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Primo Lopez: Der Altstadt-König aus Spanien

Primo Lopez : Der Altstadt-König aus Spanien

Düsseldorf hat nicht nur die längste Theke der Welt, sondern in der Altstadt vermutlich auch die höchste Konzentration spanischer Restaurants außerhalb des iberischen Königreichs. Verantwortlich für den Paella-Boom ist ein Einwanderer aus Galicien: Primo Lopez.

Es herrscht Ruhe dort droben unter dem wagengroßen Ziffernblatt an der Seitenwand des dreistöckigen Gebäudes. Die Klappe ist zu. Der Holzverschlag öffnet sich nur fünf Mal am Tag zu einem Schau- und Glockenspiel. Es fehlt noch eine halbe Stunde bis zur letzten Vorstellung um 21 Uhr. Dann fährt ein spindeldürres Männchen im Schneidersitz heraus. In einer Nische an der Front desselben Hauses preist eine Metalltafel die "weltberühmte Romanfigur des Düsseldorfer Heimatdichters Hans Müller-Schlösser". Ein in eiserne Buchstaben gegossener Schüttelreim fordert die Passanten vor einer abgegriffenen Skulptur auf: "Streichel den Wibbel ein Stück und du wirst sehen, es bringt Glück." "Schneider-Wibbel-Stuben" verkündet die Leuchtschrift im Herzen der Düsseldorfer Altstadt. Alles in allem betrachtet: Ein echtes rheinisches Szenarium in der NRW-Landeshauptstadt? Denkste!

"El Gitano" heißt das Lokal gleich neben dem Wibbel-Haus. Unter einer roten Markise hauchen drei peruanische Straßensänger "Bésame, bésame mucho" zur Gitarre. Teelichter flimmern, Heizstrahler machen den Aufenthalt auf den mit rotweißen Kissen belegten Plastikstühlen auch im Herbst noch erträglich. Alfonso, 53, der Oberkellner aus Toledo, serviert Paella Valenciana und die Zarzuela, eine kräftige Fischsuppe. Gegenüber, auf der anderen Seite der schmalen Straße, tischen die Kollegen im "El Flamenco" chuletas de cordero, Lammkoteletts, für 13,50 Euro auf. "Warren gutt zufrieden?", fragt ein Mitarbeiter seine Gäste.

"Gutt zufrieden?"

Altstadt olé! Wohl nirgendwo in Deutschland strotzt eine gastronomische Meile vor solch einer Konzentration spanischer Lokale wie in Düsseldorf, an der propagierten "längsten Theke der Welt". Wer dort in die Hauptschlagader des obergärigen Bieres, in die Bolkerstraße, einbiegt, landet nach dem Passieren von zwei Hausbrauereien, Steakhäusern und Bayernschwemme vor dem Restaurant "Alegria". Ein Haus weiter im "Café Madrid". Um die Ecke herum im "Las Tapas" oder im "Meson Picasso". In Richtung Rathaus wahlweise im "El Rancho", im "Santiago" oder im "Steakhaus Lazo". Und am Ende der urig-bierselig klingenden Schneider-Wibbel-Gasse folgt "El Amigo".

Begründet hat Lopez, 51 Jahre alt, 165 Zentimeter groß, Schnauzbart, Fliegengewicht, sein Imperium vor 25 Jahren. Am 5. September 1980 eröffnete der damalige Kellner der "Heinrich-Heine-Stuben" (neben Ex-"Hühner-Hugo") in einem bankrotten italienischen Nobelrestaurant sein "El Amigo". Der Senkrechtstarter erinnert sich: "Lachsforelle, gefüllt mit Mandeln und Speck, das war der Renner." Die erste Steuererklärung war noch nicht unterschrieben, da hatte Lopez schon das Nachbarlokal übernommen. "Von da an hab' ich jedes Jahr ein Ding gemacht", sagt der Arbeitswütige, der bis nach Mitternacht zwischen seinen Lokalen pendelt, im Schnitt 1000 Gäste täglich bewirtet und mehr als 200 Mitarbeiter auf Trab hält.

Der Mann aus Galicien hat das Bild der Altbier-Altstadt mit südländischem Flair verändert. Er serviert Mejillones (Muscheln) statt Mettbrötchen, Boquerones en vinagre (Sardellen in Essig) statt Bratwurst, vino tinto statt dunklem Gerstensaft. Bei ihm gibt‘s Seezungenfilet auf Spinat für 15,50 Euro, Paella für 24,60 und Tapas ab vier Euro. Er bringe ein Stück sonnigen Urlaub in die Kneipenszene zwischen Burg- und Grabbeplatz, sagt der quirlige Spanier. Das versuchen andere, mit rustikalerer Rezeptur, auch: Schräg gegenüber vom "Café Madrid" dröhnt "Ballermann 6".

Gambas und Sangria in der Altstadtmeile

Die gestandene Düsseldorfer Altstadt-Gastronomie nimmt Lokalmatador Lopez gelassen. "Wir sind multikulturell", betont Peter König, Chef der Hausbrauerei "Im Füchschen" in der szenigen Ratinger Straße. Und Engelbert Oxenfort, Senior-Chef im Traditionsweinhaus "Tante Anna", knapp 15 Jahre lang Sprecher der Altstadtwirte, kommentiert: "Tapas sind nicht tragisch." Als schlimm fürs Geschäft der rund 280 Lokale und schädigend für das touristische Ansehen empfinden die beiden Düsseldorfer Wirte den ansteigenden Wildwuchs von Kiosken. Vor denen verstreuen grölende Jugendliche ihren Alkoholika-Müll.

Wie reagieren die Besucher, wenn sie in einer rheinischen Altstadtmeile zuhauf auf Gambas und Sangria treffen? Angenehm sei das Ambiente in den spanischen Lokalen, antworten zwei Düsseldorferinnen, Anfang 50, unter den prächtig polierten Decken-Ventilatoren im "Café Madrid". Aber, die Größe des Imperiums betreffend, meinen sie: "Nun reicht es auch." Pulpo statt Pfannekuchen empfinden eine Münchnerin und ihr Freundeskreis im "Las Tapas" als appetitliche Abwechslung bei ihrem Kurzaufenthalt. Dänische Messe-Aussteller berichten, sie hätten eigentlich ein griechisches Restaurant gesucht, nun seien sie beim Spanier gelandet. Dienstags Altbier im Brauhaus, donnerstags Rioja-Vino an der Bar, das empfinden junge Geschäftsreisende aus Norddeutschland schlichtweg als "super".

Der Mann, der diese Mischung vor einem Vierteljahrhundert angerührt hat, ist auch auf den rheinischen Geschmack gekommen. In seinem Lieblingslokal "Santiago" hat er jüngst echt Bodenständiges in die Spanienkarte aufgenommen. Unter der Position 60 findet sich da "Schweinshaxe aus dem Ofen" für 9,80 Euro. Mit Krautsalat.

(Rheinische Post/dto)