Serie Düsseldorfer Geschichte(n): Der Bruder der Obdachlosen

Serie Düsseldorfer Geschichte(n): Der Bruder der Obdachlosen

Matthäus Werner geht in den Ruhestand. Mit ihm verlässt der Orden der Armen Brüder Düsseldorf. Eine Stiftung setzt ihre Arbeit fort.

"Der Weg zu Gott kann niemals am Menschen vorbeiführen." (Franz von Assisi)

Bruder Matthäus Werner zieht in Düsseldorf die Tür hinter sich zu. Mehr als 50 Jahre lebte der Ordensmann in der Kommunität am Rather Broich. Foto: Hans-Jürgen Bauer

Matthäus Werner wendet den Kopf und schaut auf ein großes Wandbildnis. Es zeigt den heiligen Franziskus beim Sonnengesang. Die Hymne auf Gottes gute Schöpfung ist der wohl bekannteste Text des frommen Mannes aus Assisi. Entstanden ist er vor knapp 800 Jahren, als Franziskus krank in einer Hütte bei San Damiano darniederlag.

Bürgermeisterin Klaudia Zepuntke mit Matthäus (l.) und Wendelin beim Abschied in der Kapelle. Foto: Jörg Janßen

"Das Leben dieses Mannes beeindruckt mich bis heute", sagt Werner und berührt dabei den weißen Strick, der an seinem braunen Ordenshabit hängt. Nachhaltig muss dieser Eindruck gewesen sein. Denn der in Oberkassel und Düsseltal Aufgewachsene entschied sich früh für ein Leben, das vor allem ein Ziel hatte: Menschen in Not zu helfen. 20 Jahre jung war er, als er 1964 in den Orden der Armen Brüder des Heiligen Franziskus eintrat, einer kleineren, in Aachen beheimateten franziskanischen Gemeinschaft. Bereits zwei Jahre später kam er an den Rather Broich. Gestern nahmen er und sein Mitbruder Wendelin Wittling (76) Abschied. Nach fast 86 Jahren wurde die Rather Kommunität geschlossen. Ihren Lebensabend werden die beiden im Aachener Mutterhaus verbringen. Es ist der fünfte Orden, der seit der Jahrtausendwende Düsseldorf mangels Nachwuchs verlassen hat. 14 Gemeinschaften gibt es noch.

"Mein Leben ist Diakonie durch Zuwendung und Tat, und nicht so sehr durch das Wort", sagt der 74-jährige Matthäus. Wie er diese Selbsteinschätzung in konkretes Handeln überführt hat, darf man wohl ein Lebenswerk nennen. "Eine Ära und ein Stück Düsseldorfer Sozialgeschichte", so beschrieb es gestern der Kölner Weihbischof Ansgar Puff bei einer bewegenden Messe zum Abschied. Im Zentrum dieses Werks stehen die Obdachlosen der Stadt. Menschen mit gebrochenen Biografien, denen Bruder Matthäus Wohnung und Würde verschaffte. Ein Werk, das untrennbar mit den Unterkünften am Rather Broich verbunden ist, mit deren Verwaltung die Armen Brüder 1932 von der Caritas beauftragt wurden.

Ein Engagement, das Bruder Matthäus als dem weithin wahrnehmbaren Kopf der Gemeinschaft den Düsseldorfer Friedenspreis, die Auszeichnung "Düsseldorfer des Jahres", das Bundesverdienstkreuz und einen Besuch von Richard von Weizsäcker einbrachte. Das lag vor allem an dem seit Mitte der 1990er Jahre gemeinsam mit dem Journalisten Hubert Ostendorf betriebenen Aufbau der Obdachlosenzeitschrift Fiftyfifty, ein Projekt, das weit in die Stadtgesellschaft hinein strahlte. Eine Erfolgsgeschichte, mit der die Armen Brüder eigentlich ungetrübt in den Ruhestand nach Aachen hätten gehen können. Doch zur ganzen Geschichte gehört auch das Schicksalsjahr 2013. Damals verlor der Orden Geld. Sehr viel Geld. Mehr als sieben Millionen Euro. Geld, das auch mit Hilfe des Verkaufs der Obdachlosenzeitung Fiftyfifty zusammengekommen war. Und das die Brüder bei der später insolventen Anlagegesellschaft Infinus in der Hoffnung auf hohe Renditen angelegt hatten. Mit den erhofften Erträgen wollten die Brüder ihr Lebenswerk sichern und weitere ambitionierte Projekte auf den Weg bringen. Doch was am Ende blieb, war ein Debakel, das Vertrauen erschütterte, Freundschaften - darunter die zu Hubert Ostendorf - zerbrechen ließ. "Ich hätte mehr kontrollieren müssen, das habe ich nicht getan. Im Rückblick war das sicher falsch", sagt Werner, der sich beim Thema Geldanlage auf den später entlassenen Geschäftsführer der Sozialwerke verlassen hatte. Dass ausgerechnet die "Armen Brüder" Millionenbeträge verloren, sorgt bis heute für Erstaunen, bisweilen auch für Spott und Häme hinter vorgehaltener Hand. "Wer 400 Wohnungslose und fast 200 Senioren betreut und berät, ihnen Wohnprojekte und Notunterkünfte anbietet, muss dafür größere Summen Geld in die Hand nehmen", beschreibt Bruder Matthäus das eigentlich Selbstverständliche, das plötzlich nicht mehr selbstverständlich war. Hat das Lebenswerk der Brüder irreparablen Schaden genommen? "Ich glaube und hoffe es nicht", sagt Bruder Matthäus.

