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Düsseldorf: Deiche sollen baumfrei werden

Düsseldorf : Deiche sollen baumfrei werden

Die enormen Schäden nach dem Pfingstorkan Ela haben Konsequenzen. Hochwasser-Experten und Grün-Dezernentin arbeiten an einem Konzept, wie die Deiche der Landeshauptstadt baumfrei werden können. Ein Generationen-Projekt.

Deichgräf Claus-Henning Rolfs steht auf dem Lohauser Deich und blickt in ein tiefes Loch. Gleich daneben liegt eine riesige Wurzel. "Mehr als 30 Pappeln, Ahorne, Linden und Platanen hat Pfingstorkan Ela allein auf den Düsseldorfer Deichen entwurzelt. Weitere zehn haben die Böen so stark beschädigt, dass sie mitsamt Wurzel in den kommenden Wochen entfernt werden müssen", sagt der technische Leiter der Stadtentwässerungsbetriebe. Für die Experten in Sachen Hochwasserschutz sind die tiefen Löcher, die das komplexe Bauwerk unter anderem in Volmerswerth, Kaiserswerth und Lohausen aufweist, eine Denksportaufgabe. "Im Winterhalbjahr hätte ein extremes Hochwasser den löchrigen und brüchigen Deich im schlimmsten Fall überwinden und rheinnahe Stadtteile fluten können", sagt Rolfs. Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: "Bäume haben auf einem Deich nichts zu suchen."

Die Zukunft: So wird der gleiche Deichabschnitt in Zukunft aussehen. Die Bäume weichen dem Hochwasserschutz. Wann es soweit ist, entscheiden Gutachter. Foto: Andreas Endermann

Neu ist diese Erkenntnis nicht. Die Vorgaben der für den Hochwasserschutz mitverantwortlichen Bezirksregierung sind in diesem Punkt eindeutig. Doch erst jetzt ist klar: Die strengen Regeln dienen nicht nur einer eher theoretischen, im Promillebereich angesiedelten Risiko-Minimierung. Sie helfen, im Ernstfall Leben und Eigentum Tausender Düsseldorfer zu schützen.

"Es droht ein Großschadensereignis. Die Düsseldorfer Deich-Bäume können deshalb langfristig nicht bleiben", sagt auch Helga Stulgies, die sich als Spitzenbeamtin im Rathaus unter anderem um den Baumbestand kümmert. Aspekte des Landschaftsschutzes müssten hinter einen lückenlosen Hochwasserschutz zurücktreten.

Eine konkrete Zeitachse für die Baumfällungen gibt es freilich noch nicht. Ein eigens engagierter Gutachter wird in den kommenden Monaten das genaue Konzept erarbeiten und Vorschläge machen, wann in welchem Abschnitt die rund 800 Düsseldorfer Deich-Bäume fallen. "Es ist nunmal ein langfristiges Projekt", sagt Rolfs. Eine Generation, also mindestens 25 Jahre werde es dauern, bis die rund 40 Deichkilometer im Düsseldorfer Stadtgebiet vollständig baumfrei seien.

Für die Düsseldorfer bedeutet das trotzdem: Sie müssen sich - Schritt für Schritt - von einem liebgewordenen Landschaftsbild verabschieden, von Jogging-Runden und Radtouren auf dem Deich unter schattenspendenden Platanen oder Pappeln. "Die meisten Bürger kennen das nur so. Aber wirklich historisch ist dieses Landschaftsbild nicht", sagt Wasserbau-Experte Kristian Lütz. Tatsächlich seien vor allem die Pappeln erst nach dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt worden, um sie als Brennholz zu nutzen oder aus ihnen Zündhölzer oder Holzschuhe zu machen. "Der Brennwert ist nicht gut, und Holzschuhe trägt kaum noch jemand. Die wirtschaftliche Verwertung rückte immer mehr in den Hintergrund, heute erfreuen die Bäume nur noch die Spaziergänger", sagt Lütz.

Dem Konzept "Deich ohne Bäume" kommt diese Vorgeschichte nun entgegen. Denn einige der nach dem Krieg gepflanzten Arten haben mit rund 70 Lebensjahren inzwischen ein Alter erreicht, in dem sie nicht mehr standfest sind. "Unabhängig von Ela hätten wir viele Exemplare in nächster Zeit fällen müssen", sagt Rolfs.

Und noch etwas spielt dem Deichgräf und seinem Team in die Hände. Das Land NRW möchte gerne die Deichsanierungen bis 2025 abschließen. "Im August geht es in Wittlaer los. Dann folgt das Planfeststellungsverfahren für Himmelgeist. Die Sanierungsarbeiten können wir nutzen, um den Deich baumfrei zu machen", meint Rolfs.

Größere Proteste aus der Bürgerschaft befürchten die Experten nicht. "Für jeden verlorenen DeichBaum werden wir an einem anderen Ort im Stadtgebiet ein Ersatzexemplar pflanzen", sagt Stulgies. Auch Deichgräf Rolfs ist optimistisch: "Die Bürger werden diese Grundsatzentscheidung nachvollziehen."

(RP)