Düsseldorf: Das lange Warten auf Kita-Plätze

Düsseldorf : Das lange Warten auf Kita-Plätze

Die Vergabe der Betreuungsplätze betrifft viele in Düsseldorf: Erzieherinnen, Tagesmütter und Arbeitgeber haben mit unserer Redaktion über ihre Situation gesprochen.

"Einige fragen schon nach Kita-Plätzen für 2014"

Metzgermeister Peter Inhoven freut sich über jede Mutter, die nach kurzer Elternzeit zurück in seinen Familienbetrieb kommt. Foto: Endermann, Andreas

Eine moderne Kita in einem Neubaugebiet — klar, dass dort die Interessenten Schlange stehen. "600 bis 800 Familien warten auf einen freien Platz", sagt Maria Otto, die in Derendorf die Kita Kindertraum des Deutschen Roten Kreuzes leitet. Im Juni 2010 war die Kindertagesstätte eröffnet worden, damit die Familien aus der neuen Siedlung ihre Jüngsten nah am Wohnort betreuen lassen können. 74 Kinder im Alter von vier Monaten bis zum Schuleintritt werden dort betreut. Doch der Bedarf ist größer als das Angebot, obwohl es mit 32 freien Plätzen pro Jahr großzügig bemessen ist. Selbst wer nur um die Ecke wohnt, erhält keine Garantie dafür, dass sein Kind dort unterkommt.
Wenn beim Tag der offenen Tür Eltern die Kita besichtigen und ihr Interesse für einen Platz anmelden, muss Maria Otto immer die Erwartungen dämpfen. "Manche fragen schon danach, wie es 2014 aussehen wird", berichtet die Kita-Leiterin. Mit Familien, die in die engere Wahl kommen, werden persönliche Gesprächstermine vereinbart, seit 1. März gehen die Zusagen raus. Neben den Vorgaben des Jugendamtes und dem Wohnort ist vor allem wichtig, dass das Kind vom Alter und Geschlecht in die Gruppe passt.
Dass Familien sich bei mehreren Einrichtungen vormerken lassen, ist für die Kita-Leiterin kein Problem. "Das ist selbstverständlich." Genauso sieht man das bei einem anderen Träger, der Awo. "Die Eltern haben schließlich das Wahlrecht. Es geht dabei ja nur um Vormerkungen, nicht um Anmeldungen", sagt Gudrun Siebel.
So sind in der Derendorfer Awo-Kita Pusteblume an der Liststraße die Vormerkungen von 150 im Kita-Jahr 2011/2012 auf derzeit 500 gestiegen. Den großen Ansturm sieht Gudrun Siebel als Zeichen der Verunsicherung. "In vielen, vielen Gesprächen erleben wir, unter welchem Druck die Eltern stehen. Die Zu- und Absage für einen Kitaplatz hat ja erhebliche Auswirkungen auf den Lebensalltag der Familien", sagt sie. "Die Sorge, keinen Platz zu erhalten, können wir gut verstehen." Auch nach einer Absage bis Mitte April könnten sich aber immer noch Änderungen ergeben.

Maria Otto leitet im Derendorfer Neubaugebiet an der Ulanenkaserne die DRK-Kita Kindertraum. Foto: Endermann, Andreas

"Manchmal fühlen wir uns als Lückenbüßer"

Unter der langwierigen Kitaplatz-Vergabe, die noch bis Ende Juni dauert, leiden auch die Tageseltern der Landeshauptstadt. "Wir können momentan nicht planen. Einerseits warten Eltern ab, ob sie nicht doch noch einen Platz bekommen. Andererseits können auch wir Interessenten weder zu- noch absagen, weil wir nicht wissen, wer uns in den kommenden Monaten in Richtung Kita verlässt", sagt Heike Kröll, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Düsseldorfer Tagespflegepersonen. Ein weiteres Risiko: Eltern schließen "für alle Fälle" einen Vertrag ab, der dann im Sommer kurzfristig gekündigt wird.
"Manchmal fühlen wir uns als Lückenbüßer, obwohl wir qualifizierte Betreuer sind, die an Austauschtreffen sowie an Fort- und Weiterbildungen teilnehmen", sagt Kröll. Der in die Kritik geratene Kita-Navigator sei freilich nur ein Teil des Problems. Die eigentliche Platzvergabe erfolge über die Kitas beziehungsweise deren Träger. Und die ließen sich nicht selten Zeit bei der Auswahl der Jungen und Mädchen.
"Wir werden häufig nicht als Vollkraft ernst genommen, sondern sind ein Notstopfen", meint auch Susann di Mauro. Die aktuelle Entwicklung findet die Tagesmutter "dramatisch". Zahlreiche Eltern sagten weder zu noch ab, "wir hängen in der Luft". Zusätzliche Sorge bereitet den Betreuerinnen, dass Dreijährige bei der Suche nach einem Kita-Platz immer häufiger leer ausgehen. "Eltern holen plötzlich ihre Zweijährigen aus der Tagespflege und melden sie in einer Tagesstätte an — aus purer Angst, nach dem dritten Geburtstag keine Chance mehr auf einen regulären Kita-Platz zu haben", sagt Sabrina Stolpe (25). Für die Tagesmutter, deren Lohn bei 4,50 Euro brutto pro Stunde liegt, eine ungute Entwicklung. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass es mehr Sinn macht, "die Betreuung bis zum dritten Lebensjahr in einer Hand zu lassen".
Die Kritik von Eltern an jenen Tageseltern, die Aufschläge pro Stunde verlangen, ärgert Kröll. "Würden wir — wie gesetzlich gefordert — von der Jugendhilfe leistungsgerecht bezahlt, könnten die Kolleginnen auf solche Zuzahlungen verzichten."

Kleine Firmen brauchen baldige Rückkehr der Mütter

Peter Inhoven führt die Metzgerei an der Werstener Dorfstraße 86 in der dritten Generation. Von Kindesbeinen an hat er miterlebt, dass Mütter arbeiten. Als die Großeltern und seine Eltern das Geschäft führten, da pausierten junge Mitarbeiterinnen, wenn sie Mütter wurden, für kurze Zeit und kamen dann zurück in die Metzgerei. "Ich habe als kleines Kind mit den Kindern der Mitarbeiter auf dem Hof gespielt und bin mit ihnen gemeinsam in den Kindergarten St. Maria Rosenkranz gegangen", erinnert sich der 45-jährige Werstener.
Er freut sich immer, wenn eine Mutter nach nicht allzu langer Zeit wieder an den Arbeitsplatz zurückkehrt. In einem Familienunternehmen gehe es eben auch familiär zu. "Wenn jemand lange nicht dabei ist, tritt eine Entfremdung ein", sagt er. Seiner Erfahrung nach kehren die Mütter dann auch nicht an den alten Arbeitsplatz zurück. "Das finde ich schade, denn sie fehlen im Team, und auch den Kunden fehlt ein langjähriger Ansprechpartner. Wenn man schneller wieder zueinanderfindet, ist das besser." Irgendwann hätten viele Mütter auch genug von Feuchttüchern und Sandschäufelchen.
"Wir haben hier auch jeden Tag etwas zu lachen", sagt Inhoven, dem sehr wohl bewusst ist, dass Arbeitszeit kostbare Lebenszeit ist. Und er weiß es auch zu schätzen, dass Mütter und Väter durch die Elternzeit mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen können als frühere Generationen.


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