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Jahresrückblick in der Landeshauptstadt: Das war das Jahr 2011

Jahresrückblick in der Landeshauptstadt : Das war das Jahr 2011

Wer am Ende des Jahres 2011 zurück blickt, der fragt sich: Was war das herausragende Ereignis? Was fällt mir spontan ein, und was kann ich zeitlich korrekt einordnen? Für einige wird es womöglich der Eurovision Song Contest gewesen sein. Tatsächlich hat die Stadt noch nie ein vergleichbares Event erlebt, zigtausende waren hier zu Gast - als Zuschauer, Teilnehmer oder aus dem riesigen Tross der Mitarbeiter.

Und weltweit guckten Millionen zu, als Lena zwar gut, aber nicht auf Platz 1 abschnitt. Unschätzbarer Werbewert, hatten Experten vorher gesagt, der Name der Stadt wird danach bekannt sein wie nie.

Aber jetzt, ein gutes halbes Jahr später, darf man berechtigte Zweifel an der Nachhaltigkeit haben. Oder erinnern Sie sich daran, wo der ESC vor zwei Jahren, also vor Oslo (wo Lena gewann und uns den ESC bescherte) über die Bühne ging? Sehen Sie! Was also ist geblieben vom ESC?

Doch, es ist viel geblieben - wenn auch vielleicht ein bisschen anders als vorhergesehen: Der Stadt und ihrem Ansehen hat es gut getan, Düsseldorf hat gewonnen - so oder so: Nicht von ungefähr verzeichnen die Hallen-Anbieter seitdem verstärkte Nachfrage, weil die Arena schlicht gezeigt hat, wie großartig sie ist. Die Erkenntnis: Düsseldorf kann große Veranstaltungen.

Und wirtschaftlichen Erfolg hat die Stadt eh, das hat sich auch 2011 bestätigt, vor allem am Ende: Im Dezember wurde zum 13. Mal ein ausgeglichener Haushalt präsentiert, nach wie vor ist Düsseldorf schuldenfrei. Neben Dresden übrigens die einzige deutsche Großstadt. Im Grunde und objektiv gesehen ist das wichtiger als der ESC und Lenas "Taken by a stranger" (Oder wie hieß das Liedchen?)

So oder so gilt: Mitleid kriegt man geschenkt, Neid muss man sich erarbeiten. Wir haben es erlebt: Im Vorfeld des ESC erschien im "Spiegel" ein gehässiger (allerdings flott geschriebener!) Text unter dem Titel "Unser Dorf soll schöner werden", dessen Autor sich nachher, nach mehreren Tagen Aufenthalt während der Schlagersause, zum Düsseldorf-Fan gemausert hatte und eingestehen musste, er hätte da wohl einige Vorurteile abgekupfert.

Macht nichts, würden viele hier sagen - zumal er sich in bester Gesellschaft befand. Auch im neuen Merian-Heft über die Stadt wurde wieder eifrig gestichelt: Viel Geld, kein Stil hieß es aus der vermeintlich elitären und trockenpflaumigen Hanseaten-Redaktion des einst renommierten Heftes, dessen Leser stets stolz darauf waren zu wissen, dass das Wort Bello nicht nur ein Hundename, sondern ein italienisches Kompliment ist.

Viel Geld, kein Stil - darüber darf Düsseldorf müde lächeln. Denn übers Jahr wurde hier so einiges eingestielt. Der Umbau des Sevens, beispielsweise. Im Frühjahr ging?s los, und plangemäß wurde der Kö-Shopping-Tempel am 17. November wieder neu eröffnet. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft, das der Stadt - wieder mal - atemberaubende Umsätze (nebst Staus und viel Gedränge) brachte. Selbst die (meisten) Kaufleute sagten, sie seien zufrieden . . .

Das waren auch die Anwohner des Aaper Waldes und dessen Freunde sowieso: Der Verkauf eines früheren Bundeswehrgeländes machte die Menschen misstrauisch. Was würde der neue Eigentümer (ein Groß-Industrieller wurde als potenzieller Käufer genannt) tun? Würde er Zäune ziehen, Wege sperren? Weder noch: Angesichts massiven Protestes kam ein Verkauf erst gar nicht zustande, die Stadt selbst erklärte sich bereit, als Käufer aufzutreten (das Gelände gehört dem Bund) - um damit Ruhe in diese begehrte Wohngegend und das so beliebte Ausflugsziel zu bringen.

