschen, die in dieser Gesellschaft nicht vorkommen, die das Gefühl haben, keine Wertschätzung zu erfahren. Hier setzen radikale Akteure mit ihrer Botschaft an: Der Islam ist deine Gruppe, hier wirst du anerkannt, hier findest du deine Identität.

Die Zahl der kirchlich Aktiven sinkt, Gemeinden fusionieren, es gibt Sparprogramme, Gottesdienst-Zeiten werden geändert und abgespeckt. Oft sind es die treuesten Schafe, die sich nicht mehr beheimatet fühlen.

Tetz Wir kommen nicht umhin, uns auf Standorte zu konzentrieren, wo auch in Zukunft geistliches Leben und Gemeinschaft erfahren werden.

Hennes Wir haben das zuletzt bei der Schließung von St. Anna erlebt. Ich teile allerdings diese Emotionalität beim Thema Gebäude nicht. Die Kirchen meiner Erst-Kommunion und Firmung stehen nicht mehr. Doch Gott begegne ich trotzdem ständig neu.

DAS GESPRÄCH MIT HENRIKE TETZ UND ULRICH HENNES FÜHRTE JÖRG JANSSEN.

(RP)