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Für seinen Optimismus ist der Verein Franzfreunde verantwortlich, der dabei ist die franziskanische Stiftung Johannes Höver zu gründen und sämtliche Projekte fortführen will. "Abläufe und Kontrollmechanismen werden sehr professionell sein. Was uns damals passiert ist, wird sich nicht mehr wiederholen", sagt Bruder Matthäus. Eine Einschätzung, die wohl die meisten der etwa 150 Gäste, die gestern zum Rather Broich kamen, teilen. Wie Weihbischof Puff und Bürgermeisterin Klaudia Zepuntke sparten sie das heikle Thema in ihren Reden aus. Nur der neue Vorstandsvorsitzende der Franzfreunde Dirk Buttler sprach die aufwühlenden Ereignisse kurz an. Er würdigte Werners Engagement in der Krise, "die wir Ende letzten Jahres überwunden haben". Dass der humorvolle Mann, der sein ganzes Leben in Düsseldorf verbrachte, seine Heimat mit 74 Jahren verlässt, ist für ihn "wirklich nicht einfach". Aber er sieht es als notwendig an. Aus Solidarität mit den in Aachen ansässigen Mitbrüdern. Und weil sich ein klarer Schnitt beim Sozialwerk für ihn "richtig anfühlt".

Sein Weg als ein Mann Gottes war dem als Michael Werner geborenen Jungen nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Denn seine Eltern waren zwar katholisch. "Aber ganz besonders fromm oder gar klerikal waren sie nicht", erinnert sich Matthäus. Es waren Menschen außerhalb der Familie, zu der auch sein Bruder zählt, die ihn zu einer Vertiefung seiner Gottesbeziehung anregten. "Josef Helfmeyer war damals Kaplan in St. Paulus, ein toller Seelsorger, der prägend für mich war", erinnert sich der Ordensmann. "Alles Kirchliche hat mich früh fasziniert, genauso wie die Grundidee, es Jesus gleich zu tun", sagt der 74-Jährige. Schon bald gehörten Lektoren-Dienste in St. Paulus zum Alltag des Heranwachsenden. "Um sieben Uhr morgens ging ich in die Heilige Messe und von dort direkt zum Unterricht in das Geschwister-Scholl-Gymnasium", erinnert er sich. Mit 14 und 15 besuchte er eine Benediktiner-Abtei in Belgien. Doch der Funke wollte nicht überspringen. Über den damaligen Pastor an St. Paulus, Otto Gatzen, kam Werner mit den Armen Brüdern in Kontakt. Ihre praktische Sozialarbeit faszinierte ihn. Als er Mitte der 1960er Jahre eintrat, lebten im Düsseldorfer Konvent noch 18 Brüder. Dass sie jetzt deutschlandweit zu viert sind, macht Matthäus nachdenklich. "Es war halt eine andere Zeit", sagt der 74-Jährige, der von 1967 bis 1971 Sozialarbeit an der Fachhochschule in Essen studierte und in dieser Zeit das Ewige Gelübde ("Profess") ablegte. Hinterfragt hat er die Entscheidung, ein Leben in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam zu führen, damals nicht. "Ich habe nicht nach links oder rechts geschaut, auch nicht an ein Leben mit einer Frau oder die Gründung einer Familie gedacht, sondern bin einfach meiner Berufung gefolgt."

Im rheinisch-katholischen Milieu der 1950er und 1960er Jahre war das nichts Ungewöhnliches. Aber warum ist es ein halbes Jahrhundert später nicht mehr attraktiv, in eine Ordensgemeinschaft einzutreten? "Es gibt inzwischen eine Vielzahl konkurrierender Sinnangebote und einen ungebrochenen Trend zur Säkularisierung. Konsum und Karriere sind für viele Menschen identitätsstiftend, für Kirchliches bleibt in der weiter wachsenden Alltagshektik immer weniger Zeit", sagt der Ordensmann. Wer heute mit Menschen über Erlösung sprechen wolle, werde häufig gefragt: "Von was soll ich denn erlöst werden?"

Von denen, die mehr mit diesem Begriff anfangen können, hat Bruder Matthäus in den letzten Jahrzehnten viele kennengelernt. Menschen, die am Leben verzweifelten, die nicht so funktionieren konnten, wie es die Leistungsgesellschaft erwartet. Über den Glauben gesprochen hat er mit ihnen eher selten. Wichtiger war ihm, ihr Leben zu ändern, ihnen neue Perspektiven zu eröffnen, sie von der Straße zu holen. Tätige Nächstenliebe war das. Nah dran am Wort Jesu: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

(jj)