Das Gegenteil gelang in der Diskussion um den Tausendfüßler. Eigentlich soll er fallen, ein Ratsbeschluss liegt vor - aber immer aufgeregter wettert ein kleiner Kreis von Nostalgikern für den Erhalt der Hochstraße, die für einige nur ein Betonmonster aus einer Zeit ist, als man - ohne nachzudenken - dem Monster Auto huldigte. Der gesetzlich vorgeschriebene Minister-Entscheid für oder gegen den Abbruch, für Mitte Dezember erwartet, brachte nur einen Aufschub: Man wolle noch ein zusätzliches Gutachten. Das wird Monate dauern, und der ursprünglich geplante Abrisstermin Anfang April 2012 wird kaum zu halten sein.

Schnell voran geht es dagegen linksrheinisch: Mit riesigen Schritten wächst der neue Vodafone-Turm neben dem Heerdter Dreieck, und das Parkhaus im Oval dieses Verkehrsknotenpunktes nimmt ebenfalls Formen an. Unmittelbar daneben liegt ein Projekt, das Oberkassel verändern wird: der so genannte Belsenpark.

Im Laufe des Jahres wurden alte Gewerbebauten und Handwerkerhäuser abgerissen, und langsam wird den Menschen klar, welch gigantisches Areal dort darauf wartet, bebaut zu werden. Bald geht es los, in Oberkassel werden sich Schwerpunkte verlagern, und erstmals wird es eine direkte Achse bis hin zum Seestern geben.

Überhaupt - überall Kräne. Nicht nur am Kö-Bogen (der voran schreitet, Breuninger und Apple wollen einziehen) oder bei der Wehrhahn-Linie, sondern auch an mehreren anderen Stellen der Stadt: Das frühere Gelände des Derendorfer Bahnhofs entwickelt sich als schickes, neues (und teures) Viertel - und produziert schon Ärger, weil ein Teil der neuen Bewohner sich geprellt fühlt: Von den Hochhäusern, die ihnen bald vor die Nase gesetzt werden, haben sie nichts gewusst. Hoch hinaus will man nicht nur dort, sondern auch im Quartier M (neben dem alten Postamt am Worringer Platz).

Wohnen wird in Düsseldorf zum begehrten Gut, der Grund ist knapp - also taucht in der Planung immer öfter ein Wort auf, das vor nicht allzu langer Zeit verpönt war: Hochhäuser. Die müssen nicht zum sozialen Brennpunkt werden, beschwichtigt der städtische Baudezernent Gregor Bonin. Sein Chef, OB Dirk Elbers, sieht das ebenso. Er hatte 2011 einen guten Lauf, platzt beim ESC fast vor Stolz und spielt gern die Rolle des Walter Sparbier: Auf keinen Fall neue Schulden, sagt der OB, dann lieber hier und da verzichten. Nicht nur bei seiner Partei, der CDU, kommt das gut an: Sie verkündet jedenfalls zum Jahresende, bei der nächsten Wahl 2014 natürlich auf ihn als Nummer 1 zu setzen.

Eine Alternative gäbe es eh nicht - der Job ist bei in Frage kommenden Frauen und Männern keinesfalls beliebt. Ähnlich wie bei der SPD: Nach wie vor versucht sie mit mäßigem Erfolg ihren schwierigen Job als größte Oppositionspartei und muss dabei auf ein Gesicht, das jeder sofort mit den Genossen verbinden würde, verzichten - sie hat keines. Aber immerhin streiten die Genossen sich nicht mehr, seitdem Andreas Rimkus den Vorsitz übernahm.

Überhaupt kein Friede dagegen bei den Karnevalisten: Deren Geschäftsführer im Dachverband, dem Comitee Düsseldorfer Carneval (CC), Jürgen Rieck, war zwar bei allen respektiert, bei vielen gefürchtet, aber nur bei wenigen beliebt. Man gerät 2011 in Streit miteinander, und voller Groll bricht Rieck jeden Kontakt zu den Jecken ab. Aber nicht für lange: Bei einer Mitgliederversammlung erklärt er, doch noch weitermachen zu wollen, bis man einen Nachfolger gefunden hat. CC-Präsident Josef Hinkel, gerade neu ins Amt gewählt, nimmt das Angebot erleichtert an.

Hickhack auch in der Hotelbranche: Das Interconti an der Kö heißt kurzfristig Dorint, weil sich die zwei beteiligten Gesellschaften streiten: Einer Dorint-Tochter gehört die Immobilie, und sie vermietet sie an Interconti. Man ist uneins, Interconti streicht die Segel, Dorint springt ein. Dann, nach einigen Wochen Streit, alles wieder auf Anfang, eine kuriose Einigung zu nicht näher erklärten Bedingungen - und das alte Namensschild hängt wieder dran: Interconti macht weiter.

