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Der Düsseldorfer Davinder Singh will die Grenzen zwischen Arm und Reich durchlässiger machen

Soziales Projekt in Düsseldorf : Davinder Singh will die Grenzen zwischen Arm und Reich durchlässiger machen

Der Düsseldorfer Davinder Singh steht seit Juni an der Spitze einer Institution, die Barrieren zwischen Arm und Reich abbauen will. Wie der 71-Jährige die Risiken der aktuellen Krise bewertet.

Davinder Singh macht sich Sorgen: Um den sozialen Kitt in der Gesellschaft, um das tolerante Miteinander und um die Würde jener Düsseldorfer, die jeden Euro dreimal umdrehen müssen, bevor sie ihn ausgeben. Der 71-Jährige weiß, worüber er spricht. Denn die Menschen, denen explodierende Energie- und Lebensmittelkosten schlaflose Nächte bereiten, trifft er täglich.

In einer Lokalität in Unterbilk, deren Name Programm ist. „Grenzenlos“ heißt der Ort an der Kronprinzenstraße, an dem Grenzen zwischen denen, die kaum etwas haben und jenen, die über ein normales Einkommen verfügen, aufgehoben werden sollen. Und an dem die Grenzen, die häufig immer noch durch Religion und soziale Herkunft definiert werden, in den Hintergrund rücken.

2,50 Euro zahlen diejenigen mit geringem Einkommen, fünf Euro die anderen für eine Mahlzeit in einem einladenden Ambiente. Dass auch Ärmere ins Portemonnaie greifen müssen, gehört zum Konzept. „Reine Almosen lehnen wir ab, sie nehmen Menschen rasch Selbstachtung und Würde“, sagt Singh.

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An diesem Tag können die Gäste zwischen einem Schweine-Holzfäller-Steak mit Reis und Zwiebeln und einer vegetarischen Alternative mit Rosenkohl, Reis, Ei und Dipp wählen. Zum Nachtisch gibt es jeweils Joghurt mit Honig. Die Atmosphäre ist ansprechend. Und die Nachfrage steigt.

Inzwischen kommen an den meisten Tagen deutlich mehr als 100 Menschen. „Im Durchschnitt der letzten Monate waren es 95 am Tag“, sagt Singh. 85 Prozent von ihnen  zahlen den günstigen Preis. Die Menschen aus dieser Gruppe leben meist von Arbeilslosengeld II oder von einer Erwerbsminderungs- beziehungsweise Altersrente, mit der sie nur mühsam klarkommen. „Noch können wir jedem, der ein bisschen Geduld mitbringt, eine Mahlzeit anbieten – vor Ort oder zum Mitnehmen“, sagt Grenzenlos-Geschäftfsführer  Jörg Thomas.

Allerdings steige der Bedarf langsam, aber kontinuierlich an. Und die früher üblichen Zulieferungen durch die Tafel gebe es auch nicht mehr. Thomas, der Diplom-Sozialarbeiter ist, hilft den Gästen bei den Herausforderungen des Alltags. Dabei geht es immer wieder auch um Anträge, bei denen Fristen eingehalten werden müssen. „Wir schicken das am liebsten per Fax, weil wir – anders als beim normalen Postweg – dann über einen förmlichen Sendenachweis verfügen“, meint Thomas.

Im Juni übernahm Singh nach dem Tod von Walter Scheffler die Führung des Grenzenlos, das sich als Verein organisiert. Ein Ehrenamt, das den studierten Maschinenbauer und späteren Lehrer am Franz-Jürgens-Berufskolleg, fordert. „Es ist nah dran an einem Vollzeitjob, aber soziales Engagement ist für mich eine Leidenschaft und meine Frau trägt das mit“, sagt der Pensionär, der bereits seit 1998 zur Mannschaft des Grenzenlos gehört.

Eine Leidenschaft, die durchaus biografische Züge enthält. 1972 landete Singh eher zufällig in Deutschland. „Ich besuchte einen Freund, der in Freiburg studierte.“  Die dortige Ausländerbehörde gab ihm dann den entscheidenden Tipp: Wolle er länger bleiben, gehe das nur, wenn er eine Berufsausbildung mache und abschließe. „Meine Eltern wollten, dass ich zurückkomme, aber ich war in jungen Jahren manchmal dickköpfig und hab mich durchgesetzt“, sagt er.

Nach der Lehre in einem Betrieb für besondere Pumpen wechselte der junge Zuwanderer nach Düsseldorf. Kein Zufall, denn Singh ging es um Bildungschancen und Bildungsaufstieg. „Ich kam, weil ich in Nordrhein-Westfalen anders als im Südwesten über den zweiten Bildungsweg die Fachhochschulreife erwerben und hier später an der Gesamthochschule in Duisburg ein Maschinenbau-Studium mit voll-akademischem Diplom absolvieren konnte.“

Dass Johannes Rau mitverantwortlich war für diese Öffnung, beeindruckte Singh. Und blieb nicht ohne Folgen. 1979 trat der Student, der als Ausländer keinen Anspruch auf Bafög hatte und sich sein Studium selbst verdienen musste, in die SPD ein. „Chancengleichheit, Bildung und eine Offenheit für die besonderen Belange der Zugewanderten haben mich als Programm überzeugt“, sagt Singh. Später saß er in der Bezirksvertretung 1, lernte dort Ulrike, die Frau von Walter Scheffler, kennen. „Als er mich fragte, ob ich bei seinem Projekt mitmache, habe ich nicht lange gezögert.“

Dass das Grenzenlos in der Stadtgesellschaft auf viel Sympathie trifft, weiß der neue Vorstandschef. Im Beirat des Vereins sitzen viele prominente Düsseldorfer aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen. Und das Sommerfest des Vereins zählt zu den Höhepunkten im Unterbilker Jahreskalender. Sorgen macht er sich trotzdem.

Fast 60.000 Euro (22,5 Prozent des Budgets) pro Jahr flossen bislang in den Kauf der Lebensmittel, fast 45.000 Euro (knapp 17 Prozent) waren es für die Betriebskosten. Gekocht und geheizt wird mit Gas. „Die Vorauszahlung wurde jetzt von 700 auf 1500 Euro erhöht und auch die Waren werden von Monat zu Monat teurer“, sagt Singh.

Gemeinsam mit Thomas hofft er auf die Spendenbereitschaft der Düsseldorfer. Zuletzt machten die mit 62.500 gut ein Viertel der Einnahmen aus. „Wir hoffen, dass diese Bereitschaft nicht nachlässt, sondern gerade wegen der Krise noch ein wenig wächst“, sagt der neue Grenzenlos-Chef.