Der Autor und Schriftsteller Dieter Forte lebte in Düsseldorf Oberbilk.

Dieter Forte gestorben : Oberbilk war der Kosmos seiner Kindheit

Der jetzt verstorbene Schriftsteller Dieter Forte ist in Oberbilk groß geworden und hat als Junge dort den Krieg erlebt.

„Oberbilk war die Welt. Der einzige Ort, an dem man sich sicher fühlen konnte. Eine Republik mit eigenen Gesetzen, eine Gemeinschaft, deren oberstes Gebot Toleranz war.“ So beschrieb Dieter Forte, Autor von Weltformat, den Kosmos seiner Kindheit. Sein Monumentalwerk „Das Haus auf meinen Schultern“ ist alles zugleich: Chronik einer Höllenfahrt, aber vor allem Liebeserklärung an einen Ort und seine Menschen, die selbst den bitteren Momenten des Lebens noch ein Lächeln abringen - und die sich an der Erkenntnis aufrichten: „So is nun mal dat Leve. Mach wat dran.“

Er wurde 1935 im Josefshospital geboren. Am Oberbilker Markt hat er gespielt, hat im Krieg die brennende Kruppstraße erlebt. Dieter Forte ist immer wieder zurückgekehrt nach Oberbilk, hat dort seine Mutter besucht und ist im Pfarrarchiv von St. Josef auf Spurensuche gegangen. Denn diese Kindheit in Düsseldorf, die Geschichten aus seinem Viertel, die skurrilen Typen (wie der „gute Hermann“, der zur Beerdigung seines Vaters nicht nur im Stresemann erscheint, sondern „zur Erhöhung seiner Reputation“ sämtliche Karnevalsorden anlegt) - all das verdichtete sich zum Nährboden für seinen Roman. Diese wunderbare Geschichte von italienischen Seidenwebern und polnischen Bergarbeitern, die sich in Düsseldorf treffen, Nazi-Gräuel, Bombennächte und Nachkriegszeit erleben, hat viel von seiner eigenen Familien-Biografie.

Und so überlagern sich die Orte: In St. Josef, gleich um die Ecke der Oberbilker Allee (“die Kö der Arbeiter“) traten Fortes Eltern vor den Altar, dort wurde auch im Roman geheiratet. Hermann-Josef Schmitz, früherer Pfarrer der Gemeinde, findet es „ganz großartig“, wie Dieter Forte dieses Milieu schilderte: „Nun war die Josefskirche keine normale Pfarre, sie entstammte diesem Milieu und hatte sich ihm angepasst. Rom war weit weg, der Kardinal in Köln verirrte sich nicht in diese Gegend. Und so legte man die kirchlichen Vorschriften nach dem gesunden Menschenverstand aus.“ Pfarrer Schmitz vergleicht das Werk mit den „Buddenbrocks“ von Thomas Mann und kann bis heute nicht verstehen, „dass in Düsseldorf so wenig Notiz genommen wurde von diesem Meisterwerk.“

Ein Buch, das die Sinne reizt und die Seele wärmt. Da schildert Forte einen heißen Sonntag auf der Grafenberger Rennbahn und die schweißglänzenden Pferde, die dem Ziel entgegendonnern. Wie sich die Schwimmer im Oberkasseler Strandbad vergnügen, und im Hofgarten herausgeputzte  Bürger Schach spielen.  „Das Vergnügen war allseits ungetrübt. Irgendjemand erzählte auf einer Wiese liegend, dass irgendwo auf dem Balkan irgendein Thronfolger erschossen worden sei. Die etwas verworrene Geschichte interessierte keinen. Man bereitete sich auf das Ende Juli stattfindende Schützenfest vor, Hauptereignis des Düsseldorfer Sommers.“

Im zweiten Band der Trilogie verändert sich das Leben, erst verschwinden Bücher aus der Bibliothek, später verschwinden Menschen. „Opa Winter war Jude, ein kleiner, weißhaariger, immer höflicher und hilfsbereiter Mann.“ Er wurde jahrelang von den Oberbilkern versteckt und ernährt. Aber dann fanden ihn die Nazis doch und erhängten ihn, zwei Tage, bevor die Amerikaner einmarschierten. „Ich bin ein Volksverräter“ stand auf dem Schild um seinen Hals - im Roman und in der Realität. Die Geschichte ist bekannt, aber bei Forte lesen wir sie mit neuem Entsetzen.

Vielleicht auch, weil die Orte uns so vertraut sind. Die Roman-Maria kauft ihren Spargel in Niederkassel und zündet Kerzen an im Stoffeler Kappelchen. Die Josefskirche wird bei einem Bombenangriff total zerstört, der Pastor von einem Artilleriegeschoss tödlich getroffen. Der Volksgarten wird zum Versteck für viele Gesuchte und für manche zur tödlichen Falle. Auf dem Rathausplatz teilt 1938 Sankt Martin den Mantel, und die Kinder gehen über einen Teppich aus Glasscherben, vorbei an den verkohlten Balken der Synagoge. Und dabei schuf Dieter Forte unvergessliche Charaktere wie den Leihbuchhändler Simon, dem die braunen Horden die Bücher aus den Regalen reißen. Aber Simon hat alle Bücher im Kopf, und so erzählt er vier Wochen lang Balszacs „Verlorene Illusionen“ in der Mittagspause.

Auch wenn Düsseldorf den Autor lange missachtet hat, Dieter Forte schätzte die Stadt auch in seinen späteren Jahren. In einem Gespräch sagte er mal: „Düsseldorf ist eine sich ständig wandelnde Stadt, die sich trotzdem immer treu geblieben ist.“ An ihren Bewohnern schätzte er „die Genauigkeit des Denkens und das rasche Erfassen von Dingen.“ Außerdem: „Nirgendwo sonst schließt man so schnell Kontakt. Da steht man eine Stunde in der Kneipe und hört drei Lebensläufe.“

Die Nachricht, dass Dieter Forte Ostern in Basel gestorben ist, hat Pfarrer Schmitz, der heute im Ruhestand in Neuss lebt, „mit großer Traurigkeit“ aufgenommen. Er berichtete gestern, dass er dem Autor auf dessen Wunsch mal ein Foto der Madonna von St. Josef geschickt hat, „das wollte er auf seinen Schreibtisch stellen“. Der Pfarrer begann gleich noch mal in seinen Lieblingsbüchern zu blättern. Und konnte dabei Sätze wie diesen lesen: „Die Erinnerung ist wichtig, um weiterleben zu können. Denn die Erinnerung sagt einem, dass es einmal anders war und dass es daher auch wieder anders werden kann.“

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