Wenig Freude bringt auch das neue Altstadtpflaster. Zuerst regte man sich auf, weil es Fettflecken bekommt. Dann platzen Ecken ab, Risse bilden sich, große Flächen müssen neu verlegt werden. Alles Schuld der Handwerker, sagt die Stadt, und daher müssen die auch zahlen. Fortsetzung folgt.

Wo wir gerade von Zahlen sprechen, und vom Geld - beides rückt in der Vorstandsetage der Sparkasse zeitweise weit in den Hintergrund. Dort sind sich Teile des Vorstandes spinnefeind, und auch der Verwaltungsrat fuchtelt ins Sparkassen-Gefüge. Am Ende gibt?s einen Vorstandsvorsitzenden auf Abruf (weil man ihm den Vertrag nicht verlängern will), einen anderen Vorstand, der wegen allzu selbstbewusstem Umgangston bei der Rathausspitze in Ungnade fällt und einer tüchtigen Vorstands-Frau, die das alles nicht schön findet und daher gern das Angebot annimmt, in Krefeld Chefin der Sparkasse zu werden.

Am Ende des Jahres gibt es mit Arndt Hallmann zwar einen neuen Vorstandsvorsitzenden, aber der Job der Dame - Birgit Roos - ist noch nicht neu besetzt. Dabei wechselt sie im März. Nun hat man zwar einen neuen Chef, der in ein paar Monaten anfängt, aber noch keinen Ersatz für Roos und bislang lediglich die Hoffnung, dass sich mit dem Wechsel im Frühsommer auch der Frieden wieder einstellt.

Bis dahin muss die Stadt auch ein wasserdichtes Konzept haben, um im womöglich wieder sehr heißen Frühjahr (der Sommer 2011 fand vor allem im April und Mai statt) den Ärger um Partys am Rheinufer zu unterbinden. Als im April der Hochsommer ausbrach und bis weit in den Mai hinein reichte, gab es nämlich mächtig Ärger mit Strom-Anwohnern und Spaziergängern: Tausende feierten am Rhein, und leider ließen viele von ihnen ihren Abfall zurück. Das will man künftig nicht mehr dulden. Wie genau das jedoch gehen soll, weiß noch keiner.

Das gilt auch für die kommende Kirmes am Rhein. Voriges Jahr gab es nie gekannte Debatten, weil die Sicherheitsauflagen nach der Katastrophe der Loveparade in Duisburg derart verschärft wurden, dass zwei renommierte Kirmeszelte - Füchschen und Uerige - im Vorfeld ankündigten, gar nicht erst antreten zu wollen. Großes Palaver, aber am Ende blieben die Wirte dabei: zu teuer, zu riskant. Wie es 2012 weiter gehen wird, ist offen.

Das ist auch der Erfolg der neuen Modemesse - cpd 2.0, sozusagen. Nach jahrelangem Siechtum entschlossen sich die Messemacher vor wenigen Monaten endlich, dem nicht zu rettenden Patienten ein gnädiges Ende zu gönnen: Die Modemesse verlässt das Messegelände in Stockum und sucht sich neue - ja, was? Locations, nennt man das auf Neu-Deutsch. Fündig wurde man in den Böhler-Hallen. Dort will man im kommenden Jahr Mode präsentieren und zeigen: Die Modestadt Düsseldorf ist lebendig wie eh und je. Vor allem: Hier wird das Geld verdient, was rund 800 Show-Rooms eindrucksvoll rund ums Jahr beweisen.

Zum Schluss noch was Kurioses? Bitte sehr: Was die Düsseldorfer über Monate aufregte, lag in der Luft. Weil eine Neusser Öl-Mühle an ihrer Technik werkelte, roch es in der Landeshauptstadt über Wochen wie - tja: wie in einer schlecht gelüfteten Jungen-Umkleidekabine einer 1950er-Jahre-Turnhalle. Weil das immer noch nicht zu Ende ist, haben die Leute langsam die Nase voll von diesem Neusser Import der ölfaktorischen Art.

Und dass Geschichte Ereignisse sind, die sich auch nach Jahrhunderten noch auswirken, lernten wir im Streit um die Rehabilitation zweier Frauen, die im frühen 18. Jahrhundert in Gerresheim als vermeintliche Hexen verbrannt worden waren. Allen Ernstes stritt man im Rat darum, wie ihnen zu gedenken sei. Und eine wirkliche Lösung gab es nicht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: ESC 2011: Raab rockt zur Begrüßung die Arena

(RP/anch)